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Streich-Elf: Mit der Chamäleon-Taktik zum ersten Dreier

Christian Streichs Aussagen auf der Pressekonferenz nach dem 3:0 gegen Mainz waren ein Abbild dessen, wofür der 54-Jährige im Jahr 2019 steht: Pragmatismus. Der 54-Jährige gab zu, im Vorfeld des Spiels lange geknobelt zu haben, ob es gegen die 05er eine Dreier- oder Viererkette werden sollte. Außerdem habe man das kompakte Zentrum des FSV bewusst meiden wollen. Damit bestätigt sich ein Trend der letzten Jahre. Streich hat sich verändert.

Wie ein Fußballliebhaber zum Pragmatiker wurde

Was bei all den sympathischen Interviews gern vergessen wird: Streich ist ein hervorragender Analytiker. Er weiß um die Stärken und Schwächen seiner Spieler und Gegner, weiß sich zu helfen, wenn Entwicklungen in die falsche Richtung laufen.

Dann wagt er auch mal einen radikalen Schnitt. Anders war das noch in der Abstiegssaison 14/15. Freiburg wollte das Spiel mutig und flach eröffnen, raste aber immer wieder ins gegnerische Pressing hinein, leistete sich viele Ballverluste. Die ungewöhnliche Schlussfolgerung von Streich: weiter Fußball spielen, keine langen Bälle, weil es keine passenden Zielspieler gibt. Obwohl der Abstieg bis heute als einer der vermeidbarsten aller Zeiten durchgeht, hat sich der kauzige Fußball-Lehrer seitdem ein Stück weit neu erfunden.

Schon in der zweiten Liga verzichtete er in der Rückserie oft auf den geliebten, flachen Spielaufbau. Stattdessen spielten seine Breisgauer mehr hohe Bälle, wollten so dem gegnerischen Pressing aus dem Weg gehen. Erloschen war das Freiburger Fußball-Dogma des schönen Kombinationsspiels - geboren war neuer Streich-Pragmatismus.

Und auch wenn das 4-4-2, das kompakte Verteidigen als ganzes Team, immer Teil der Streich'schen Fußball-DNA blieb: Freiburg glich fortan immer mehr einem kleinen Überraschungsei, auf das sich die 17 anderen Trainer nur schwer einstellen konnten. Zumindest im Detail passte Streich sich fein säuberlich seinen Gegnern und seiner eigenen Mannschaft an. Womöglich erreichte er in der Hinsicht in der letzten Saison sogar den vorläufigen Höhepunkt. Mal agierte man mit Ball extrem mutig, mal kurbelte man das Spiel mit langen Bällen an und setzte mehr aufs Umschaltspiel. Gleichzeitig fehlte den Freiburgern dadurch vielleicht sogar ein wenig die klare Identität. Und wenn man zurückdenkt: Damit genau das, was Streich in der Abstiegssaison - wenn auch mehr aus taktischen denn aus emotionalen Gründen - nicht hatte aufgeben wollen.

Ein klarer Streich-Plan gegen die Mainz-Raute

Wohin sich das Freiburger System in dieser Saison entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Am ersten Spieltag machte Streich zumindest erst einmal dort weiter, wo er im Mai aufgehört hatte: er orientierte sich am Gegner. Streich ließ gegen die Mainzer Offensive mit drei statt zwei Innenverteidigern spielen, setzte auf ein 3-4-3. 

Hatte man nach der Vorbereitung noch auf Freiburger Angriffspressing wetten können, verteidigte man zum Ligaauftakt weitaus weniger intensiv. Streich war vor allem daran gelegen, die Mainzer Raute lahmzulegen. Durch die drei Spitzen sollte dem Gegner der Weg durch die Mitte am besten gleich versperrt werden. Wenn das nicht gelang, war das Ziel, zumindest schnell in Zweikämpfe zu kommen, idealerweise mit mehr als nur einem Spieler.

Kurz gefasst: Streichs Defensivplan gegen seinen geschätzten Trainerkollegen Sandro Schwarz ging über weite Strecken auf. Der Meister der Gegneranpassung hatte wieder zugeschlagen. Das Interessante: Auch offensiv war das 3-4-3 eine Reaktion auf sein Gegenüber. Die Dreierkette sollte Freiburg dabei helfen, gegen die Mainzer Doppelspitze Überzahl zu haben. Vor allem Lienhart dribbelte als rechter Halbverteidiger häufiger Richtung Mittelfeld an und provozierte so beispielsweise ein Zusammenziehen der FSV-Defensive. Das wiederum sollte den beiden Flügeln etwas Platz verschaffen, um von dort Angriffe starten zu können. Manchmal holten sich die sogenannten Wingbacks den Ball auch gleich tief ab, zogen so gelegentlich einen Spieler aus der Mainzer Raute heraus. 

Freiburg zeigte auf diese Weise, dass in ihr tatsächlich ein kleines bisschen Ballbesitzmannschaft steckt. Wenn man so will: Obwohl man nach dem Abstieg neue Pfade beschritten hatte, geht im Team immer noch viel von Streichs Fußballliebe umher. Ohnehin besitzen die Breisgauer für einen vermeintlichen Abstiegskandidaten ungewohnt viele Spielertypen, die gerne den Ball am Fuß haben. Die Mannschaft hat außerdem über die Jahre ein ordentliches Gefühl für Spielsituationen eingeimpft bekommen. Sie kann abschätzen, ob der Raum zu klein ist, um in ihm zu kombinieren, ob die Verlagerung kommen muss oder nicht. Gerade letzteres forcierte man gegen Mainz häufiger. Logisch: Taktiker Streich wusste, dass eine raumorientierte Raute auf der ballfernen Seite seine Löcher hat. 

Dennoch hatte Freiburg zum Ligaauftakt auch mit einigen Altlasten der letzten Saison zu kämpfen. Vor allem: zu viele frühe, einfache Flanken und eine wechselhafte Besetzung des Strafraums. So konnte Freiburg zwar viele Abschlüsse auf dem Konto verbuchen, war aber dennoch weit von einem Offensivfeuerwerk entfernt. Im letzten Drittel hakte es beim Streich-Team.

Zumal die Idee des Coaches gegen höheres Mainzer Pressing lange Zeit kaum aufging. Schwolow spielte viele Bälle flach ins Feld, dann suchten Lienhart, Schmid & Co. schnell den langen Ball Richtung Offensive. Festmachen oder gar für Angriffe nutzen, konnte man sie selten. Zielspieler hat Freiburg noch immer kaum, die Offensivspieler sind auch 2019 eher Fußballer als Brecher.

Verkehrte Welt in der Schlussphase

Dass Ausnahmen die Regel bestätigen, zeigte Nils Petersen zehn Minuten vor Ende. Er verlängerte einen Kopfball, Höler tunnelte sich gegen Verteidiger und Torwart anschließend zum 1:0. Nur wenig später wurde die Partie dann das zweite Mal auf den Kopf gestellt. Ausgangspunkt des 2:0: ein langer Lienhart-Ball. Spätestens mit dem dritten Treffer, der durch einen Elfmeter von Waldschmidt fiel, war das Spiel so überraschend wie endgültig entschieden. Streichs Gegneranpassung, die pragmatische Chamäleon-Taktik, hatte sich mal wieder bewährt.

Tags: Bundesliga, SC Freiburg, Christian Streich

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