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Charles Aranguiz: Leverkusens Schlüsselspieler - und zwar in allen Spielphasen

Bayer Leverkusen setzt in dieser Saison den Weg fort, den es schon in der letzten Rückrunde unter Peter Bosz eingeschlagen hat: Es wird hoch und aggressiv verteidigt, viel Gegenpressing gespielt und einiges an Ballbesitz gesammelt. Dass die Werkself dabei trotz einiger struktureller und individueller Schwächen erfolgreich ist, liegt nicht zuletzt an einem Mittelfeldstrategen, der in vielerlei Hinsicht Boszs Fußballphilosophie verkörpert. Sein Name: Charles Aranguiz.

Charles-Aranguiz-2018-08-19.jpgIm rheinischen Duell mit der Fortuna aus Düsseldorf wich Leverkusen mal wieder von seiner 3-2-4-1-Aufbaustruktur ab und baute aus einer recht klaren 4-1-2-3-Formation auf, in der Aranguiz den einzigen Sechser gab. Der Chilene ist aber kein Ankersechser im klassischen Sinne – und genau das macht ihn für sein Team so wertvoll.

Ein Ankersechser agiert im Raum vor der Abwehr, häufig um die gegnerischen Stürmer herum. Er soll mit den Angreifern spielen, sie zusammenhalten, damit sich andernorts Räume öffnen. Seine Aufgabe ist es gleichzeitig, die Ballzirkulation seines Teams zu stabilisieren. Gegen den Ball muss er ebenfalls den Sechserraum unter Kontrolle halten. Nicht alle Ankersechser sind aber dafür gemacht, das ohne Unterstützung ihrer Mitspieler zu tun.


Zwischen Struktur und Dynamik

Aranguiz besticht vor allem durch seine Vorstöße, durch die er viele Gegenangriffe einleitet. In Leverkusens 3-6-1-System schafft er durch vertikale Läufe immer wieder Räume, indem er Gegenspieler mit in die Tiefe zieht. So kann sich Havertz fallen lassen, den Ball fordern und zum gegnerischen Tor aufdrehen. Dank Aranguiz entsteht Dynamik.

Auch aus etwas hektischeren Situationen, beispielsweise nach einem Ballgewinn im Gegenpressing, setzt Aranguiz gerne zu Vorstößen mit kleinräumigen Kombinationen an. Auf diese Weise konnte er gegen Düsseldorf nach kurzem Abwurf von Hradecky im Zusammenspiel mit Kerem Demirbay nach wenigen Pässen tief in die gegnerische Hälfte vordringen.

Darüber hinaus versucht Aranguiz in Umschaltsituationen immer wieder Pässe direkt hinter die Abwehr zu spielen. Angesichts von Offensivkräften wie Volland, Bellarabi und Bailley ist das oft keine allzu schlechte Idee. Gibt es keine Anspielstation ganz vorne, bricht er den Angriff eben ab. Zwar ist er im 4-1-4-1 als alleiniger Sechser etwas tiefer gebunden als es ihm vielleicht lieb ist: Durch das Unterstützen der Außenverteidiger und den Verlagerungen in seine Richtung kann er trotzdem viel Einfluss auf das Spiel nehmen.

Das ist besonders wichtig, weil Bayer über keine allzu spielstarken Innenverteidiger verfügt. Deshalb landet der erste Pass im Aufbau häufig bei den Außenverteidigern. Diese haben dann aus einer eher ungünstigen Zone heraus die Aufgabe, das Spiel aufbauen müssen. Durch Pässe nach innen, den Halbraumverlagerungen, kann Bayer aus den etwas durchsichtigen Flügelkombinationen ausbrechen und die Seite wechseln. Das geht schneller und ist effektiver, als wenn der Ball mühsam durch die ganze Viererkette laufen würde.

Wären Tah und Sven Bender gegen die Fortuna noch etwas spielfreudiger gewesen (was angesichts der frühen Führung allerdings kaum nötig schien), hätte Aranguiz den Ball dank seiner cleveren Läufe auch häufiger direkt im Sechserraum empfangen können. Seine Entscheidungsfindung ist hier nicht perfekt - er streut beispielsweise immer mal überambitionierte Pässe auf die Außenstürmer ein. Er kann aber durch seine Vertikalpässe auch viele Angriffe einleiten. Seinen Wert für das Team kann man in dem Kontext kaum hoch genug einschätzen. Immerhin ist er es, der hier und da eine gesunde Menge an Chaosmomenten in das Spiel der Werkself bringt, in denen sie so oft brilliert.

Kleine Pressingmaschine

In Peter Boszs Schwächephase bei Borussia Dortmund hatte sein Team vor allem mit Problemen beim hohen Verteidigen von Kontern zu kämpfen. Nuri Sahin und Julian Weigl konnten nicht raumgreifend genug verteidigen, um die hoch pressenden Offensivspieler abzusichern. Immer wieder boten sich Räume hinter den Spielern, die unmittelbar ins Gegenpressing gingen.

Aranguiz wiederum hat damit keine Probleme, im Gegenteil: Es liegt in seinem Naturell, nach Ballverlust dem Spielgerät sofort hinterherzujagen, ohne dabei einfach blind nach vorne zu stoßen. Seine Spielweise ist weiträumig genug, um defensiv alleine den Sechserraum hinter den fünf Offensiven zu kontrollieren und gleichzeitig nach vorne zu verteidigen. Immer wieder kann Aranguiz in diesen Momenten Pässe abfangen. Durch das Gegenpressing bleibt Bayer stabil und ist selbst in der Lage, gefährliche Gegenangriffe zu fahren. Aranguiz ist der Schlüsselspieler dieser Momente.

Wenn sich sein Team aus dem 4-1-4-1-Angriffspressing in ein eher 4-5-1-artiges Mittelfeldpressing zurückzieht, rückt Aranguiz gerne zwischen den beiden Achtern heraus, sodass er quasi die Zehnerposition besetzt. Gegen Düsseldorf ließ er sich auch häufig in die Viererkette fallen, um Kenan Karaman zu verfolgen. Darüber hinaus unterstützt er sogar oftmals die Außenverteidiger. Das Aufgabenrepertoire von Aranguiz ist vielfältig, seine Anpassungsfähigkeit enorm. Als kleine Faustregel lässt sich aus all dem ableiten: Wird der Ball gewonnen, ist Aranguiz nicht weit.

Welcher Spielertyp ist Aranguiz nun? 

Der Südamerikaner vereint Elemente eines Ankersechsers mit denen eines Box-to-Box Mittelfeldspielers in einer Art und Weise, die für ein Bosz-Team wie gemacht scheint. Er ist ein sicherer Ballbesitzspieler, der trotzdem das Spiel nach vorne treiben kann. Er ist ein aggressiver Pressingspieler, der trotzdem absichernd agiert. In einer Mannschaft mit Kai Havertz, Leon Bailey, Jonathan Tah oder den Bender-Brüdern kommt der Name Aranguiz oft zu kurz. Zu Unrecht. Denn letztlich ist er es, der das Bayer-Spiel trägt. Und zwar in allen Spielphasen.

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Tags: Bayer Leverkusen, Peter Bosz, Charles Aranguiz, unterschätzte Bundesligaspieler

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