f logo RGB Blue 58 Twitter Social Icon Circle Color

Fehleranfällig, aber schön: das Breisgauer Mini-Ballbesitzteam

Über Christian Streichs Chamäleon-Taktik ist in den letzten Wochen viel geschrieben worden. Und wie sollte es anders sein: Der kauzige Fußball-Lehrer setzte sie auch gegen den 1. FC Köln ein. Streich packte in der ersten Halbzeit ein 4-4-2 aus, das die Grundordnung des Effzeh kontern sollte. In der Pause malte er dann wieder die bekannte Dreierkette an die Taktiktafel. Der Grund: Mit drei Innenverteidigern wollte Streich besser gegen die gefährlichen Flanken auf Modeste abgesichert sein. Offensiv aber hatte er seiner Mannschaft von Beginn an eine selbstbewusste Marschroute an die Hand gegeben. Mit sechs Zählern im Rücken bewies Freiburg deutlicher als zuvor, dass in ihr eine kleine Ballbesitzmannschaft steckt. Und das ausgerechnet gegen die ausgewiesene Pressingmaschine der Geißböcke. Doch: War Freiburgs Spiel am Ende nur nett anzusehen? Immerhin setzte es gegen Köln die erste Saisonniederlage. Ein Blick auf einen Bundesligisten mit spanischem Flair.

Streich zwischen Pragmatismus und Ballbesitzträumen

Dass Christian Streich ein Faible für Ballbesitzfußball hat, ist müßig zu betonen. Sein Satz „Wir wollen den Ball haben“ hat bei Fußballkennern fast schon Legendenstatus. Schließlich hört man so etwas nur selten aus dem Mund eines Trainers, der bei einem Abstiegskandidaten angestellt ist. Dennoch hat spätestens das Paderborn-Spiel vergangene Woche unterstrichen: Es mag Streichs Traum sein, all die Gegner über Ballbesitz in die Schranken zu weisen. Er weiß aber genauso, dass es manchmal besser ist, sich von Träumen zu verabschieden. Denn am Ende geht es um das Punktekonto. Freiburg kann es sich nicht erlauben, in Schönheit zu sterben.

In Paderborn hielt es Streich für die beste Lösung, dem Underdog das Leder zu überlassen. Schließlich gehört es nicht gerade zur Paradedisziplin der Ostwestfalen, kompakte Gegner zu knacken. Der Plan ging auf. Freiburg punktete dreifach. Nicht schön, aber erfolgreich.

Nicht zuletzt deshalb vermuteten viele, dass der Streich‘sche Pragmatimus gegen Köln anhalten würde. Das Beierlorzer-Pressing hatte immerhin selbst den Dortmundern fast das Genick gebrochen. Doch wie so häufig war Streich für eine Überraschung gut. Ihn packte der Mut des Gewinners. Der Traum vom Ballbesitzfußball hatte ihn wieder heimgesucht.

Freiburg wirft Licht und Schatten

Ja: Freiburg traute sich gegen Köln Fußball zu spielen. Mit all den Mitteln, die es so hat. Und das sind einige. Doch die Breisgauer scheiterten bei der Umsetzung defensiv wie offensiv zu häufig an sich selbst. Man kann wohl sagen: Ihr Spiel schwankte zwischen Genie und Wahnsinn. Das beste Beispiel hierfür bot am Samstagnachmittag der junge Nico Schlotterbeck. Der 19-Jährige ließ das Kölner Pressing mehrmals durch schöne, öffnende Pässe oder Dribblings ins Leere laufen. Er war es auch, der das 1:0 durch einen gezielten langen Ball eingeleitet hatte. Zugleich tischte er seinem Trainer Aktionen auf, bei denen selbst dem redegewandten Christian Streich die Spucke wegblieb. Allen voran zu nennen wohl die Szene vor dem 2:1. „Schlotterbeck spekuliert auf den Querpass, obwohl wir Dreierkette spielen“, suchte Streich nach Erklärungen. Sichtlich irritiert. Skhiri war einfach an Schlotterbeck vorbeigelaufen. Der hatte ihm wahnwitzig den Weg zum Tor geöffnet.

Es zog sich wie ein roter Faden durch das Freiburg Spiel: Man hatte brilliante Momente. Teilweise im Stile einer echten Ballbesitzmannschaft. Das Endprodukt aber schmeckte selten. Es passte ein wenig ins Bild, dass sich schließlich auch die Umstellung auf Dreierkette als Griff ins Klo erwies. Denn nicht nur beim 2:1 war sie nicht wirklich eine Hilfe. Auch vor dem ersten Gegentor hatte sie alles andere als ihren Zweck erfüllt. Modeste konnte sich nach einer Halbfeldflanke im Strafraum durchsetzen. Der Kölner köpfte den Ball wuchtig ins Tor. Für den SC ein Nachmittag zum Vergessen. Oder?

Nicht ganz. Denn so viel wie bei den Freiburgern schief ging, so erfrischend war ihr Mut zum Fußball. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Die Breisgauer griffen auch mal zu plumperen Angriffen, spielten den langen Ball. Mal gezielter, manchmal eher aus der Not heraus. Vor allem Günter probiert sich ohnehin gerne mal an einfachen Flügeldurchbrüchen, die dann meist in einer Flanke münden. Ob der Strafraum nun gut besetzt ist oder nicht. Trotzdem hat Freiburg Munition, die andere Abstiegskandidaten nicht vorweisen können. Beispiele gefällig? Abbrechen von Angriffen, um geduldig nach der Lücke zu suchen. Weite Verlagerungen vom Flügel weg, wenn der Raum dicht ist. Sogenannte Lockbälle auf die Sechser, nur damit der Gegner sich zusammenzieht und die Außen frei werden. Viele Anschlussbewegungen nach einem Pass, damit der Empfänger gleich wieder eine Anspielstation hat. Ein Gefühl für den Raum und dafür, wo ein Spieler gebraucht wird. Einmal zog es Offensivspieler Borrello sogar kurz auf die Linksverteidigerposition, weil dort ein Mann fehlte. All das funktioniert gerade in tiefen Zonen, also im Spielaufbau und im Mittelfeld, tatsächlich ganz ordentlich. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere, dass dort dann oft Schluss ist.

Denn im letzten Drittel macht Freiburg längst keine so gute Figur. Hier fehlen teils sogar die Ansätze, die im Aufbau noch greifen: Anschlussbewegungen, Raumgefühl, das Schaffen von Anspielmöglichkeiten. Gerade deshalb wäre es vermessen, Freiburg als High-Class-Ballbesitzmannschaft zu feiern. Vielmehr ist der SC ein Ballbesitzprojekt, dem der Feinschliff fehlt und wo die Frage berechtigt scheint, ob er diesen jemals bekommen wird. Die Baustelle im Angriffsspiel besteht schließlich nicht erst seit gestern. 

Derzeit schwimmt Freiburg ein wenig zwischen einem klassischen Bundesligateam und einer spielstarken La-Liga-Mannschaft. Ersteres - um zu den Anfängen des Artikels zurückzukehren - weil Streich sich mit seiner Chamäleon-Taktik immer wieder an seine Gegner anpasst, man eben nicht dogmatisch einem Ballbesitztraum nacheifert. Letzteres, weil man trotzdem keinen planlosen Hau-Ruck-Fußball spielt, sondern gezielt Räume öffnet, sich nach Möglichkeit von hinten heraus kombinieren will.

Gerade im Vergleich mit dem Effzeh war die Freiburger Spielanlage bemerkenswert: Die Kölner machten sich schnell in Richtung Tor auf, entwickelten Wucht und Geradlinigkeit, probierten sich mal an Einzelaktionen. Auf Freiburger Seite sind es wohl nur Günter und mit Abstrichen Borrello, Waldschmidt und Kwon, die den Ball mal auf weiter Flur nach vorne tragen. Der Rest bevorzugt das Passspiel, den Kombinationsfußball mit den Kollegen.

Wohin geht die Reise?

Letztlich bleibt abzuwarten, was Streich aus seinem Ballbesitz-Kader machen wird. Will er sich tatsächlich mehr in Richtung La-Liga-Mannschaft und Ballbesitz-Traum bewegen, heißt es vor allem: Verhindern, dass es gut gedacht, aber schlecht gemacht ist.

Tags: Bundesliga, SC Freiburg, Christian Streich

Anmelden