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Groundhog Day an der Weser (Teil 2)

Vorwort: Dies ist der zweite Teil einer großen Werder-Analyse, die unser Gastautor Joey geschrieben hat. Auch an dieser Stelle geht nochmal ein großer Dank an ihn. Teil eins findet ihr hier, Joeys Twitteraccount hier.

Long story short: Es war ein Fehlstart. Werder hatte sich viel vorgenommen, wollte es unbedingt besser machen als letztes Jahr und ging am Ende dennoch als Verlierer vom Platz. Vieles an diesem Spiel erinnerte, im negativen Sinne, an die Punktverluste gegen vermeintlich schwache Teams aus der Vorsaison. Werder hatte ein deutliches Übergewicht an Ballbesitz und ließ den Gegner weitgehend gut laufen, kombinierte gefällig und erspielte sich Chancen - traf aber nicht oft genug. Die letzte Durchschlagskraft hat zu häufig gefehlt und defensiv war man mal wieder zu anfällig. Gleich drei Gegentore kassierte man gegen ersatzgeschwächte Düsseldorfer. Besonders frustrierend: Jedes dieser Gegentore wirkte vermeidbar. Sowohl Werder als auch Düsseldorf sprachen daher im Anschluss vor allem über eines: die Effizienz. Während die Fortuna anerkennend als „eiskalt“ und „brutal effektiv“ beschrieben wurde, war Werder vor allem: nachlässig, naiv, anfällig. Die Enttäuschung über das Ergebnis war daher allen Beteiligten anzumerken. Man wollte es besser machen als letztes Jahr und doch wirkte vieles allzu bekannt.

Werder gegen Düsseldorf – kein gewöhnlicher Fehlstart

Fast schon krampfhaft wirkten daher die Versuche des Teams und des Trainers, darauf zu verweisen, dass das Spiel gar nicht schlecht gewesen sei. Das Ergebnis, da waren sich alle einig, war enttäuschend. Aber das Spiel an sich machte Mut. Stimmt. Denn allen Defiziten zum Trotz kann man Kohfeldt nur zustimmen: man wirkte in der Tat weiter als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison. Gerade in der ersten halben Stunde des Spiels agierte Werder dominant, zielstrebig und selbstbewusst. Werder machte Dampf. Auch Toprak, fast schon zum Heilsbringer auserkoren, wusste in der Anfangsphase zu gefallen. Bis plötzlich Sahin einen unkontrollierten Befreiungsschlag spielte, die Fortuna in Strafraumnähe in Ballbesitz kam und Werders Abwehr kollektiv die Orientierung verlor. Hennings erzielte mit Düsseldorfs erstem Schuss aufs Tor das 1:0.

Von diesem Rückschlag konnte Werder sich in der ersten Halbzeit nicht mehr erholen und ging sichtlich konsterniert in die Pause. In der zweiten Hälfte kam man dann erneut druckvoll aus der Kabine, bestimmte wieder das Spielgeschehen und belohnte sich dieses Mal durch Johannes Eggestein mit dem 1:1. Das Spiel war dabei, zu kippen – und wieder traf Düsseldorf. Dieses Mal spielte Maximilian Eggestein einen unkontrollierten Befreiungsschlag, die Fortuna eroberte das Leder im Mittelfeld, spielte einen langen Ball in die Spitze und traf nach kurzer Ablage per Dropkick vom Sechzehner. Anders als bei Hennings war das keinesfalls eine Großchance, doch sie reichte, um aus zwei Schüssen zwei Tore zu erzielen. Wieder wirkte Werder angeschlagen, entschied sich dieses Mal aber dazu, einfach weiterzumachen - und kassierte nach einem Eckball prompt das 1:3. Damit war das Spiel gelaufen, obwohl Werder in der Schlussphase noch mehrere Chancen hatte, um zumindest heranzukommen, wenn nicht sogar auszugleichen. Doch anders als die Fortuna konnte Werder diese Chancen nicht nutzen, was sowohl am starken Düsseldorfer Keeper Zack Steffen, als auch am eigenen Unvermögen lag – und an einer Prise Pech.

Und jetzt...?

Eben diese Faktoren sind es jedoch, die Werder Mut machen sollten. Anders als in den Vorjahren und anders als in der Vorsaison war es nicht so, dass man gegen einen tiefstehenden Gegner kaum zu Chancen kam und dann in Konter lief. Im Gegenteil. Defensiv zeigte man über weite Strecken eine gute Leistung, ließ lediglich eine hochkarätige Chance zu (das 1:0 durchs Hennings) und offensiv erspielte man sich ein deutliches Chancenplus, was sich unter anderem in den expected goals zum Spiel zeigt: 1,8 zu 0,8 nach xG. Das große Sorgenkind, die Konterabsicherung, funktionierte sogar überraschend gut. Keines der Gegentore entstand aus einer Kontersituation heraus, obwohl man gegen die Fortuna von Anfang bis Ende sehr offensiv agierte und weit aufrückte. Was eher zum Genickbruch wurde: Die fehlende Abstimmung zwischen Neuzugang Toprak und dem Rest der Abwehr, die schwache Chancenverwertung, die Formschwächen einiger Schlüsselspieler wie Maximilian Eggestein, Klaassen und Rashica sowie das Fehlen von Augustinsson. Defensiv konnte Friedl dessen Ausfall weitgehend kompensieren, im Offensivspiel wiederum fehlten jedoch Augustinssons offensives Passspiel und seine geschickte Positionierung in höheren Räumen. Dadurch lief bei Werder viel über rechts und Rashica, eigentlich der größte Trumpf der Offensive, blieb weitgehend wirkungslos.

Nun wird zwar Augustinsson vorerst weiter fehlen und auch Rashica bis auf Weiteres ausfallen, aber zumindest die Abstimmung zwischen Toprak und den Kollegen dürfte sich zeitnah verbessern. Zumal gegen Düsseldorf erschwerend hinzukam, dass Toprak bereits früh nach einem Zweikampf angeschlagen war. Auch offensiv gibt es, trotz Rashicas Verletzung, Grund für Hoffnung. Niclas Füllkrug ist laut Kohfeldt mittlerweile eine Option für die Startelf und kann durch seine physische Präsenz und seine Wucht in der Box für neue Impulse sorgen. Auch die größte Befürchtung, nämlich das Kreativvakuum nach Kruses Abgang, kam gegen Düsseldorf selten zum Vorschein. Osako machte seine Sache überwiegend gut, war anspielbar, setzte die Mitspieler ein und wusste in engen Räumen zu überzeugen. Ähnliches galt für Johannes Eggestein: Während es in der Vorbereitung schon wirkte als seien Füllkrug und Sargent an ihm vorbeigezogen und öffentlich bereits bekannt wurde, dass Kohfeldt ihn zum Mittelfeldspieler umschulen möchte, konnte er gegen die Fortuna in bekannter Rolle als Stürmer überzeugen. Er hat zwar nach wie vor Defizite in der Robustheit. Gleichzeitig ist er aber schlichtweg ein sehr cleverer Spieler, der sich gut zwischen den Linien bewegt, oft präsent ist, sehr ballsicher agiert und sowohl selbst für Torgefahr sorgen als auch die Mitspieler einsetzen kann. Gegen Hoffenheim ist es nicht unwahrscheinlich, dass man aufgrund von Rashicas Verletzung und Füllkrugs gestiegener Fitness versuchen wird, dies zu verknüpfen. Eine Möglichkeit wäre es, die Grundformation leicht anzupassen und auf eine Raute mit Osako als 10er hinter Johannes Eggestein und Füllkrug umzustellen. Auch Klaassen und Maximilian Eggestein werden mit großer Wahrscheinlichkeit nicht erneut einen Tag erwischen, an denen ihnen wenig gelingt. Dafür sind die beiden in der Vergangenheit zu oft durch ihre Konstanz aufgefallen.

Für Werder heißt es daher nun: Trotz des Rückschlags Mut schöpfen, an die positiven spielerischen Ansätze anknüpfen und gegen die TSG alles daran setzen, den kompletten Fehlstart mit 0 von 6 Punkten zu vermeiden. Trotz einiger negativer Aspekte gibt es hierfür genug Anlass zur Hoffnung.

Parallel dazu sollte Baumann weiter daran arbeiten, den Kader punktuell zu verstärken. Gegen Düsseldorf ist erneut deutlich geworden, dass es in der Abwehr und im Mittelfeld an Alternativen fehlt. Während Friedl auf der linken Seite zumindest nominell als Ersatz für Augustinsson fungiert, ist Gebre Selassie auf der anderen Seite konkurrenzlos. Ein dynamischer, jüngerer RV mit Offensivdrang könnte hier neue Optionen eröffnen. Im Mittelfeld wiederum gibt es nach wie vor zwei Optionen: Entweder man bemüht sich um einen defensiv orientierten Mittelfeldspieler, der vor der Abwehr für Stabilität sorgen kann und mehr physische Präsenz, Tempo und Qualitäten gegen den Ball mitbringt, um eine Alternative zu Sahin aufbieten zu können. Oder man setzt darauf, einen kreativen, dynamischen zentralen Mittelfeldspieler zu holen, der von einer der Achter-Positionen aus mehr Tempo und Spielwitz ins Mittelfeld bringen kann, um die Verbindung zwischen Mittelfeld und Angriff zu verbessern. In diesem Szenario wäre Maximilian Eggestein derjenige, der auf der 6er-Position die Alternative zu Sahin darstellt. In jedem Fall sollte Baumann schnell handeln, denn dass auch qualitativ hochwertige Neuzugänge unter unzureichender Eingespieltheit leiden können, konnte man gerade an Toprak sehen.

Tags: Bundesliga, Werder Bremen, Florian Kohfeldt

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