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Glasners Ballbesitzidee: schnell und vertikal muss es sein

Oliver Glasner steht vor allem für intensives Pressing. Soweit so bekannt. Aber auch mit Ball hat der Österreicher klare Ideen. Das stellte spätestens der dritte Spieltag unter Beweis. In den ersten beiden Wochen waren die Wölfe noch jeweils früh in Führung gegangen. So hatten sie sich auf ihre Kernkompetenzen verlassen können und nur wenig Initiative im Spiel mit Ball übernehmen müssen. Gegen Paderborn hingegen kassierte man früh das Gegentor und stand vor einer neuen Herausforderung. Das Glasner-Team widmete sich seiner ersten richtigen Ballbesitzaufgabe. Dabei stachen viele Tendenzen heraus, die man schon in den ersten Pflichtspielen zumindest erahnen konnte.

Wolfsburg sucht die Tiefe

Das Wichtigste vorweg: Wolfsburg sucht unter Glasner schnell die Tiefe. Es ist nicht das Ziel, den Gegner mit ruhigen Ballbesitzphasen anzulocken, um in anderen Bereichen des Spielfeldes Platz zu schaffen. Mehrfache Verlagerungen zwischen den Innenverteidigern der neu installierten Dreierkette gibt es selten. Oft spielen die Halbverteidiger den Ball stattdessen ohne längere Vorbereitungsphasen ins Mittelfeld.

Gegen Paderborn fiel auf, dass Brooks hierbei auf der linken Seite deutlich proaktiver agierte als Knoche rechts. Der Amerikaner richtete schon bei der Ballannahme den Blick nach vorn und spielte unabhängig von der Staffelung der Spieler vor ihm den vertikalen Ball. Knoche dagegen verlagerte eher nochmal das Spiel oder suchte den kurzen Pass zu Außenverteidiger William. Es wird in Zukunft spannend zu beobachten sein, ob Glasner dieses Mittel bewusst nutzt oder ob dies nur den Vorlieben der jeweiligen Spieler entspricht.

Beiden Halbverteidigern ist allerdings gemein, dass sie den Ball nur selten gleich über die gegnerische Abwehr schlagen. Vielmehr spielen beide, wenn es denn nach vorne gehen soll, den flachen Pass auf einen zurückfallenden Halbstürmer des 3-4-3.

Alternativ nutzen die Halbverteidiger einen hohen Diagonalball in den ballfernen Halbraum. Das ist oft eine gute Option, weil die Wolfsburger nicht mit allzu vielen Spielern zur Ballseite verschieben. So ist man auch ballfern personell gut besetzt und kann eventuell sogar ausspielen, dass der Gegner Richtung Ball rückt. Gegen Paderborn bewegte sich Weghorst manchmal bewusst vom Ball weg, um einen dieser Diagonalbälle in Empfang nehmen zu können.

Ist man einmal im Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners angekommen, fallen die kurzen Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler auf. Häufig spielen die Wölfe nur mit einem Kontakt. Dribblings werden erst dann gesucht, wenn der Ball in größeren Räumen gelandet ist, z. B. auf den Außen. Zur Vorbereitung geht es häufig um schnelle Ablagen und Tief-Klatsch-Aktionen. 

Dabei nutzen die Wölfe viel „give & go“, wie man im Basketball sagen würde. Nach der Ballabgabe setzt sich der Passspieler sofort wieder in Bewegung und sucht die Tiefe, um dem Passempfänger schnell eine vertikale Anspielstation bieten zu können. Die temporeichen Spieler im Wolfsburger Kader sorgen dafür, dass man so in kurzer Zeit viel Raum mit Ball überbrücken kann. Und das, ohne den hohen Schlag über die gegnerische Abwehr bemühen zu müssen.

Weghorst ist ein Schlüsselspieler

Einzige Ausnahme in diesem Prinzip ist Stürmer Weghorst. Der Niederländer wird vor allem dann gebraucht, wenn die Halbverteidiger keine flache Anspielstation finden und deshalb den Chipball wählen müssen. Weghorst ist meist in der Lage, diese Bälle zu kontrollieren, nutzt dafür aber oft mehrere Kontakte und hält den Ball länger, um mehr Spieler nachrücken zu lassen. 

Um von Weghorst aus weiter in Richtung gegnerisches Tor spielen zu können, lässt sich schon während des Passes auf den Niederländer einer der Halbstürmer fallen. Er positioniert sich dann rund um den Stürmer für Ablagen. Alternativ stehen auch die beiden Achter für Anspiele bereit. Der andere Halbstürmer und die Außenverteidiger gehen indes oft in die Tiefe, um mögliche Weiterleitungen von Weghorst zu erlaufen.

Im letzten Drittel schieben dann auch die Wolfsburger stärker zur Ballseite. Glasner legt Wert darauf, dass der Strafraum bei Flanken und Hereingaben immer gut besetzt ist. Häufig befinden sich mit den drei (Halb-)Stürmern, einem Achter und dem ballfernen Außenverteidiger vier bis fünf Mann im und um den Strafraum, sodass die Flanken eine verhältnismäßig hohe Erfolgsquote haben. 

Wie gut funktioniert Glasners Ansatz?

Allerdings haben die Wolfsburger noch Probleme damit, überhaupt erst in gute Flankenpositionen zu kommen. Die vertikale Spielweise mit kurzen Ballbesitzzeiten erfordert technisch schwierige Aktionen in engen Räumen - und das mit wenigen Kontakten. Glasners Mannschaft hat bislang nicht die Fähigkeit, sich einen Gegner systematisch zurechtzulegen. Vielmehr ist man davon abhängig, dass die Offensivspieler mehrere gelungene, anspruchsvolle Aktionen aneinander reihen können, um ins letzte Drittel zu kommen. 

Diese Aktionen folgen einem klaren Plan, gehen aber gleichzeitig wenig auf das Verhalten des Gegners ein. Anders als z.B. die Mannschaften von Pep Guardiola versucht man nicht, die Defensivstruktur des Gegners zu manipulieren, sondern einfach nur so gut es geht um diese herum zu spielen. 

Wenn man so möchte, agiert Wolfsburg nach dem Prinzip „trial and error“. Man bringt den Ball so schnell und oft wie möglich in den Zwischenlinienraum und baut dort auf gruppentaktische Abläufe, die sich immer wiederholen. Irgendwann, so die Hoffnung, führt die Masse an Versuchen zum Erfolg. Und bislang fährt Glasner mit diesem Plan nicht schlecht. Zumal man neben dem Ballbesitzspiel auch noch andere Waffen hat, mit denen man Gefahr erzeugen kann. Z. B. das Umschaltspiel und Standardsituationen.

Das Spiel gegen Paderborn zeigte aber, dass der von Glasner gewählte Ansatz durchaus risikoreich ist und es Phasen geben kann, in denen man eben keine Torchancen produziert. Eben, weil man stark von Einzelaktionen abhängig ist. Sollte Glasner also an seinem Ballbesitzkonzept festhalten, sind zwei Dinge zu erwarten: Erstens, dass die Wölfe Gegner überrollen können, wenn ihre Offensivspieler richtig aufdrehen. Zweitens, dass sie Probleme kriegen, wenn der Gegner gut steht und vor allem die individuelle Klasse mal nicht zündet.

 

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Tags: Bundesliga, VfL Wolfsburg, Oliver Glasner, Wout Weghorst

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