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Köln unter Beierlorzer: Pressing - und was noch?

Beim 1. FC Köln steht trotz des Aufstieges als Zweitliga-Meister ein Kurswechsel an. Von Markus Anfang, dem ein gepflegtes Ballbesitzspiel immer wichtig war, wechselte man zu Achim Beierlorzer. Der kommt aus der RB-Schule rund um Ralf Rangnick und denkt Fußball ganz anders. Das Spiel gegen den Ball steht an erster Stelle. Doch kann der FC vielleicht mehr?

Beierlorzer spielt gerne Außenseiterfußball

Es überrascht ein wenig, dass man diese Frage in Zusammenhang mit dem FC stellen muss. Schließlich war es Beierlorzer selbst, der bei seiner letzten Station in Regensburg immer mal wieder durchklingen ließ, dass ihm das Ballbesitzspiel gar nicht so wichtig sei. Zumindest würde man es nicht so sehr brauchen wie andere Teams.  Mit Jahn sei man ohnehin häufig Außenseiter und entsprechend weniger am Ball.

Mit dem FC findet sich Beierlorzer in einer ganz ähnlichen Ausgangsposition wieder. Als Aufsteiger hat man selten den Anspruch, das Spiel selber zu gestalten. Und auch wenn der FC, wie sagt man so schön, kein normaler Aufsteiger ist: In der Bundesliga gibt es jede Menge Teams, die den Kölnern individuell überlegen sind.

Insofern wäre es ein Leichtes für Beierlorzer, sich wieder voll und ganz auf das Spiel gegen den Ball zu konzentrieren. Und in gewisser Weise tut er das auch. Die Basis seines Spiels ist und bleibt das Pressing. Aus einem 4-4-2 oder 4-2-2-2 heraus will man dem Gegner so wenig Zeit wie möglich am Ball geben. Um diese Art von Druck aufzubauen, braucht es viele Sprints und intensive Läufe, die der FC schon seit dem ersten Spiel unter Beierlorzer zeigt. Mit Vollgas nach vorne verteidigen ist die Devise.

Im Pressing nichts Neues 

Die Abläufe im Pressing sind dabei altbekannt. Die Stürmer decken erst den Sechserraum, versuchen dann die Innenverteidiger im Spielaufbau voneinander zu trennen. Dann wird der Pass auf den Außenverteidiger provoziert. Dieser wird aggressiv angelaufen und vom restlichen Spiel isoliert. So weit, so gewöhnlich. 

Auch unterschiedliche Aufbaustrukturen stellen für den FC und Beierlorzer kein großes Problem dar. Am ersten Spieltag bekam man es in Wolfsburg mit einer Dreierkette zu tun. Beierlorzer stellte die Abläufe in vorderster Linie kurzerhand etwas um. Statt eines zweiten Stürmers setzte der FC in der Startelf auf Zehner Dominik Drexler, man presste mehr aus einem 4-2-3-1 als aus dem gewohnten 4-4-2 heraus. Die äußeren Mittelfeldspieler positionierten sich klug zwischen den Wolfsburger Halbverteidigern und Wingbacks und nahmen ihnen so oft die Option, das Spiel über die Außen zu gestalten. In der Mitte sorgte Drexler gleichzeitig dafür, dass der ballnahe Wölfe-Sechser möglichst nicht anspielbar war. 

Schafften es die Wolfsburger doch einmal auf die Flügel, sollten die Außenverteidiger aggressiv anlaufen und dem Wolfsburger Wingback keine Luft zum Atmen geben. Häufig gelang dies. Wie in der Vorbereitung gab es aber auch Momente, in denen ein gegnerischer Spieler aufdrehen konnte, weil sich die Kölner Abwehrkette nicht getraut hatte, weit genug nach vorne zu verteidigen. Doch diese Szenen blieben Ausnahmen, Gefahr entstand aus ihnen fast nie.

Köln kann doch Ballbesitz

All das dürfte beim FC niemanden überrascht haben. Schließlich hat man Beierlorzer genau dafür geholt. Viel überraschender ist es, dass der FC auch Ballbesitz kann - zumindest manchmal. In der Vorbereitung zeigten die Kölner erstaunliche Ballbesitzphasen, für die, überspitzt gesagt, vielleicht sogar Pep Guardiola applaudiert hätte. Um das ganz große Risiko im Aufbau zu vermeiden, fokussierte man sich dabei auf die Flügel. Dort zeigte man teilweise gute Dreiecks- oder sogar Rautenbildungen und versuchte, sich auch in Drucksituationen mit flachem Kombinationsspiel zu befreien. Gelang dies nicht, blieb immer noch der lange Ball die Linie entlang. Hatte man die erste Pressinglinie des Gegners flach überspielt, sollte es wie auch nach Ballgewinn schnell und vertikal nach vorne gehen.

Generelles Ziel des FC ist es, möglichst schnell in den Strafraum zu kommen. Dafür suchen die Stürmer schnell den Weg in die Tiefe, gleichzeitig scheut man aber auch eine (Halbfeld-) Flanke nicht. Ein probates Mittel, da der FC häufig zwei kopfballstarke Sturmspitzen aufbietet.

Klappt das Spiel über die Flügel nicht, ist der FC allerdings doch schnell überfragt. Den Weg über das Zentrum wählt man fast nie. Die Sechser haben eher die Aufgabe, nach Kombinationen auf dem Flügel für Seitenverlagerungen oder ein mögliches Gegenpressing bereit zu stehen. Weniger geht es darum, das Aufbauspiel über den Sechserraum selbst zu gestalten. Deshalb bekommt man auch den eigentlich so wichtigen Zehnerraum kaum ins Spiel eingebunden. Selbst im Spiel gegen Wolfsburg, bei dem Beierlorzer den kreativen Drexler einem zweiten Stürmer vorzog, kamen nur wenig Impulse aus dieser Zone. Dies lag schlicht daran, dass es in der Spielanlage des FC nicht vorgesehen ist, diesen Raum besonders oft zu suchen. Dementsprechend sinnvoll könnte es in der Zukunft sein, wieder mit zwei klassischen Stürmern zu spielen und die kreativen, kombinationsstarken Spieler auf die Außenbahnen zu schieben.

Unabhängig vom Personal ist es aber spannend zu sehen, dass der FC mehr kann als nur Pressing. Es wird eine von Beierlorzers Aufgaben sein, diese Ansätze so zu entwickeln, dass der FC einen Nutzen daraus ziehen kann. Besonders gegen die kleinen Gegner, die noch weniger Anspruch auf den Ball haben als der FC, kann das ein entscheidender Vorteil sein.

Tags: Bundesliga, Achim Beierlorzer , 1. FC Köln

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