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Gladbach und Rose: Es ist ein Prozess…

Max Eberl hat zum Ende der vergangenen Saison eine sehr kontrovers diskutierte Entscheidung getroffen. Er entließ mit Dieter Hecking den Trainer, dem er selbst knapp ein halbes Jahr zuvor noch eine Vertragsverlängerung angeboten hatte. Und das nicht etwa, weil Hecking in der Folge schlechte Arbeit geleistet hätte oder die Borussia ihren eigenen Ansprüchen hinterher lief. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe von Heckings Entlassung standen die Fohlen auf Platz 5, mit Tuchfühlung zu den Champions-League-Rängen. Eine Platzierung, die sehr gut in das Selbstbild der Borussia passt. Der Grund für den Trainerwechsel war ein anderer. Er hatte einen Namen: Marco Rose.

Marco Rose - ein moderner Trainer

Rose hat sich in den vergangenen Jahren beim FC Red Bull Salzburg einen Namen gemacht. Erst gewann er sensationell mit der U-19 des österreichischen Top-Klubs die UEFA Youth-League, wenig später stieg er zum Cheftrainer der ersten Mannschaft auf. Den Fluch der verpassten Champions League-Qualifikation konnte er dort in seiner Amtszeit nicht brechen, dafür schaffte man es bis in das Halbfinale der Europa League. Rose war auf dem internationalen Trainermarkt nach zwei Jahren als Cheftrainer der Salzburger Profis aber nicht nur deshalb so begehrt, weil er große Erfolge vorzuweisen hatte. Vielmehr ging es auch Max Eberl bei seiner Verpflichtung darum, dass Rose einen sehr modernen Trainertypen verkörpert. Seine Mannschaften zeichnen sich nicht nur durch ein aktives und intensives Spiel gegen den Ball aus, wie es in dem von Ralf Rangnick geprägten Verein in Salzburg üblich ist. Auch an das eigene Ballbesitzspiel hat Rose hohe Ansprüche. Es ist das Ziel, keine Spielphase zu priorisieren, sondern mit Ball, ohne Ball und in Umschaltsituationen überzeugend agieren zu können.

Was den Salzburgern nach kurzer Eingewöhnungsphase fast spielerisch leicht fiel, braucht in Gladbach noch eine Menge Zeit. Die Spieler wurden zu Beginn der Vorbereitung nicht müde zu betonen, wie anders die Philosophie von Rose im Vergleich zu seinem Vorgänger ist. Auch Eberl betonte immer wieder, dass er diesen „Kulturwandel“ bewusst forciert habe, Rose dafür aber auch Zeit benötigen werde. Die größte Veränderung wird dabei das intensivere Spiel gegen den Ball sein. Unter Hecking prägte eine zurückgezogene, weniger intensive und meist auf die Kontrolle des Raumes ausgelegte Strategie die defensive Spielweise der Borussia. Rose hat einen anderen Plan. Mit der bereits aus Salzburg bekannten Mittelfeldraute ist es nun erste Priorität, den Gegner so unter Druck zu setzen, dass man Ballgewinne für offensive Umschaltaktionen nutzen kann. Dabei vertraut Rose unterschiedlichen Mustern. Oft wird der Gegner bereits am eigenen Sechzehner zugestellt, um ihm die flache Spieleröffnung so schwer wie möglich zu machen. Dabei nutzt Rose üblicherweise Mannorientierungen und erlaubt seinen Spielern, viel nach vorne zu verteidigen, um dem Gegner gar nicht erst eine ruhige Ballannahme zu gestatten.

Die Basis ist das Pressing

Aber auch in Phasen des Mittelfeldpressings sollen die Fohlen unter Rose nicht weniger aktiv agieren. Hier geht es besonders darum, den Gegner in bestimmte Zonen zu leiten, um dort aggressiv den Ballgewinn zu forcieren. Meist versuchen die beiden zentralen Stürmer das gegnerische Spiel auf die Flügel zu leiten, um dort dann im Kollektiv den Außenverteidiger zu attackieren. Wichtig hierbei: durch die Gegebenheiten der Raute haben die Gladbacher automatisch eine große Anzahl an Spielern im zentralen Bereich des Spielfelds. Von hier aus gilt es vor allem für die zentralen Mittelfeldspieler stark zur jeweiligen Ballseite zu verschieben. Interessantes Detail: der jeweilige ballferne Achter entkoppelt sich häufig von dieser Verschiebebewegung und sichert ganz bewusst ballferne Räume. Dies ist eine Anpassung von Rose, weil auch er weiß, dass die sehr zentrumslastige Raute vor allem dann ausgespielt werden kann, wenn der Gegner sich wieder vom Flügel ins Zentrum lösen und auf die andere Seite verlagern kann. Auch Schalke gelang dies am ersten Spieltag einige Male, indem man über einen Rückpass zu Torwart Nübel und dessen präzise Schläge auf die Außenverteidiger schnell die Seite wechselte und das Gladbacher Pressing umspielte. Noch gefährlicher könnte es für die Gladbacher in Zukunft werden, wenn ein Gegner es versteht, das eigene Pressing auch flach auszukombinieren und durch mehrfache Seitenverlagerungen die laufintensive Spielweise an ihre Grenzen zu bringen. Wozu das führen kann, sah man z. B. in der zweiten Halbzeit des Vorbereitungsspiels gegen den FC Chelsea. Gladbach zeigte sich sich defensiv extrem anfällig, konnte kaum noch Druck auf den Ballführenden ausüben und den Gegner immer seltener daran hindern, vom Flügel zurück ins eigentlich so kompakte Zentrum zu spielen.

Die erste Halbzeit gegen Chelsea zeigte aber auch, dass die Mannschaft Roses Ballbesitzplan zumindest in Teilen schon umsetzen kann. Sie muss sich auch in dieser Spielphase an die Gegebenheiten ihrer Formation anpassen. Oft sieht man weit hochrückende Außenverteidiger, die dem Spiel im zweiten Drittel Breite geben sollen und gleichzeitig zurückfallende Achter, die die Innenverteidiger beim Spielaufbau unterstützen. Aus dieser Konstellation sucht man vor allem das flache und kleinräumige Spiel über Flügel und Halbraum und bindet dort auch einen zurückfallenden Stürmer oder Zehner ein. Alternativ bleiben die Außenverteidiger tief und versuchen selbst den Spielaufbau mitzugestalten. Da in diesen Fällen aber oft die Breite im Spiel der Borussia fehlt, ist es für den Gegner ein Leichtes, den Weg ins Zentrum zu blockieren. Dann bleibt den Außenverteidigern nur der hohe Ball die Linie entlang oder der Rückpass. Gleichzeitig scheuen sich die Fohlen auch nicht davor, den langen Ball auszupacken. Sowohl Innenverteidiger als auch Außenverteidiger suchen gerne die zentralen Stürmer per Chipball hinter den oder die gegnerischen Sechser. Hierbei möchte man sich zu Nutze machen, dass man im Zentrum aufgrund der eigenen Formation zumeist Überzahl hat und dementsprechend gut in das Gegenpressing kommt, wenn der Stürmer den Ball nicht selbst kontrollieren kann. 

Gladbach hat noch viel Arbeit vor sich

Die bisherigen Pflichtspiele offenbaren aber auch, dass die Borussia noch keinen Weg gefunden hat, mit diesen Mitteln aus dem Spielaufbau heraus konstant torgefährlich zu werden. Im Pokal gegen Sandhausen entschied man sich dafür, viel über tiefere Außenverteidiger und hohe Chipbälle zu lösen, scheiterte aber daran, den Ball im hohen Mittelfeld festzumachen. Dazu mangelte es an Breite im Spiel und an Tiefenläufen auf den Außenbahnen. Gegen Schalke entschied man sich für einen anderen Ansatz und baute vor allem über den tiefen linken Achter Neuhaus auf. Das gab der Borussia mehr Stabilität und Zeit in Ballbesitz, allerdings verpasste man es im zweiten Drittel oft, sich aus dem halblinken Raum heraus ins Zentrum zu orientieren. So blieb am Ende oft wieder nur der Weg über die Flügel. 

Es bestätigt sich nun also das, was Max Eberl seit der Ankunft von Rose predigt: Das Projekt erfordert Geduld. Das Fundament im Spiel gegen den Ball ist bereits stabil. Damit wird sich die Borussia auch in der frühen Phase der Saison einige Punkte erspielen können. Mit Ball braucht man mehr Zeit und wird womöglich vermehrt Rückschläge hinnehmen müssen. Das ist Teil des Prozesses, den die Borussia und Rose zusammen gehen wollen. Ausgang ungewiss.

Tags: Bundesliga, Borussia Mönchengladbach, Marco Rose

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