f logo RGB Blue 58 Twitter Social Icon Circle Color

Frankfurter Umbruch: zwischen Kompromissen & neuen Ideen

Wie so oft erwies sich eine erfolgreiche Saison für einen Underdog als Fluch und Segen zugleich. Eintracht Frankfurt hatte die vergangene Saison nicht nur überraschend in der Top-Sieben abgeschlossen. Vor allem in der Europa League schrieben die Adler mit erfrischendem Offensivfußball eine echte Erfolgsgeschichte. Selten riss eine deutsche Mannschaft die Massen auf internationalem Parkett so mit wie die Mannen von Adi Hütter. Selbst Inter Mailand konnte die SGE aus dem Wettbewerb kegeln. Einzig der spätere Sieger Chelsea verwies sie knapp in die Schranken. Dass dem Team nun ein Neuanfang bevorsteht, scheint der Preis zu sein, den es für den Erfolg bezahlen muss. Zu Saisonbeginn steckt man nun mitten in einer taktischen Umbruchsphase.

Vor allem die drei Büffel weckten nach der Reise durch Europa Begehrlichkeiten. Sebastian Haller zog es schließlich nach England zu West Ham. Luka Jovic wagte gleich den großen Schritt nach Madrid. Der eine verkörperte die für Hütter so wichtige Symbiose aus Körperlichkeit und Technik, aus Vollgas- und Ballbesitzfußball. Der andere machte häufig aus einer Chance ein Tor. Wenn man so will: Haller trug als Zielspieler das System der Eintracht, Jovic sorgte für die Effizienz. Einzig Ante Rebic, der dritte aus dem Trio Infernal, verweilt - Stand 23.08. - weiter am Main.

Konsequenterweise begann die Saison für Frankfurt mit vielen Fragezeichen. Würde man den extremen Qualitätsverlust halbwegs auffangen können? Wohin entwickelt sich der Hütter-Fußball ohne seine Schlüsselspieler? Durch den frühen Beginn der Europa-League-Qualifikation hat die Eintracht schon jetzt einen kleinen Pflichtspielmarathon hinter sich. Meistern konnte man den aber nur teilweise.

Gegen den Ball alles beim Alten - oder?

Hütter hatte früh in der Vorbereitung angekündigt, dass man gegen den Ball weitermachen wolle, wie man in der letzten Spielzeit aufgehört hatte: mit viel Aggressivität und Mut zur hohen Balleroberung. Kein Wunder: Schließlich war das Pressing das Prunkstück der Mannschaft. Der Gegner wurde hoch angelaufen. Damit kam er erst gar in den Genuss, das Spiel ruhig aufzubauen. Und wenn er es doch versuchte, konnte sich die Eintracht häufig Ballgewinn um Ballgewinn auf ihrem Konto gutschreiben. Das lag vor allem daran, dass die Mannschaft sich im Laufe der Saison gefunden hatte. Die Abläufe funktionierten so gut, dass Hütter selbst die Innenverteidiger ohne Bauchschmerzen in der gegnerischen Hälfte verteidigen ließ. Sie spielten dabei meist gegen die gegnerischen Flügel, wenn die Wingbacks da Costa oder Kostic aus ihren Positionen schossen. Im Zusammenspiel mit den Sechsern sorgten sie dafür, dass der Raum um den Ball extrem eng wurde, er früher oder später im Frankfurter Pressingnetz zappelte. Lokalkompaktheit nennt man das.

In den bisherigen Pflichtspielen zeigte sich aber: Die Feinabstimmung der letzten Saison fehlt noch. Das liegt daran, dass Hütter einige neue Personalien in sein System einzupflegen hat. Nicht nur Kamada, von dem sich Hütter offensiv viel verspricht, gibt der Mannschaft ein Gesicht nach den Büffeln. Die Doppelsechs musste bisher ohne den letztjährigen Garanten Rode auskommen. 

Die Konsequenz zeichnete sich schon im Pokalfight gegen Waldhof Mannheim ab. Auch beim Quali-Spiel gegen Straßbourg glich Frankfurts (Gegen-)Pressing phasenweise einem Ritt auf der Rasierklinge. Einerseits verteidigte man wieder weit in der gegnerischen Hälfte, besetzte die Abwehr wie so oft nur mit ein bis zwei Spielern. Andererseits fehlte den Abläufen noch ein gutes Stück alter Qualität.

Die nächsten Wochen werden zeigen, welche Schlüsse Hütter aus den Auftritten zieht. Der Österreicher führte zuletzt neben dem Angriffspressing im 3-4-2-1 schon eine ungewohnt konservative Defensivvariante ein. Gegen Hoffenheim und Straßbourg arbeitete sein Team phasenweise in 5-4-1-ähnlichen Momenten gegen den Ball. Und das ohne die ganz große Pressingmaschinerie aufzufahren. Schon aus dem letzten Jahr weiß man: Hütter ist bereit, einen Schritt zurück zu machen - um dann wieder zwei nach vorn zu kommen. So fing die letzte Saison an. Und so scheint die aktuelle zu beginnen.

Wie geht es offensiv ohne Büffel weiter?

Dass der offensive Umbruch letztlich größer ausfallen dürfte, lässt sich indes wohl kaum vermeiden. Hütter möchte die Vertikalität, die Zielstrebigkeit im Spiel nach vorn auf keinen Fall aufgeben. Er fordert von seiner Mannschaft ohne Wandspieler Haller aber mehr flache Pässe in die Tiefe.

Dafür hat er seinem Team nun eine neue Aufbauvariante verpasst. Gegen Straßburg baute Frankfurt fast durchgehend mit einer Viererkette auf. Einer der Sechser ließ sich neben Hasebe fallen, die Halbverteidiger Hinteregger und Abraham schoben nach Außen. Der Österreicher ließ es sich über viele Strecken sogar nicht nehmen, am Flügel weit nach vorn zu marschieren - Kostic rückte dann in die Mitte ein.

So interessant die Ideen auch sein mögen, so richtig funktionieren sie noch nicht. Hütter lässt die Halbräume und das Zentrum stärker besetzen, möchte, dass Kamada, Rebic & Co. hinter dem gegnerischen Mittelfeld immer wieder den Ball fordern. Hasebe, Hinteregger und auch Abraham sind in der Lage, sie dort zu finden, wenn der Gegner ihnen Lücken bietet. Auch deshalb schoss Frankfurt gegen Mannheim am Ende fünf Tore. Aktuell aber fehlen der Eintracht die Mittel, um diese Lücken selbst zu öffnen. Der Gegner wird noch zu wenig zerspielt, zu selten in Räume gelockt, damit andernorts welche entstehen. Hinzu kommt, dass es im hohen Mittelfeld noch an den Anschlussaktionen Richtung Tor hapert. 

Will Hütter also den Umbruch meistern, muss er womöglich selbst den nächsten Entwicklungsschritt gehen. Es gilt unter Beweis zu stellen, dass in ihm auch ein Ballbesitztrainer schlummert. Ein Ballbesitztrainer, der keine Büffel braucht.

Tags: Bundesliga, Eintracht Frankfurt, Adi Hütter

Anmelden