f logo RGB Blue 58 Twitter Social Icon Circle Color

Nagelsmann hat von Rangnick gelernt

In den ersten Minuten des Spiels von RB Leipzig in Gladbach bot sich ein ungewohntes Bild. Eine von Nagelsmann trainierte Mannschaft überließ ihrem Gegner bereitwillig den Ball. In Hoffenheim wäre das wohl, wenn überhaupt, nur gegen die ganz Großen denkbar gewesen. Zu denen gehört Gladbach bekanntermaßen nicht. Anders ausgedrückt: Nagelsmann ist in Leipzigs Fußball-Welt angekommen. 

Leipzig hat Probleme - Nagelsmann stellt um

In Anbetracht des Endergebnisses mag es ein wenig ironisch klingen, dass die Leipziger Taktik in den ersten zehn Minuten nicht besonders erfolgsversprechend aussah. Nagelsmann hatte vor dem Spiel das erste Mal in dieser Saison von „seiner“ Dreierkette Abstand genommen. Er stellte auf das in Leipzig fast schon patentierte 4-2-2-2 um. Nach dem Spiel gab das Trainertalent zu, dass Gladbach zu Beginn „besser war“ und „die klareren Chancen hatte“. Vor allem den Gladbacher Spielaufbau hatte man anders erwartet. So dauerte es seine Zeit, bis man sich auf die Doppelsechs Zakaria/Neuhaus einzustellen wusste.

Wie von Nagelsmann gewohnt, zögerte er mit der ersten Anpassung aber nicht lang: Er veränderte das eigene Pressing. Nagelsmann standen seine Sechser Kampl und Laimer häufig zu tief. Entsprechend wurden beide ein paar Meter nach vorne beordert. Außerdem ließ sich der ballferne Stürmer etwas stärker fallen, um den Gladbacher Sechserraum mehr zu kontrollieren. Schon nach wenigen Minuten hatte man das Gladbacher Zentrum mit der unerwarteten Doppelsechs und dem zurückfallenen Zehner Embolo besser im Griff.

Dennoch zielte auch die neue Marschroute nicht darauf ab, Gladbach zum langen Schlag zu zwingen. Das hätte nämlich bedeutet, dass man vielleicht auch selbst mehr den Ball gehabt hätte. Viel lieber aber konzentrierte sich Leipzig auf Umschaltchancen. Und das sollte sich auszahlen. Ein Ballgewinn in der gegnerischen Hälfte und ein cleverer Pass von Forsberg besorgten das 1:0. 

Nagelsmanns taktischer Kniff für das Umschaltspiel

Auch in der zweiten Halbzeit änderte sich dieser Ansatz nicht. Als Zuschauer hatte man das Gefühl, die Borussia sei das spielerisch überlegene Team. Die Großchancen verbuchten aber die Leipziger. Einen wichtigen Anteil daran hatte Timo Werner. Der Nationalstürmer kreierte mit seinem Tempo quasi im Alleingang mehrere Torchancen in der zweiten Halbzeit. 

Doch auch hier hatte natürlich wieder Nagelsmann seine Finger im Spiel. Nach dem Spiel betonte der Leipziger Fußballlehrer, dass man genau diese Situationen im zweiten Durchgang noch mehr provozieren wollte. Konkret hieß das: Der ballnahe Stürmer sollte sich bei gegnerischem Ballbesitz stark zur Seitenauslinie orientieren, weil die Gladbacher Außenverteidiger weit nach vorne schoben. Wie viel Gefahr Werner aus diesen Räumen ausstrahlen kann, bewies dann der Treffer zum 2:0.

Zwangsläufig fühlte man sich am Freitagabend an die letzte Saison und Spiele der Leipziger unter Ralf Rangnick zurückerinnert. Man war nicht drückend überlegen, kontrollierte das Spiel aber auch ohne Ball mehr oder weniger souverän und erzielte Tore aus Umschaltsituationen. Auch mit Ball agierte Leipzig gegen die Borussia sehr vertikal, nicht immer konstruktiv und generell ein wenig unruhiger, als man das zuvor schon unter Nagelsmann gesehen hatte. Einzig über einenabkippenden Kampl und die Zehner konnte man hin und wieder flach aufbauen, wenn die sich in den Halbräumen tummelten. Wie erwartet offenbarte Nagelsmann auf der Pressekonferenz, dass das nicht unbedingt so geplant gewesen sei. Sein Team habe zu schnell den Weg nach vorne gesucht. 

Und auch die Abgezocktheit einer Rangnick-Mannschaft hat Nagelsmanns Leipzig noch nicht. Kurz vor Schluss musste man noch einmal kurz zittern, weil man ein vermeidbares Tor nach einer Standardsituation kassiert hatte. Ähnliches war den Leipzigern schon im Pokal in Osnabrück passiert, wo man ebenfalls auf eine Spielweise gesetzt hatte, die mehr an Rangnicks Ideen als an Nagelsmanns Philosophie erinnerte.

Ist Leipzig ein Meisterschaftskandidat?

Das Spiel im Borussia-Park bestätigt, was sich bis jetzt immer wieder angedeutet hatte: Nagelsmann ist bereit, seine Fußball-Ideen an Leipzig anzupassen. Während man gegen Union vor allem noch typische Nagelsmann-Elemente im Leipziger Spiel zu sehen bekommen hatte, agierte man gegen Frankfurt schon deutlich flügellastiger und kreierte Torchancen mehr aus Kontersituationen. Gegen Gladbach gab es nun fast die komplette Rückkehr zur altbekannten RB-Philosophie.

Die furchteinflößende Nachricht für die Konkurrenz: Leipzig wirkt noch lange nicht so, als sei man an seinem eigenen Limit angekommen. In allen Spielen gab es Phasen, die Nagelsmann nicht gefallen haben dürften. Und das bei einem Neun-Punkte-Start. Gerade deshalb dürfte der Respekt vor den Bullen noch einmal gestiegen sein. Denn: Nagelsmann scheint eine Mannschaft zu entwickeln, die je nach Gegner andere Qualitäten auf den Platz bringen kann. Wenn ihr das auf Top-Level gelingt, könnte Leipzig tatsächlich schon im ersten Nagelsmann-Jahr zu einem ernstzunehmenden Meisterschaftskandidaten werden. Mit ein bisschen Rangnick. Und ganz viel Nagelsmann. Oder eben umgekehrt.

Tags: Bundesliga, RB Leipzig, Julian Naglesmann

Anmelden