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Zwischen RB-DNA und Nagelsmann-Fußball

RB Leipzig ist einer der ambitioniertesten Vereine Deutschlands. Julian Nagelsmann gilt als einer der talentiertesten Trainer des Landes. Ein „match made in heaven“ müsste man meinen. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Nagelsmann bringt eine neue Philosophie mit

Der Fußball der RB-Vereine wird seit Jahren durch Ralf Rangnick und seine Philosophie des Pressing- und Umschaltfußballs geprägt. Nagelsmann dagegen entwickelte die TSG Hoffenheim in den letzten Jahren immer mehr zur Ballbesitzmannschaft - und zwar nicht zu irgendeiner. Man kann ohne rot zu werden behaupten, dass die TSG in den letzten zwei Jahren rein taktisch die beste Ballbesitzmannschaft der Liga war.  

Einher ging diese Qualität allerdings mit dem Verlust von Stabilität. Nagelsmann hatte keine Scheu davor, in Ballbesitz viele Spieler vor dem Ball zu positionieren und nur wenig Aufbaupersonal zu nutzen. Dazu vernachlässigte er an einigen Stellen Absicherung und Restverteidigung zu Gunsten einer durchschlagskräftigen Offensive.

All das sind taktische Kniffe, die man bei RB unter Rangnick so nie gesehen hätte. Leipzig war nicht umsonst das Team, das vergangene Saison die wenigsten Punkte nach Führung abgab. Hoffenheim hingegen verspielte - (auch) als Folge der eigenen Spielweise - die meisten Punkte nach Führung. Wer passt sich nun wem an?

Nagelsmanns Antwort auf diese Frage scheint eine einfache zu sein: warum nicht von beidem ein bisschen nutzen? Bereits in der Vorbereitung zeigte RB ganz unterschiedliche strategische Ausrichtungen. Mal presste man hoch und aggressiv wie zu Rangnick-Zeiten, mal wählte man ein eher passives Mittelfeldpressing, wie man es aus Nagelsmanns Zeit in Hoffenheim kennt. 

Mit dem Ball sah es ganz ähnlich aus. In einigen Spielen setzte man primär auf ein flaches Aufbauspiel, einen stark besetzten Zwischenlinienraum und viele Tief-Klatsch-Kombinationen. Alles typische Nagelsmann-Elemente. In anderen Spielen wiederum wurden gegen hohes Pressing vermehrt lange Bälle auf die Stürmer geschlagen und Torchancen vor allem nach Umschaltsituationen kreiert. 

Leipzig hat Anpassungsprobleme

Das Spannende dabei: Zu Beginn sah man, dass die ursprünglichen „Rangnick-Ideen“ der Mannschaft noch deutlich mehr liegen als die neue Philosophie von Nagelsmann. Die eine oder andere hohe Testspielniederlage rührte nicht zuletzt daher, dass man sich besonders mit dem neuen Aufbauspiel schwer tat. Viele einfache individuelle Fehler waren die Folge. 

Möglicherweise war das auch der Grund, weshalb Nagelsmann in der ersten Pokalrunde einen konservativen Ansatz wählte. Gegen den hoch pressenden Zweitliga-Aufsteiger aus Osnabrück vermied Nagelsmann jegliches Risiko im Aufbau. RB schlug viele hohe Bälle, die Poulsen mit traumhaft hoher Quote verarbeiten und weiterleiten konnte. Zusammen mit dem typisch intensiven RB-Pressing war das in der Theorie ein Auftritt, wie er für Leipzig in den letzten Jahren üblich war. 

In der Praxis fiel allerdings durchaus auf, dass Nagelsmann mit dieser Philosophie noch ein klein wenig fremdelt. Schließlich kassierte man auch zweimal nach Führung noch den Ausgleichs- bzw. Anschlusstreffer. Unter Kontrolle hatte man das Spiel an der Bremer Brücke quasi nie, was auch an Nagelsmanns untypischem In-Game-Coaching lag. 

Vom gewohnten 3-5-2 stellte Nagelsmann in der Halbzeit auf ein 5-4-1 um, mit dem man in der Folge meist weniger Druck ausübte und den Osnabrückern mehr vom Ball überließ. Eine Umstellung, die der offensiv denkende Nagelsmann so in Hoffenheim wohl nicht gemacht hätte und die nicht zu seinem Naturell passt. Kein Wunder, dass sie mehr schlecht als recht funktionierte. 

Ein vielversprechender Bundesligaauftakt

Gegen Union dagegen sah man bereits eine ganz andere Leipziger Mannschaft. Die Berliner zeigten sich bei ihrer Bundesliga-Premiere viel weniger mutig als der VfL eine Woche zuvor im Pokal und setzten RB im Aufbau erst deutlich später unter Druck. So war klar, dass RB seine erste richtige Ballbesitzaufgabe zu lösen hatte. Und diese meisterte man mit Bravour. 

Die Innenverteidiger übernahmen Verantwortung im Spielaufbau, dribbelten an und versuchten den Ball schnell per Flachpass ins hohe Mittelfeld zu bringen. Da Union diese Passwege im 4-1-4-1 theoretisch gut zustellen konnte, behalf sich Leipzig des Öfteren mit Tief-Klatsch-Kombinationen. Besonders der meist tiefe linke Achter Kampl tat sich hier als Anspielstation hervor. Meist reichte ein kurzer Pass auf den Slowenen, um einen Berliner Achter aus seinem ursprünglich zugeteilten Raum zu locken. Nach erfolgtem Klatschpass von Kampl war es für die Innenverteidiger ein Leichtes, den Pass durchs weit offene Mittelfeld auf einen der Stürmer zu spielen. Dieser konnte dann dort aufdrehen und auf die Berliner Abwehkette zulaufen.

Leipzig hatte aber auch noch andere Mittel parat, um den Berliner Defensivverbund zu knacken. Auf der rechten Seite agierte man z. B. oft etwas geradliniger. Über Rechtsverteidiger Klostermann versuchte man entweder Achter Sabitzer oder den jeweils ballnahen Stürmer in die Tiefe zu schicken, um so schnell in Richtung Strafraum zu kommen.

Dass Union dabei keine besonders gute Figur abgab und es den Leipzigern im Zentrum und auch auf den Flügeln zu leicht machte, lassen wir hier großzügigerweise unter den Tisch fallen. Die vielen haarsträubenden Fehler im Aufbauspiel taten aber ihr Übriges dazu, dass RB einen lockeren Auftaktsieg in der Bundesliga feiern konnte.

Das neue Chamäleon der Bundesliga?

Spannend wird nun sein, in welche Richtung Nagelsmann seine neue Mannschaft weiterentwickeln möchte. Bislang zeigt er sich dazu bereit, je nach Gegner seine Philosophie anzupassen und auch strategisch unterschiedliche Ausrichtungen zuzulassen. Das Potenzial, beide Spielweisen auf hohem Niveau umzusetzen und sich damit wie ein Chamäleon an die Situation anzupassen, haben alle Beteiligten in Leipzig.

Tags: Bundesliga, RB Leipzig, Julian Naglesmann

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