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Schafft es Wolfsburg mit dem Glasner-Pressing bis in die Champions League?

Selbst für das heutige Fußballgeschäft hat der VfL Wolfsburg einen skurrilen Trainerwechsel hinter sich. Bruno Labbadia hatte die Wölfe erst vor dem Abstieg bewahrt, in der abgelaufenen Saison erreichte er das europäische Geschäft. Trotzdem entschied er sich bereits während der Rückrunde gegen eine Vertragsverlängerung. Ganz unerwartet für Manager Jörg Schmadtke kam diese Entscheidung kaum. Interne Unstimmigkeiten waren bereits vorher öffentlich bekannt geworden. Von dieser misslichen Lage konnten sich die Wölfe schnell erholen. Sie verpflichteten Oliver Glasner. Auch wenn Glasner auf dem internationalen Trainermarkt nicht so gefragt war wie Trainerkollege Marco Rose, hat er bereits einen bleibenden Eindruck bei so manchem Experten hinterlassen. Die Anfänge seiner Zeit in Wolfsburg deuten darauf hin, dass er seine Philosophie auch beim VfL erfolgreich umsetzen kann.

Glasners Ideen greifen früh

Glasner genoss den ungewöhnlichen Vorteil, die Wölfe nach einer erfolgreichen Saison übernehmen zu dürfen. So konnte er taktisch wie personell auf ein gutes Fundament aufbauen. Der Kader der Wölfe war bereits zu Beginn der Vorbereitung sehr gut besetzt, dazu hatte man wenig Ausfälle zu beklagen. Dementsprechend konnte Glasner seine Ideen früh einbringen. 

Seine Philosophie fußt auf einem kompakten und über weite Strecken intensiven (Gegen-) Pressing. Dafür nutzt er wie schon bei seiner Zeit in Österreich ein 3-4-3 als Grundordnung. Aus einem hohen Mittelfeldpressing geht der VfL oft in Folge von klaren Pressingauslösern in ein höheres Angriffspressing über. Die drei Angreifer stehen dabei meist eng zusammen und versuchen den Spielaufbau des Gegners auf die Flügel zu leiten. Der gegnerische Außenverteidiger wird dann mit bis zu drei Spielern aggressiv unter Druck gesetzt, die Achter schieben stark zur Ballseite und versuchen das Zentrum zu verdichten. In der Vorbereitung zeigte sich, dass die Abläufe vorn bereits gut funktionieren.

taktikfuechseHinter der ersten Pressinglinie setzt Glasner auf viele Mannorientierungen. So kann man den Gegner im Zentrum sofort bei der Ballannahme attackieren oder gleich ganz aus dieser Zone herauszuhalten. Die Achter sind dazu bereit, das Zentrum zu entblößen und viel Raum hinter sich offen zu lassen. Dadurch kommt es häufig vor, dass nur ein Spieler den großen Raum zwischen Verteidigern und Stürmern besetzt (siehe Abbildung). So können die Wölfe immer genug Druck auf den Ballführenden ausüben. Zugleich besteht dennoch die Gefahr, dass der unterbesetzte Raum zwischen den Linien bespielt wird.

Wolfsburgs Pressing ist nicht ohne Risiko

Bislang schafft Wolfsburg es aber, diese Situationen weitestgehend zu vermeiden. Beide Achter haben ein gutes Gespür dafür, wann sie nach vorne verteidigen können. Man scheint ein Bewusstsein für die Gefahr dieser Staffelungen entwickelt zu haben, da beide Achter ein schnelles Rückzugsverhalten an den Tag legen, sobald sie überspielt werden. Gegen viele Gegner gibt es zudem auch gar nicht die Notwendigkeit für derart extreme Staffelungen. Am ersten Bundesliga-Spieltag gegen Köln kamen die Wölfe fast nie in die Verlegenheit, auf diese Art und Weise verteidigen zu müssen. Der FC baute das Spiel in seinen eigenen Ballbesitzphasen vor allem über die Flügel auf. Die Sechser Höger und Verstraete waren nur wenig ins Spiel eingebunden und hatten kaum Ballkontakte. Meist standen sie so hoch, dass es für Schlager und Arnold auf Wolfsburger Seite keine Veranlassung gab, weit aus ihren Positionen herauszurücken.

Das Gegentor beim 2:1 gegen den FC hatte aber indirekt dennoch mit der Rolle der Achter zu tun. Der weit offene Zwischenlinienraum zwingt auch die Innenverteidiger dazu, hoch zu stehen und viel nach vorne zu verteidigen. In der Vorbereitung hatte man in Folge dessen häufig Probleme bei hohen Bällen über die Abwehr hinweg. Die äußeren Innenverteidiger der Dreierkette (auch Halbverteidiger genannt) versuchen, möglichst lange hoch zu stehen. Tiefenläufe ihrer Gegenspieler nehmen sie erst spät auf. So entstehen besonders gegen schnelle Außenbahnspieler Schwierigkeiten, den großen Raum hinter der Kette zu verteidigen. Köln konnte auch diese Schwachstelle nicht für sich nutzen. Die Domstädter kamen gar nicht erst in die Situation, die Wolfsburger Abwehr nach vorn zu locken und dann den Raum dahinter zu bespielen.

In den Schlussminuten tat die Verzweiflung ob des 2:0-Rückstandes ihr Übriges. Die Kölner versuchten vermehrt hohe Bälle auf ihr Sturmduo Terodde und Modeste zu schlagen - mit Erfolg. In der Nachspielzeit erzielte der FC den Anschlusstreffer. Hierfür waren aber weniger taktische Schwächen bei Wolfsburg, als vielmehr eine unglückliche Kopfballrettung von Knoche verantwortlich. Glasner wird es trotzdem zu denken geben, dass man sich erneut anfällig nach einem langen Ball des Gegners zeigte. Auch wenn er nach dem Spiel betonte: "Wir haben bis auf das Gegentor kaum etwas zugelassen. Das war sehr gut."

Sind die Wölfe ein Kandidat für die Champions League?

Die grundsätzliche Freude über den gelungenen Bundesligaauftakt wird das in Wolfsburg aber nicht trüben. Schließlich gibt es andernorts viel größere Probleme, die in den nächsten Wochen angepackt werden müssen. Die Niedersachsen bestätigen dagegen den Eindruck aus der Vorbereitung, dass sie nach dem Trainerwechsel bereits früh auf dem richtigen Weg sind. Nicht umsonst sieht sie der ein oder andere Experte sogar als Kandidat für einen Champions-League-Platz. Ob es dafür am Ende reicht, hängt wohl auch davon ab, ob man im Laufe der Saison konstant Lösungen mit Ball anbieten kann. Schließlich wird man nicht jeden Spieltag von einer frühen Führung und einem solch positiven Spielverlauf wie gegen Köln profitieren können. Zuzutrauen ist es Glasner und den Wölfen, dass sie diese Herausforderung meistern. 

Tags: Bundesliga, VfL Wolfsburg, Oliver Glasner

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