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Benjamin Goller: der kleine Lichtblick im Bremer Lazarett

Die Leistungen von Werder Bremen sind momentan immer mit einer gewissen Vorsicht zu bewerten. Denn die Verletzungsmisere an der Weser hat mittlerweile abstruse Züge angenommen. Vor dem Spiel gegen Leipzig standen Florian Kohfeldt genau neun Spieler zur Verfügung, die vor der Saison zum festen Profikader zählten und fit für 90 Minuten waren. Entsprechend weit weg sind die momentanen Startaufstellungen von dem, was Kohfeldt eigentlich mit seinem Kader geplant hatte. Die unangenehmen Umstände spülen aber auch das ein oder andere junge Talent in die Bundesliga. Dieses Wochenende war es Benjamin Goller, der sein Startelfdebüt feiern durfte und mit seiner Leistung als kleiner Hoffnungsschimmer bei Werder-Fans durchgehen könnte. 

Wer nicht den ganzen Artikel lesen will:

- Bremens Personalnot ermöglicht Gollers Startelfdebüt

- Der Ex-Schalker kann ohne defensive Verantwortung offensiv glänzen

- Kohfeldt findet für den nominellen Rechtsaußen eine spannende Rolle im Zentrum

- Bremens Situation beschleunigt die Talententwicklung, die Erwartungen an die vielen jungen Spieler sollten aber gemäßigt bleiben

 

Bremen muss personell umbauen

Vor der Saison hätte wohl kaum jemand damit gerechnet, dass Benjamin Goller und Christian Groß in der Startelf des SVW stehen. Doch das Verletzungspech machte genau das möglich. Groß kam vor zwei Jahren aus der dritten Liga und hat im letzten Jahr ausschließlich für die zweite Mannschaft der Werderaner gespielt. In Liga vier wohlgemerkt. Goller kam von Schalke und hatte dort bereits ein Champions-League-Spiel absolviert. Den Durchbruch traute man ihm in Gelsenkirchen aber offensichtlich nicht zu. An der Weser sollte sich Goller in der zweiten Mannschaft einleben und perspektivisch eine Option in Kohfeldts Team werden.

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Dass dies bereits so früh Realität wird, kommt nach der Bremer Saisonvorbereitung überraschend. Goller war in der Vorbereitung Teil des Profikaders und konnte in Testspielen zumindest in Ansätzen zeigen, dass er das Bremer Spiel beleben kann. Doch dann stoppte ihn ein Muskelfaserriss. Gepaart mit der enormen Konkurrenz im Offensivbereich schien seine kurzfristige Perspektive im Kohfeldt-Kader eher dürftig. Das Problem mit der großen Konkurrenz erledigte sich allerdings schnell von selbst. Und nach eigener ausgeheilten Verletzung stand der 20-Jährige auf einmal in der Startelf. Dass er dabei einen seiner wenigen verbleibenden Konkurrenten, Niclas Füllkrug, selbst bei einem Zweikampf im Training verletzte, ist die skurrile Seite dieser Geschichte. 

Kohfeldt nimmt Goller defensive Verantwortung ab

Kohfeldt gab dem jungen Debütanten absichtlich eine Rolle, die ihm möglichst wenig Verantwortung für die Defensive aufbürdet. Tedesco hatte Goller auf Schalke mehrfach als Wingback einer Fünferkette getestet. Kohfeldt hätte diese Option ebenfalls gehabt, entschied sich aber dafür, Goller lieber ins Sturmzentrum des 5-3-2 zu stellen. So habe Goller nicht befürchten müssen, dass ein kleiner Fehler in der Defensive direkt zum Gegentor führt. Und: Er hatte mehr Freiheiten nach vorn, erläuterte Kohfeldt nach dem Spiel. 

Defensiv war Gollers Rolle unspektakulär. Bremen lief eher passiv an. Er musste mit seinem Nebenmann Sargent „nur“ den Aufbau nach außen leiten, den Sechserraum versperren und sich bei Bedarf am Rückwärtspressing beteiligen. Für einen sehr emsigen Läufer wie Goller ist das keine allzu große Herausforderung. Mit 11.47 km war er einer der Top-Kilometerfresser seines Teams. Nur Davy Klaassen spulte mehr Meter ab. 

Seine Freiheiten wusste Goller aber gerade offensiv zu nutzen. Dank seiner zentralen Position auf dem Feld kam Goller oft in die Situation, dass er zwischen den Linien den Ball behaupten musste. Und das, während viele Leipziger um ihn herum standen. Diese Aufgabe liegt nominellen Flügelspielern nicht immer.

Goller profitiert von seinem Geburtsdatum

Auf Schalke hatte Goller auch in der Jugend unter Norbert Elgert andere Herausforderungen zu lösen. Als Rechtsaußen gab er dem Spiel Breite, sollte in Umschaltsituationen in die Tiefe sprinten und isolierte 1-gegen-1-Situationen im Dribbling lösen. Goller war dabei über mehrere Jahre Leistungsträger von Elgerts U19, stach aber auch nie als Supertalent hervor. In gewisser Weise hatte er sogar Glück, dass er überhaupt so lange in der Jugend verweilen und unter Elgert trainieren durfte. Goller ist nämlich am 01.01.1999 geboren. Wäre er nur einen Tag früher zur Welt gekommen, wäre ihm quasi ein gesamtes Jahr Jugendfußball genommen worden. 

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Aufgrund seines für ihn sehr glücklichen Geburtsdatums war Goller stattdessen immer der älteste Spieler seines Jahrgangs. Die Vermutung, dass er seinen Spielern dadurch körperlich voraus gewesen sein könnte, trifft aber nicht zu. Ganz im Gegenteil, Goller wirkte selbst unter deutlich jüngeren Mit- und Gegenspielern eher schmächtig. In der Bundesliga zeigt sich dieser Nachteil noch viel extremer. Gollersdirekte Gegenspieler am Samstagabend hießen Upamecano, Konate und Orban. Alle drei sind an die 1,90 m groß oder sogar größer. Über ihre sonstigen körperlichen Vorraussetzungen wollen wir erst gar nicht reden. Nur so viel: Goller dürfte sich gefühlt haben wie die kleine Kommode zwischen mehreren Schrankwänden.

Goller: eher Vorbereiter als Abschlussspieler

Doch die kleine Kommode hat die Schrankwände das ein oder andere mal ausgetanzt. Goller war so klein, flink und schwer zu greifen, dass er die Leipziger Abwehr mehrfach durcheinander wirbeln konnte. Mit seinen kleine Bewegungen und dem tiefen Körperschwerpunkt ließ er auf kleinstem Raum Gegner aussteigen. Dadurch öffnete er neue Räume.

Sein Job war es allerdings nicht, mit Dribblings für Torgefahr zu sorgen. Vielmehr spielte er etwas zurückfallend. Anschließend kontrollierte er den Ball im Zentrum und leitete ihn an seine Mitspieler weiter. Goller spielte quasi den vorletzten Pass vor einem möglichen Treffer. Nur kam Werder nach Gollers Aktionen zu selten in Richtung Tor, als dass wirklich Zählbares dabei hätte herausspringen können.

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Wie wichtig kann Goller schon jetzt werden?

Trotzdem ist Goller in Bremen ein kleiner Lichtblick zwischen Lazarett und Tabellensituation. Die Verantwortlichen wollten Gollers Leistung nicht zu hoch zu hängen. Und das auch vollkommen zu Recht. Niemand sollte vom deutschen U-Nationalspieler erwarten, dass er das Bremer Offensivspiel über die nächsten Wochen trägt. Aber er kann es ein klein wenig beleben. Und er kann wichtige Erfahrungswerte sammeln, die seiner langfristigen Entwicklung helfen werden. 

Allgemein ist das vielleicht der eine positive Aspekt in Bremens aktueller Situation. Spieler wie Goller, Sargent, Friedl oder Johannes Eggestein bekommen mehr Einsatzzeiten, als es vor der Saison zu vermuten war. Und vermutlich auch deutlich mehr Einsatzzeiten, als es für einen Europa-League-Anwärter von Vorteil wäre. Hier liegt dann wieder der Nachteil der Bremer Situation. Mit Blick auf die Umstände wäre es vielleicht angebracht, die eigenen Saisonziele kurzfristig etwas herunterzuschrauben.

Bis sich das Lazarett etwas gelichtet hat, können sich Werder-Fans aber immerhin an der Entwicklung der eigene Talente erfreuen. Immer mit der Hoffnung, dass aus dieser unangenehmen Lage irgendwann etwas Großes, Positives entsteht. Sollte Goller irgendwann mal ein guter Bundesliga-Spieler werden, denkt man vielleicht an jenen Abend gegen Leipzig zurück...

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Tags: Bundesliga, Werder Bremen, Florian Kohfeldt, Benjamin Goller

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