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Keine graue Maus: Schreuders verrückte Ballbesitzideen

Alfred Schreuder steht für einen mutigen Ansatz im Spiel mit Ball, soviel wurde bereits in der Vorbereitung klar. Fraglos: Auch nach Julian Nagelsmann soll die TSG Hoffenheim weiter mit offensivem Fußball begeistern. Schreuder setzte zum Ligaauftakt gegen die Frankfurter Eintracht auf ein 5-2-3-/3-4-3-System, hatte dabei aber stärker in die Trickkiste gegriffen. Durch das frühe Gegentor war die TSG unmittelbar mit dem Szenario konfrontiert, das Spiel machen zu müssen, was ihr letztlich zumindest nicht komplett gelang. Ob Schreuder dem schweren Nagelsmann-Erbe tatsächlich voll und ganz Rechnung tragen kann, wird wohl erst die Zeit zeigen.

Hoffenheimer Aufbauprobleme gegen Angriffspressing

Schon vor Amtsantritt hatte Schreuder, der einst Co-Trainer von Nagelsmann war, gesagt: "Ich habe viel von ihm gelernt, wir denken ähnlich über Fußball." Das sollte sich beim Ligaauftakt erkennen lassen. Hoffenheim probierte sich auch nach Nagelsmann am Positionsspiel. 

Grundsätzlich vertraute die TSG aus dem 3-4-3 heraus auf einen sehr kleinräumigen, tiefen Aufbau mit vielen Doppelpässen und Ablagen. Anschließend versuchte sie, die dadurch entstandenen Dynamiken weiter nach vorne zu tragen und über Kombinationen Durchbrüche zu erzielen. Soweit so gut. Allerdings: Gegen Frankfurt, die besonders zu Beginn der Partie am Sonntag ein extrem hohes Pressing spielten, waren die am Ballbesitzspiel beteiligten Hoffenheimer sogar nochmal mehr unter Druck. Dementsprechend selten waren auch geglückte Kombinationen aus dem Spielaufbau heraus, wenngleich man zumindest gute Ansätze verbuchte. Schon im Pokalspiel gegen Würzburg hatte Hoffenheim Probleme offenbart, sich gegen einen pressenden Gegner durchzusetzen. Eine Schreuder-Aufgabe scheint damit also klar definiert, wollen die Kraichgauer eine Top-Ballbesitzmannschaft bleiben.

Aus Fünferkette mache: 4-1-2-3

Sobald die TSG sich mal ins zweite Drittel spielen konnte, wurde es nochmal interessanter, vielleicht sogar verrückter als unter Nagelsmann. Denn: Die Doppelsechs, vorher bestehend aus Rudy und Geiger, löste sich immer wieder auf. Frankfurt setzte sich im zweiten Drittel vermehrt in ein tieferes, 5-4-1-artiges Pressing ab. Geiger bewegte sich dann eher auf die rechte Acht, während Rudy als Solosechser der Ballzirkulation Ruhe geben sollte. Des Weiteren ließ sich Lukas Rupp von seiner Linksaußenposition fallen und bewegte sich viel quer durch den Zwischenlinienraum. Da seine eigentliche Position dadurch verwaist war, schob Zuber als linker Wingback oft höher, während der Rest der Fünferkette sich auf seine Seite bewegte. So gab es einige 4-1-2-3-hafte Staffelungen auf TSG-Seite, die durch eine ungewöhnliche Umformung aus der Fünferkette entstanden waren.

Ebenfalls spannend waren Bewegungen der Halbverteidiger, die in einigen Situationen im Halbraum nach vorne schoben. In der gegnerischen Hälfte verfolgten sie im eigenen Ballbesitz meist schon Gacinovic und Kamada, was direkteren Zugriff im Gegenpressing versprach, Vogt allerdings als alleinige Absicherung gegen Rebic zurückließ. Festzuhalten ließ sich spätestens da: Schreuder ist zumindest ähnlich risikobereit wie sein Vorgänger.

Eine weitere Besonderheit des Hoffenheimer Ansatzes war die auf beiden Seiten unterschiedliche Nutzung der Flügel: Auf rechts bewegte sich Kaderabek fast durchgehend an der Seitenlinie entlang, gleichzeitig war Skov in seiner Positionsfindung nicht ganz so frei wie Rupp. Der Neuzugang hielt zumeist seine Position im rechten Halbraum und tendierte eher nochmal zum Flügel hin. Die linke Seite wiederum war wie beschrieben kaum vom Linksaußen besetzt, Zuber machte das Spiel aber ebenso wenig breit, einzig Bebou besetzte ab und zu die Außenbahn. Meist bewegte sich Zuber jedoch im Halbraum und machte den Weg zur Seitenlinie nur dann, wenn sich der Ball bereits auf seiner Seite befand und es an Anspielstationen mangelte. Dinge, die teils schon in der Vorbereitung aufgefallen waren.

Daraus entstanden nun auch gegen die Eintracht einige ungewöhnliche Szenen, in denen Frankfurt zum Flügel hinausschob, der von der TSG aber gar nicht besetzt war. So konnte Zuber den Ball im Halbraum erhalten, während sein Gegenspieler sich weiter außen befand. Momente, die zeigten: Der Schreuder-Fußball könnte bei vielen Gegnern erst einmal für Verwirrung sorgen.

Interessant, aber noch nicht gut genug?

Letztlich blieben Hoffenheim zwei Wege zum Erfolg: Zum einen konnte man die riskante Frankfurter Absicherung attackieren, wenn das Gegenpressing der Eintracht aufgelöst wurde. Hier machte man sich also eine Schwachstelle des Gegners spielerisch zunutze. Alternativ blieben die beschriebenen Angriffe über rechts.

Das Umspielen des Gegenpressings gelang der TSG in einigen Szenen sogar sehr gut. Das Problem: Die entstandenen Gleich- oder gar Überzahlsituationen gegen die Frankfurter Dreierkette wurden nicht gut ausgespielt. So legte Hoffenheim die rechte Seite als Ziel der eigenen Angriffsbemühungen fest, die wohl nach kleinen Kombinationen aus dem linken Halbraum erreicht werden sollte. Trotzdem klappte es selten, wirklich Gefahr zu erzeugen.

Zum einen war es enorm schwierig, über die eher vorbereitende linke Seite durchzubrechen, was die TSG schon mal in ihren Möglichkeiten einschränkte. Zum anderen war Skov zu keinem Zeitpunkt in der Lage, gegen Hinteregger einen Durchbruch zu erzwingen. Der Däne war in den meisten Angriffen der Zielspieler der Kraichgauer, erhielt den Ball im rechten Halbraum und versuchte sich im Eins gegen Eins. Dabei wurde er jedoch ein ums andere Mal von Hinteregger abgekocht. Durch einige technische Fehler verschwand noch zusätzlich Tempo aus den Angriffen. Hoffenheim hatte letztlich also die Nagelsmann-typische Spielkontrolle inne, konnte Frankfurt zwischenzeitlich gut nach hinten drücken - die Torgefahr aus den letzten Jahren aber fehlte noch.

Spätestens mit der Einwechslung von Grifo wurde auch die beschriebene Struktur aufgelöst, da sich der Ex-Freiburger immer wieder vor oder hinter Zuber auf der linken Außenbahn anbot und von dort das Spiel antreiben wollte. In den nächsten Wochen wird es spannend, wie viel von der bisherigen Strategie überlebt und wo Schreuder Änderungen vornimmt. Denn so unorthodox die Taktik-Trickkiste des 54-Jährigen auch zu sein scheint: Am Ende zählt vor allem, ob er Nagelsmann auch punktetechnisch ansatzweise das Wasser reichen. Eine graue Maus wird die TSG unter Schreuder aber wohl so oder so nicht.

Tags: Bundesliga, TSG Hoffenheim, Alfred Schreuder

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