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Baumgart weicht (leicht) von seinem Pressingplan ab

Der SC Paderborn 07 ist unter Trainer Steffen Baumgart von Liga 3 bis in die Bundesliga durchmarschiert - und das mit hochattraktivem Fußball. Das Hauptmerkmal dabei: ein aggressives Angriffspressing, das von Liga zu Liga durchgezogen wurde. Aber: Im ersten Bundesligaspiel wich Baumgart zumindest etwas davon ab.

Wenige Angriffspressingminuten

Paderborn begann die Partie zunächst wie gewohnt mit Angriffspressing. Dabei wurde die Leverkusener Dreierkette zu dritt angelaufen (Pröger, Mamba und Michel), auch Rückpässe zu Torwart Hradecky attackierte der Aufsteiger. Währenddessen wurde der ballnahe Sechser der Werkself von einem Paderborner Sechser zugestellt. Das Pressing funktionierte zwar gut, wäre aber aufgrund der vielen Leverkusener Ballbesitzphasen auf Dauer womöglich zu kraftraubend gewesen. Deswegen legten die Ostwestfalen selbiges nach nur wenigen Minuten erst mal ad acta und stiegen auf ein Mittelfeldpressing um.

Mittelfeldpressing & Zentrumsschließung

Grundsätzlich spielte Paderborn hierbei wie gewohnt 4-4-2. Die aufrückende Pröger-Rolle des Angriffspressings wurde dabei aber teils beibehalten. Der eigentliche rechte Mittelfeldspieler konnte so den linken Innenverteidiger Wendell anlaufen.

Auf diese Weise entstand manchmal ein asymmetrisches Paderborner 4-3-3, womit man dem Leverkusener Aufbau die Überzahl nahm. Baumgart sprach nach dem Spiel davon, dass man einen offenen Schlagabtausch provozieren wollte. Das gelang seinem Team in Kombination mit einer ordentlichen Intensität.

Paderborns Spitzen griffen die Aufbauspieler der Werkself immer wieder an, nahmen dabei den Sechserraum in den Deckungsschatten. So wollte man Pässe ins Zentrum verhindern. Das machte auch Sinn, baut die Werkself unter Peter Bosz doch am liebsten durch die Mitte auf. Der Weg über die Flügel wird hingegen eher ungern gewählt.

Zudem hielt Paderborn insbesondere die Abstände zwischen Mittelfeld und Angriff extrem eng, also den Raum, in dem sich die Bayer-Sechser bewegen. Selbst wenn Zuspiele diesen Raum erreichten, mussten die Sechser extrem schnell und klug aufdrehen, um das Spiel überhaupt nach vorn antreiben zu können. Kleiner Paderborner Wermutstropfen: Aranguiz und Baumgartlinger sind dazu in der Lage.

Ein weiteres Pressingdetail bei den Ostwestfalen: Während eine der Spitzen den ballbesitzenden Innenverteidiger anlief, positionierten sich die Sturmkollegen so, dass sie Pässe ins Zentrum abfangen konnten. Paderborn hatte also eine dreifache Absicherung, um den von Leverkusen so geliebten Sechserraum zuzumachen: Die Deckungsschatten der Stürmer, die engen Abstände zwischen ihnen und den kleinen Raum zwischen Sturm und Mittelfeld.

Damit ging die Baumgart‘sche Pressingstrategie auf. Leverkusen konnte oft aus dem Zentrum ferngehalten werden und anfangs auch ein paar Mal auf die Flügel gedrängt werden. Wenn der Ball doch mal ins hohe Mittelfeld kam, wurde das über ein Herausrücken des ballnahen Innenverteidigers verteidigt. Spätestens dort konnten die meisten Angriffe zerschlagen werden.

Passivität in Hälfte zwei

In Hälfte 2 wurde das Paderborner Pressing noch etwas tiefer. Dazu schraubte man die Intensität herunter. Das Ziel, das Zentrum zu schließen, änderte sich nicht. Die Innenverteidiger wurden aber nicht mehr angelaufen. Wenn man so will: Der Aufsteiger spielte ein tiefes, kompaktes 4-4-2-0. Funktioniert hat auch das. Gefährliche Leverkusener Angriffe waren in Hälfte 2 Mangelware. Nach dem erneuten Rückstand griff der SCP wieder auf das aggressive Pressing aus der Anfangsphase zurück. Baumgarts Team könnte also möglicherweise ein 'Pressing-Chamäleon' werden.

Ist Paderborn nun erstligareif?

Fazit: Der Aufsteiger presste über weite Strecken gar nicht so hoch, wie man es von ihm gewohnt war. In diesem Spiel war das aber durchaus ein kluger Schachzug. In der BayArena waren nur wenig eigene Ballbesitzphasen zu erwarten. Außerdem zeigten die Mannen von Peter Bosz in der letzten Saison, dass sie hohes Pressing toll auflösen können. In vielen anderen Spielen dürfen die Zuschauer dagegen darauf hoffen, dass der SCP wieder mehr auf Angriffspressing setzt - vor allem in Spielen, in denen sie mit mehr eigenem Ballbesitz rechnen können. Baumgart zeigt also: Er ist in der Lage, sich an die Herausforderungen im Bundesliga-Oberhaus anzupassen - ohne die eigene Philosophie komplett über den Haufen zu werfen.

Eine Niederlage konnte sein Team dennoch nicht abwenden. Vor allem deshalb nicht, weil Leverkusen mit hoher individuellen, technischen Klasse aufwartete. Ein No-Look-Pass wie von Baumgartlinger vor dem 2:1 und ein eleganter Abschluss wie von Havertz dürfte Paderborn nicht jede Woche um den Lohn bringen. Taktisch hat der Aufsteiger auf jeden Fall bewiesen, dass die Liga ihn nicht als Kanonenfutter einstufen sollte.

Tags: Bundesliga, SC Paderborn, Steffen Baumgart

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