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Ein Hauch von Guardiola - und doch vieles beim Alten (Teil 1)

Zugegeben: Ein wenig reißerisch mag die Headline des Artikels sein. Dennoch staunten wir nicht schlecht, als Niko Kovac plötzlich einen alten Guardiola-Kniff auspackte: Alaba spielte beim 3:0-Sieg auf Schalke eine Mischung aus linkem Verteidiger und Sechser, rückte immer wieder neben Kimmich ein. Als wäre das nicht genug, wechselten die Bayern im Spiel flexibel zwischen Dreier- und Viererkette. Mit der Einwechslung von Coutinho stellte Kovac schließlich sogar noch das System um. Die Probleme der Bayern aber blieben trotz guardiolesker Züge ähnliche wie zuvor.

Kovac mischt die Raumaufteilung durch

Durch den kurzfristigen Ausfall von Thiago musste Kovac größere Umbaumaßnahmen am Bayern-System vornehmen. Kimmich ging von der Außenverteidigerposition auf die Sechs, Pavard rutschte auf dessen angestammte Position. Dafür feierte Lucas Hernandez in der Innenverteidigung sein Debüt im Bayern-Dress.

alabaDie vielleicht interessanteste Personalie am Samstagabend war aber eine Bewährte. Sie trug den Namen David Alaba. Kovac wollte den Sechserraum nach dem Hertha-Spiel nicht mehr nur mit einem Spieler, sondern möglichst doppelt besetzt haben. Entweder fiel Achter Tolisso im Spielaufbau neben Kimmich zurück. Oder Alaba rutschte vom Flügel in die Mitte. Insbesondere in Momenten, in denen der Ball auf die ferne, rechte Seite ging, ließ sich der Österreicher das nicht nehmen. Häufig war es so, dass die Bayern anschließend mit einer Dreierkette plus Doppelsechs nach vorn spielten. Vor allem, wenn Schalke etwas tiefer stand.

Grundsätzlich wollten sich die Knappen aber hoch positionieren, Bayern-Abstöße sofort anlaufen. In dem Fall stellte der Rekordmeister oft sogar einen Mix aus Dreier- und Viererkette dagegen. Alaba hing sich dann quasi auf dem Flügel an die Dreierkette dran - Hernandez und Pavard standen an den Strafraumkanten und Süle positionierte sich zentral mit dem Blick zum eigenen Tor vor Neuer.

Der FC Bayern spielt lange Bälle

Dass Alaba bei Abstößen zunächst Außen blieb, hatte einen taktischen Hintergrund. Der war aber gar nicht so Guardiola-like.

Die Bayern nutzten auf Schalke zwei Varianten, um gegen hohes Pressing anzugehen. Mehrfach überspielten sie ihren Gegner schnell mit langen Bällen und Chips nach vorne. Neuer brachte den ersten Ball meist flach ins Feld hinein. Damit wurde Schalke zum Pressing eingeladen. Bevor die Knappen den Gästen den Ball abluchsen konnten, wurde er Richtung Offensive geschlagen. Eine Idee, die durchaus Sinn machte. Im besten Fall konnten die Bayern nämlich mit einem langen Ball gleich die halbe Schalker Mannschaft aushebeln. Gelungen war das beim 3:0. Was nach einem Konter aussah, entsprang in Wahrheit einer Aufbauszene. Süle hatte den Ball nach vorne gechipt, Tolisso sammelte anschließend im Mittelfeld den zweiten Ball auf und lupfte ihn zu Coman. Schon stand Schalke offen. Der Franzose regelte gemeinsam mit Lewandowski den Rest.

In anderen Szenen brachte Bayern die Wagner-Truppe zumindest ins Laufen: Nach dem langen Ball musste sie sich schließlich schnell zurückziehen, um wieder genug Spieler hinter den Ball zu bekommen. Das kostete Kraft. Dass dahinter Methode steckte, bewies die bayerische Raumaufteilung in diesen Situationen. Mit Neuer, Kimmich und der Viererkette nutzten die Bayern bei Abstößen oft nur einen Aufbauspieler mehr als Schalke Spieler für das Pressing abstellte. Der Rest der Mannschaft kapselte sich vom Aufbauspiel ab, schob weit vor, um das Feld groß zu machen. Das sorgte für lange Schalker Wege und sollte die Chancen auf den Abpraller erhöhen. Und auch wenn man allein des Tores wegen kaum davon sprechen kann, dass dieser Kovac-Plan nicht aufging: Die vielen Variablen, die fehlende Genauigkeit und Kontrolle bei langen Bällen dürften der Hauptgrund sein, warum Pep Guardiola am liebsten auf sie verzichtet.

Bayern im Flügelangriffsmodus - und mit alten Sorgen

Noch häufiger versuchten die Bayern sich aber ohnehin flach aus dem ersten Drittel zu lösen. Die Route zeigte dabei Richtung Flügel. Oft wollte man sich von dort wie gewohnt auf simplem Wege nach vorne kombinieren. Die Bayern scheuen dabei auch keine Unterzahlsituationen oder Pässe in eigentlich zugeschobene Situationen. Das hat wohl auch den einfachen Grund, dass der Rekordmeister eine ganze Menge großartiger Fußballer in seinen Reihen hat. Denn es verpuffen zwar verhältnismäßig viele Angriffe der Bayern. Immer wieder schaffen sie es aber auch, sich auf verrückte Art und Weise aus Sackgassen zu befreien. Lewandowski oder Gnabry sind beispielsweise stark darin, sich aus verzwickten Situationen herauszudrehen. Dazu gibt es im Flügelspiel Momente, in denen die Außenverteidiger sich durch ein wuchtiges Nachlaufen gleich wieder für einen Pass anbieten. Auch Wechselspielchen, z. B. zwischen Achter und Außenspieler, bauen die Bayern gerne ein - einer kommt entgegen, der andere geht in die Tiefe.

Dass die Münchener sich grundsätzlich zu selten ins letzte Drittel vorarbeiten, ist also nicht ganz richtig. Das viel größere Problem war auch auf Schalke das Endprodukt: Die Flügelangriffe wurden zu häufig mit einer vorhersehbaren Flanke abgeschlossen. Die Bayern leiteten Angriffe am Strafraum selten um, hatten zu wenig Ideen, sich gezielt in gute Abschlusspositionen zu bringen. Besser klappte das mal vor dem Elfmeter zum 1:0. Gnabry hatte sich per Dribbling aus einer eigentlich schwierigen Situation am rechten Flügel manövriert. Statt den Ball in die Mitte zu flanken, wechselten die Bayern anschließend die Seite. Dort konnte Coman gegen Kenny ins 1-gegen-1 gehen. Der Schalker begann ein Foulspiel. 

Solche Einzelszenen täuschen kaum darüber hinweg, dass dem Titelträger viele Qualitäten der Guardiola-Zeit abhanden gekommen sind. Gelungene Angriffe durch das Zentrum haben mittlerweile Seltenheitswert. Und auch wenn Kovac kein Freund vom Spiel durch die Mitte zu sein scheint: Oft raubt seine Mannschaft sich durch schlechte Strukturen die Möglichkeit, überhaupt etwas kreativer angreifen zu können. Auch das setzte sich gegen Schalke fort. Wenn man die Knappen zum Verschieben Richtung Flügel zwang und in der Folge schnell verlagerte, fehlte häufig eines: eine Anspielstation. Den Bayern geht es immer wieder ab, dem Ballbesitzer genug Unterstützung zu bieten, Angriffe genug vorzubereiten. Das macht sie ausrechenbar. Auch wenn sie genug Qualität haben, trotzdem in den gegnerischen Strafraum zu kommen.

Ein großes Kovac-Thema bleiben also die Abstände im Ballbesitz und damit auch in der Kontersicherung. Auch im 3-2-4-1 und trotz einer spannenden Alaba-Rolle, hat sich daran nichts geändert. Die Umstellung auf das 4-2-3-1 nach Coutinho-Einwechslung erwies sich ebenso wenig als Problemlöser...Teil zwei folgt.

Bildquelle Alaba

Tags: FC Bayern, Niko Kovac, Bundesliga

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Bulirooooberts Avatar
Buliroooobert antwortete auf das Thema: #2 26 Aug 2019 15:00
Einer der Hauptkritikpunkte vieler Bayern Fans ( inklusive mir). Kovac Spielidee beruht offensiv fast nur auf individueller Qualität. Immer Bälle raus auf die Flügel und beten. Etwas hart ausgedrückt. Gegen Schalke lag das aber auch vor allem am fehlenden Thiago, der Kreativität durchs Zentrum mitbringt, um sich auch mal durch die Mitte durchzukombinieren.