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Ist die Dreierkette wirklich offensiver als die Viererkette?

Wenngleich die Antwort auf eine eingangs gestellte Frage meist erst das Ergebnis einer ausgiebigen Tiefenanalyse ist, möchten wir sie dieses Mal gleich vorwegnehmen: Nein, die Dreierkette ist nicht offensiver als eine Viererkette. Zumindest nicht immer. Wie so häufig im Fußball kommt es auf Interpretationen und Rollenverteilungen an. Primär hängt die Entscheidung für eine Dreierkette also an einer Philosophie und dem damit zusammenhängenden Ausschöpfen bevorzugter Möglichkeiten. Denn auch hier gilt: Wie so vieles hat die Dreierkette Vor- und Nachteile.

Häufig wird die These aufgestellt, gerade in der Abwehr würde man durch das Einsetzen einer Dreierkette ein größeres Risiko eingehen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn sie kann durchaus dazu dienen, die Zentralkompaktheit in erster Linie zu stärken. Während sich bei einer Viererkette gegen zwei gegnerische Stürmer zwangsläufig eins-gegen-eins-Duelle ergeben, schafft man bei einer Dreierkette und zentrumsfokussierter Grundposition aller Verteidiger unabhängig von der Angriffsbesetzung des Kontrahenten im Regelfall lokale Überzahl. Auch bietet sie den Vorteil, dass alle Abwehrspieler im zentralen Bereich einen grundsätzlich geringeren Raum verteidigen müssen, was gerade das raumorientierte Verteidigen wesentlich vereinfacht. Die mannorientierten Verfolgungen mit zonenübergreifendem Übergeben fallen außerdem nicht so weiträumig und kompaktheitsgefährdend aus.

Des Weiteren stellt sie ein potenziell simples Mittel dar, um gegnerische Pressingversuche im eigenen Aufbauspiel zu isolieren. Da die meisten Mannschaften die Innenverteidiger im Regelfall mit maximal zwei Spielern attackieren, hat man durch den zusätzlichen dritten Mann im Zentralverbund deutlich mehr Möglichkeiten, die erste Pressinglinie des Gegners zu überspielen.

Zudem kann der "fehlende" vierte Spieler in der Kette anderweitig sinnvoll genutzt werden. Beispielsweise kann er eine Position in höheren Räumen des Mittelfelds oder sogar im Angriff einnehmen, sodass durch die Dreierkette indirekt die Zirkulationen und Überladungen in anderen Zonen erleichtert wird. Dies ist einer der Gründe, weshalb Trainer wie Pep Guardiola und Louis van Gaal, die das sogenannte Positionsspiel bevorzugen, oft auf Systeme setzen, die lediglich drei Spieler in erster Linie vorsehen. Ebenso erklärt es das häufig zu beobachtende Abkippen von Sechsern zwischen die Zentralverteidiger. Auf diese Weise wird in der Eröffnung eine dynamische Dreierkette inszeniert und ein meist pressingresistenter Spieler als primärer Aufbauakteur gewonnen, während die Außenverteidiger aggressiv vorschieben können.

Nachteilig wirkt sich eine Dreierkette vor allem dann aus, wenn sie in einem gruppentaktisch disharmonischen Verhältnis zu den Schienenspielern, sprich den äußeren (falschen) Mittelfeldspielern, steht. Logischerweise können drei Spieler die gesamte Breite des Spielfeldes nicht so effektiv abdecken wie es mit einem zusätzlichen Mann der Fall sein könnte. Die Schnittstellen sind grundsätzlich größer und Rausrückbewegungen in nebenliegende Horizontalzonen zeitintensiver. Demzufolge ist es oft Hauptaufgabe der Außenspieler, sich situativ in die Kette fallen zu lassen und die Flügel im ersten Drittel zu verteidigen. Sie stellen folglich eine Art Kompensationselement zu den (nicht existenten) klassischen Außenverteidigern dar, weshalb eine Dreierkette nicht selten dynamisch zu einer Fünferkette umgeformt wird. Relevant ist dabei, dass dieser Prozess im Einklang mit Raum, Situation und Zeit steht. Aufgrund dessen ist die Komplexität einer modernen Dreierkette durchaus enorm.

Fazit

Eine klare Aussage darüber zu treffen, ob die Dreierkette nun offensiv oder defensiv ist - geschweige denn, ob sie offensiver als eine Viererkette ist, ist kaum objektiv möglich. Prinzipiell bietet sie aber sehr viele Möglichkeiten und hat gerade bei eigenem Ballbesitz zahlreiche Vorteile. Egal, ob es dabei um den Spielaufbau und der Isolation des gegnerischen Pressings geht oder um die Zirkulationsoptionen in höheren Spielfeldzonen. Gegen den Ball ist die Dreierkette in ihren Strukturen entgegen vieler Meinungen sehr komplex, gerade in Bezug auf das strukturierte Abdecken der Flügel. Die gruppentaktische Abstimmung mit den Schienenspieler muss permanent optimiert werden, weil die Dreierkette als solche horizontal wenig kompakt ist.

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