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Mainz am Scheideweg: Weiterentwicklung als Fluch?

Aus der einstigen Pressingmaschine wurde in der vergangenen Saison ein Team, das seinen Gegnern in allen Spielphasen Paroli bieten wollte. Mit Ball, gegen den Ball, nach Ballverlust, nach Ballgewinn. Die Rede ist von Sandro Schwarz‘s  Mainzern. Schon vor dem Start der letzten Rückserie hatte der 40-Jährige selbstbewusst angekündigt: „Es geht nicht darum, sich übers Pressing zu definieren. Es geht darum, immer eine Lösung zu haben, egal wie der Gegner spielt.“ Und auch wenn es bei den 05ern oft noch an vielen Kleinigkeiten hakte: Belege für die Entwicklung eines Taktik-Komplettpakets gab es einige. Doch man läuft Gefahr, sich in dieser Idee zu verlieren - und im schlimmsten Falle vieles ein bisschen, aber nichts besonders gut zu können.

In Hoffenheim denkt wohl kaum jemand gerne an den 34. Spieltag zurück. Schließlich ließen die Mainzer dort den TSG-Traum von Europa platzen. 4:2 hatten die Kraichgauer am Bruchweg verloren. Nach 0:2-Führung wohlgemerkt. Mainz nutzte in Überzahl Hoffenheims Alles-oder-Nichts-Strategie aus, hatte Ballgewinne, spielte schnelle Angriffe und Konter nach vorn. All das erinnerte an alte Zeiten – womöglich sogar mit noch mehr Finesse. Mateta oder Boetius dürften zu den besten Fußballern der jüngeren 05er Geschichte gehören.

Was Sandro Schwarz in der neuen Spielzeit aus seiner Mannschaft herausholen kann, steht derzeit dennoch in den Sternen. Die Mischung aus Ballbesitz- und Umschaltfußball der Rückserie ließ darauf hoffen, dass die Mainzer den Schritt zu Alleskönnern meistern würden. Logischerweise nicht in Perfektion. Dem Anspruch in allen Spielphasen ein gutes Fundament zu entwickeln, schien man aber gerecht werden zu können. Genau das könnte nun eher Fluch als Segen werden.

Mehr Spielzerstörer als Ballgewinner

Alles baut auf der Mittelfeldraute auf. Die Vorteile gegen den Ball liegen auf der Hand: Mit einem Zehner, zwei Achtern und einem Sechser stellt Mainz ein massives Zentrum. Wer dort hineinspielt, hat schlechte Karten mit Ball wieder herauszukommen. So die Theorie.

In der Praxis zeichnet sich ein wechselhaftes Bild. Die Mainzer Raute ist noch nicht 100%ig sattelfest. Vor allem, wenn der Gegner Spieler wie Freiburgs Luca Waldschmidt hat. Der nämlich schlich letzten Samstag gelegentlich in freien Räumen der Raute herum, machte sich dort anspielbar. Und bot damit eine Erkenntnis für alle kommenden Gegner: Das Mainzer Mittelfeld ist trotz Raute zu knacken, wenn sich die FSV-Spieler stark an ihren Gegnern orientieren. Dann heißt es für einen Stürmer Waldschmidt-like ins Mittelfeld zurückzufallen. Am besten im Rücken der Raute.

Das ist aber nicht das Mainzer Hauptproblem. Die Kompaktheit im Zentrum dürfte ausreichen, um den Großteil der Bundesligisten hier in Schach zu halten. Meist traut sich der Gegner auch gar nicht erst von selbst in die Mitte hinein. Die Gefahr scheint zu groß, dass die Raute dort doch zuschlägt. Daher wird oft lieber die Sicherheitsvariante über die Außenbahn gewählt. Freiburgs Christian Streich gab nach dem Spiel zu, dass man die FSV-Raute in erster Linie mit Flügelspiel kontern wollte.

Die Folge: Mainz muss sich im Zentrum selten mit seinem Gegner auseinandersetzen. Wirklich helfen tut das womöglich aber gar nicht. Denn vor allem in der Mitte ist die Chance auf profitable Ballgewinne groß. Vor allem von dort kann bei Ballgewinn zielstrebig in Richtung Tor gespielt werden. Die Raute aber treibt die Gegner auf die Flügel.

Um den gegnerischen Außenverteidiger unter Druck zu setzen, prescht meist einer der Achter aus der Raute vor. Der Weg aus dem zentralen Mittelfeld Richtung Flügel ist aber selten kurz genug, damit der Außenverteidiger nicht mehr kontrolliert vor den Ball treten kann. Häufig gelingt ihm zumindest noch der lange Ball die Linie entlang. Mainzer Ballgewinne im Zentrum oder in Tornähe? Oft Fehlanzeige. In vielen Fällen kann man den Angriff nur an der Seitenlinie rund um den Mittelkreis herum zerstören.

Dasselbe Spielchen bei hohem Pressing: Die Kompaktheit stimmt, wenige Gegner können sich spielerisch aus der Mainzer Balljagd befreien. Das will der Großteil aber auch gar nicht. Lieber schlägt man den langen Ball, als Gefahr zu laufen ihn am eigenen Strafraum zu vertändeln. Geschichten wiederholen sich: Mainzer Ballgewinne im Zentrum oder Tornähe: dann Fehlanzeige.

Auch mit Ball läuft es nicht rund

Das wäre wahrscheinlich halb so schlimm, wenn der Mainzer Spielaufbau Torgefahr bringen würde. Auch hier lädt man seine Gegner ein, die Raute zu kontern, die Mitte zu schließen. Freiburg tat das mit drei Stürmern und auf Pressing lauernden Mittelfeldspielern dahinter. Die Überzahl der Schwarz-Raute konnte man so nur vereinzelt ausspielen. Zumal sich auch in diesen Szenen gegen Freiburg offenbart hat: Nur durch die Mitte geht es selten. Der Gegner kann sich darauf einstellen, sich eng zusammenziehen. Will man dann im Mittelfeld Richtung Flügel verlagern, heißt es auf die Außenverteidiger zu warten. Die haben aber meist weite Wege. Das kann dem Angriff Tempo kosten.

Häufig muss Mainz aber ohnehin schon im Aufbau über die Flügel spielen. Die Raute ist zu. Boetius auf links, Baku auf rechts oder die ausweichenden Onisiwo oder Quaison sorgten gegen Freiburg im zweiten oder letzten Drittel für etwas Präsenz auf Außen. All diese Spieler sind in der Lage, gefährliche Situationen zu kreieren, wenn die Außenverteidiger sogenannte long-line Bälle in ihre Richtung spielen. Der eine individueller, der andere mehr im Zusammenspiel mit seinen Kollegen. Damit rechnen, dass man seine Gegner so aus dem Stadion schießt, kann man wohl aber kaum. Dafür sind diese Situationen mit Rücken zum Tor zu verzwickt.

Die vielen langen Mainzer Bälle waren gegen Freiburg ebenfalls weder Fisch noch Fleisch. Mal passte die Organisation, um zweite Bälle zu erobern. Mal ließ man trotz Überzahl im Mittelfeld einfach zu, dass Freiburg der Ball auf die Füße fiel.

Schwarz steht womöglich schon früh in der Saison an einem Scheideweg. Möchte Mainz eine Pressingmannschaft sein, kann die Raute helfen, um Angriffe zu zerstören. Die Frage aber bleibt: Wie will man aus ihr dauerhaft torgefährlich werden, gute Umschaltsituationen kreieren? Will Schwarz zwingend an den fußballerischen Ansätzen der letzten Saison anknüpfen, gilt es Lösungen zu finden, um die Überzahl in der Raute mehr für sich nutzen zu können. Dass Mateta und Ersatz Ji lange ausfallen, macht die Aufgabe für Schwarz nicht einfacher. Er steht momentan zwischen den Stühlen. Ballbesitz, Spiel kaputt machen oder doch hohe Ballgewinne suchen? Die Gefahr besteht, auf keinem Stuhl dauerhaft bequem Platz zu nehmen.

Tags: Bundesliga, Mainz 05, Sandro Schwarz

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