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Groundhog Day an der Weser (Teil 1)

Alles sollte anders werden bei Werder nach dieser Vorbereitung. Besser, um genau zu sein. Zu häufig startete man in den Vorjahren mit ambitionierten Zielen und kam dann nur mühsam in die Saison, musste Rückschläge hinnehmen und geriet direkt in Erklärungsnot. Doch nicht dieses Mal, so der Plan. Dieses Mal sollte alles besser werden. Mit Max Kruse ging zwar bereits frühzeitig ausgerechnet der Dreh- und Angelpunkt des Teams verloren, das die beste Saison seit knapp einem Jahrzehnt gespielt hatte, doch öffentlich wurde das weitgehend geräuschlos hingenommen.

Klar, eine Nachfrage hier und da und zu Beginn wurde nahezu jedes Gerücht eines Offensivspielers damit kommentiert, dass dies nun bestimmt der „Kruse-Nachfolger“ sei. Doch Baumann und Kohfeldt selbst gaben sich stets gelassen: Das Team sei eingespielt, bis auf Kruse konnten alle Leistungsträger gehalten werden und man sei nun flexibler. Kruse, so gut er auch war, brachte als Spieler eben doch gewisse Anforderungen mit sich, auf die das Team angepasst werden musste. Ohne ihn, so die Vorstellung, könne man nun variabler aufspielen, die Last auf mehrere Schultern verteilen und auch mal andere Varianten ausprobieren. Beispielsweise mit einem Zielstürmer wie Füllkrug vorne agieren oder das System grundsätzlich etwas anpassen. Außerdem gab es da noch Yuya Osako, der zwar eine etwas enttäuschende Saison hinter sich hatte, aber öffentlich nie zur Diskussion stand. Kohfeldt mochte ihn, Kohfeldt vertraute ihm. Im Verlauf der Vorbereitung konnte man auch sehen, warum.

Neu und doch vertraut – Eine Vorbereitung mit Detailfokus

Wer in der Vorbereitung erwartet hatte, dass Werder ohne Kruse gänzlich neue Wege gehen würde, wurde enttäuscht. Die wesentlichen Prinzipien des Kohfeldt’schen Fußballs blieben gleich: Über ein ruhiges und geordnetes Ballbesitzspiel soll der Gegner kontrolliert werden, durch geduldiges Verschieben sollen Lücken gefunden werden und gelegentliche Halbräumüberladungen sollen über die Flügel für Durchbrüche sorgen, um dann die Offensivspieler in Szene setzen zu können. Die Grundordnung blieb dabei weitgehend unverändert. Man agierte primär in einem 4-3-3 in Ballbesitz, in dem die Stürmer vorne nah beieinander bleiben, sich für Kombinationen untereinander und mit den Mittelfeldspielern und vorgerückten Außenverteidigern anbieten und situativ in die Tiefe starten, um eine Anspielstation hinter den gegnerischen Abwehrketten zu bieten. Defensiv wiederum lag der Fokus weiterhin auf einem 4-4-2, bei dem die beiden äußeren Stürmer sich ins Mittelfeld fallen lassen und einer der Achter, vornehmlich Klaassen, als zweite Spitze vorrückt.

Soweit die Basis. Im Fokus der Vorbereitung standen nun einige Anpassungen, die Werders Spiel ergänzen, bereichern und stabilisieren sollten.

1. Der Spielaufbau, Teil 1 – Nuri Sahin

In der Vorsaison gab es im Spielaufbau bei Werder zwei prägende Figuren: Niklas Moisander, der als Abwehrchef nicht nur die Defensive organisieren und koordinieren sollte, sondern zugleich der erste und wichtigste Spieler im Aufbau war. Ligaweit können nur wenige Spieler mit Moisanders Qualitäten im Aufbau mithalten, was sich unter anderem an seiner Packing-Rate erkennen lässt (s. hier). Insbesondere im Übergang vom ersten ins zweite Spielfelddrittel ist Moisanders Einfluss enorm. Der zweite prägende Akteur war der abgewanderte Max Kruse. Im eigenen Ballbesitz war Kruse nahezu omnipräsent, ließ sich oftmals tief ins Mittelfeld fallen und übernahm den Aufbau und das Einleiten der Angriffe, also den Übergang vom zweiten ins dritte Spielfelddrittel. Eben diese Rolle musste nun ersetzt werden. Wie angekündigt sollte das nicht durch einen einzigen Spieler geschehen.

Maßgeblich beteiligt waren hier Nuri Sahin und Yuya Osako. In der Vorsaison wurde häufig über Sahins Defizite in der Rückwärtsbewegung gesprochen, wobei etwas in Vergessenheit geriet, dass Sahin am Ball nach wie vor zu den begabtesten Spielern der Liga gehört. Seine Übersicht, Ballsicherheit und sein variantenreiches Passspiel können nach wie vor für Gefahr sorgen. Bei Werder sollte er dies nun wieder unter Beweis stellen. Im Aufbau wurde ihm in der Vorbereitung eine tragende Rolle zuteil: Mehr noch als zuvor sollte er im Mittelfeld derjenige sein, der sich als erste Option für die Eröffnung aus der Abwehr anbietet und fortan versucht, die Mitspieler in höheren Zonen in Szene zu setzen. Ein häufig genutztes Mittel waren hierbei Sahins präzise Bälle in die Spitze und hinter die Abwehr des Gegners. Im Testspiel gegen Eibar wurde dies besonders deutlich. Nach einem Ballgewinn Werders kam Sahin im Mittelfeld an den Ball und sogleich hörte man Kohfeldt vom Seitenrand brüllen: „Wenn Nuri den Ball hat, in die Tiefe!“ Die Mannschaft folgte Kohfeldts Aufforderung. Gleich vier Spieler stürmten im Vollsprint hinter die Abwehr Eibars, wurden von einem langen Ball Sahins perfekt bedient und erzielten ein weiteres Tor. Eben diese 'Chip-Pässe' sollten als Stilmittel verfeinert werden, um trotz Sahins Defiziten neue Möglichkeiten im Aufbau zu finden. Womit gleich die zweite prägende Figur ins Spiel kommt: Yuya Osako.

2. Der Spielaufbau, Teil 2 – Yuya Osako

Ähnlich wie Kruse ist auch Osako nicht das, was man sich unter einem typischen Stürmer vorstellt. Er ist mehr eine Art Halbstürmer beziehungsweise ein Mix aus Stürmer und Mittelfeldspieler, der sich bevorzugt in Zwischenräumen aufhält, für Kombinationen anbietet und eher über Tiefenläufe als konstante Strafraumpräsenz für Gefahr sorgt. Anders als Kruse ist Osako jedoch kleinteiliger in seinem Spiel, ist also weder in seinen Bewegungen, noch in seiner Art, Fußball zu spielen, so weiträumig wie Kruse. Auch er lässt sich im Aufbau fallen, bietet sich als Anspielstation an und liebt es, die Kombinationen mit seinen Mitspielern zu suchen. Aber ein Dirigent wie Kruse ist er nicht. Dessen Variantenreichtum im Passspiel hat Osako ebenfalls nicht. Während Kruse oftmals durch Spielverlagerungen und lange Bälle auffiel, sucht Osako vor allem das Kurzpassspiel. Doch genau das wollte Kohfeldt in der Vorbereitung auch. Anders als mit Kruse sollte es nun gelingen, die gegnerische Box konsequenter zu besetzen und so mehr Durchschlagskraft zu entwickeln. Osakos Rolle im Ballbesitz bezog sich daher vor allem auf die Zwischenräume zwischen dem zweiten und dem letzten Drittel. Hier sollte er sich als Anspielstation für Kombinationen anbieten und entweder mit dem Rücken zum Tor als Wandspieler agieren oder aber mit dem Ball aufdrehen und anschließend die Mitspieler in Szene setzen. Ein Punkt, der hierfür von großer Bedeutung ist, sind Läufe hinter die Abwehr des Gegners. Eben diese wurden sowohl im Training als auch in den Testspielen bei Werder immer wieder forciert. So wurde das, was Kruse vorher in einer Rolle verkörperte, auf mehrere Spieler aufgeteilt und um weitere Facetten ergänzt. Zumindest offensiv.

3. Die Konterabsicherung

Werders Entwicklung unter Kohfeldt ist selbst für Außenstehende gut wahrzunehmen. Die Mannschaft spielt wieder ansehnlicheren Fußball, hat ein neues Selbstbewusstsein entwickelt und kann plötzlich von erfolgreicheren Zeiten träumen. Ein Punkt, der auch unter Kohfeldt weiter Bestand hat, ist jedoch die Anfälligkeit für Gegentore. Dabei ist die grundsätzliche Defensivarbeit durchaus verbessert. Die Staffelung ist harmonischer als in den Vorjahren und das Pressing und Gegenpressing jeweils effizienter. Zwei Punkte sorgen jedoch für Probleme: Der eine Punkt ist eine zu häufig mitschwingende Passivität im Abwehrverhalten, wodurch zu geringer Druck auf die Gegenspieler ausgeübt wird und die, trotz grundsätzlicher guter Staffelung der Mannschaft, Chancen kreieren können. Der zweite Punkt ist die Anfälligkeit nach Ballverlusten, also die Anfälligkeit bei Kontern der Gegner. Ein bedeutender Grund hierfür ist, dass Werder sowohl im Mittelfeld als auch in der Abwehr schlichtweg langsam ist. Die Mannschaft beherrscht mittlerweile vieles gut, schnell zu laufen gehört allerdings nicht dazu. Insbesondere Sahin, der im defensiven Mittelfeld vor der Abwehr agiert, wirkt nach Ballverlusten fast schon wie ein übermüdet zurücktrabender Jogger, der sich bei seiner Strecke verkalkuliert hatte. Auch deshalb wurde nun Ömer Toprak verpflichtet, der neben Moisander für mehr Stabilität sorgen soll. Zusätzlich dazu soll eben jene angesprochene Intensität erhöht werden: Jeder Spieler auf dem Platz soll nach einem Ballverlust sofort schalten und entweder im Gegenpressing aktiv werden oder aber zurück in die Ordnung fallen. Dieses Einfordern der Intensität wurde von mehreren Trainingsbeobachter*innen in der Vorbereitung immer wieder deutlich angemerkt.

Wie der Zufall es so will, wartete am ersten Spieltag auf Werder nun ein Gegner, der genau diese Defizite in der Vorsaison auf besonders schmerzhafte Art und Weise vorgeführt hatte: Friedhelm Funkels Fortuna Düsseldorf. Für Werders Struktur und die neuen, alten Ambitionen direkt ein Härtetest, trotz der langen Verletztenliste bei Düsseldorf.

Nachwort: Die Analyse wurde von unserem Gastautor Joey verfasst. Ein großes Dankeschön vom gesamten Team geht daher an ihn. Wer mit Joey über Fußball und andere Themen diskutieren möchte, kann ihn gerne auf Twitter besuchen: Auf geht´s zu Joey.

Tags: Bundesliga, Werder Bremen, Florian Kohfeldt

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Bulirooooberts Avatar
Buliroooobert antwortete auf das Thema: #2 21 Aug 2019 22:52
Klingt alles sehr vielversprechend. Wenn Kruses Abgang wirklich durch Sahin und Osako aufgefangen werden kann, ist Weder für mich Kandidat für die Europa League. Außer Kruse hat man schließlich keinen Leistungsträger verloren.

Zumal man mit Kochfeldt einen sehr talentierten Trainer hat, der das Umfeld und die Mannschaft kennt und in Bremen in den letzten Jahren etwas entwickelt hat und weiter entwickeln kann.

Grundsätzlich sehe ich Gladbach und Wolfsburg auf den Plätzen 5 und 6. 7 kann u.a. Werder werden. Während wie oben aufgeführt wenig neu ist, hat Hoffenheim einen anderen Trainer und einige Leistungsträger verloren. Auch Frankfurt muss die Verluste von Jovic und Haller auffangen und hat mit der Dreifach-Belastung zu kämpfen - Werder nicht.
Und inwieweit Schalke eingreift ist Stand heute schwer zu bewerten.
Taktikgurus Avatar
Taktikguru antwortete auf das Thema: #3 22 Aug 2019 08:27
Toller Text! Allgemein mal ein großes Lob an eure Qualität. :)

Vorstellen kann ich mir auch, dass BRemen den Abgang von Kruse am Ende gut auffängt. Trotzdem halte ich Sahin für etwas zu positiv dargestellt. Er wird mMn helfen, wenn er das Spiel vor sich hat, ansonsten erinnert er mich so ein bisschen an Alonso. Mit Rücken zum Gegner in engen SItuation mit Problemen, aber ohne Druck ein herausragender Fußballer.

Ich würde das mit Angriffspressing kontern gegen Bremen. Dann hast du schon mal Moisander und Sahin aus dem Spiel.