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Die XL-Bayern-Analyse: Was gut & was schlecht läuft (Teil 1)

Die erste Länderspielpause einer Saison eignet sich in der Regel für ein kurzes Zwischenfazit. Für die Trainer und Klubs der unterschiedlichen Ligen, aber auch für die Öffentlichkeit ist sie deshalb eine Phase der Analyse. Doch gibt es beim FC Bayern nach zwei Siegen und einem unglücklichen Unentschieden wirklich viel zu kritisieren?

Die Analyse stammt von unserem Gastautor Justin. Hier geht es zu seinem Twitter-Profil: https://twitter.com/Lahmsteiger.

Zunächst muss erwähnt sein, dass Trainer Niko Kovač nicht viele Einblicke in den taktischen Bereich gewährt. In der jüngeren Vergangenheit hat der 47-Jährige immer wieder ambivalente Aussagen zur Taktik getätigt, die nicht selten eher Gering- als Wertschätzung offenbarten. Und doch hat der FC Bayern mit Hans-Dieter Flick (Assistenztrainer) und Danny Röhl (Analysetrainer) zwei Neuzugänge präsentiert, die ihre Stärken in jenem Bereich haben. Es war sogar der ausdrückliche Wunsch des Cheftrainers, dass es Verstärkung im Trainerteam gibt.

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Dass Kovač aber ungern über taktische Aspekte spricht und dahingehend auch selten befragt wird, macht die Bewertung seiner Arbeit noch schwerer. Während andere Bundesligisten oft darüber sprechen, wie sie ihre Mannschaft gern sehen würden und was sie tun, um diese Ziele zu erreichen, ist beim FC Bayern nicht allzu viel bekannt. Nimmt man alle Aussagen des Trainers zusammen, kann man zumindest erahnen, dass er die Bayern gern so dominant wie im letzten Jahrzehnt sehen würde, er gleichzeitig aber etwas mehr Vertikalität einfordert. Er sehe sich immerhin in einer Entwicklungslinie mit Louis van Gaal. Bei der aktuellen taktischen Umsetzung fehlt zu den glorreichen Zeiten unter van Gaal, Jupp Heynckes und Josep Guardiola aber noch einiges. Dementsprechend gibt es vielleicht mehr zu analysieren, als nach den jüngsten Ergebnissen zu vermuten ist. 

Das läuft schon gut beim FC Bayern

Erstmal lohnt aber der Blick auf die positiven Entwicklungen des FC Bayern. Gerade in der Arbeit gegen den Ball scheinen sich die Münchner unter Niko Kovač seit Anfang dieses Kalenderjahres sukzessive verbessert zu haben. In dieser Saison überzeugt seine Mannschaft aus einem 4-3-3 heraus mit einem sehr variablen Pressing. Zwar stehen nach drei Spieltagen ohne ein einziges Topspiel bereits drei Gegentore auf dem Konto, doch die haben schlichtweg andere Ursachen, auf die später eingegangen wird.

In der Arbeit ohne Ball bewegen sich die Bayern meist sehr klug. 17,3 Ballgewinne pro 90 Minuten verbucht der Rekordmeister derzeit in der Hälfte des Gegners. Zur Einordnung: Manchester City, das für viel Ballbesitz und ein starkes Gegenpressing bekannt ist, kommt momentan pro Spiel auf rund 18,75 Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte. Die Bayern erobern ebenso wie Guardiolas Elf einige Bälle in vielversprechenden und zentralen Positionen. In allen drei Bundesliga-Partien gab es dadurch sehr gute Abschlussmöglichkeiten, die mit viel Raum ausgespielt werden konnten.

Die Grundformation gegen den Ball ist in den meisten Fällen ein flexibles 4-1-4-1. Die Bayern schieben je nach Ausrichtung des Gegners aber anders nach vorn. Im Auftaktspiel gegen Hertha agierten sie im Pressing zunächst mit einer hohen Dreierreihe. Robert Lewandowski wurde von Kingsley Coman und Serge Gnabry flankiert. Das Ziel: Herthas Dreierkette im Spielaufbau stören. Im Mittelfeld schoben die Achter nach, während Thiago als Sechser absicherte und die Außenverteidiger ein kleines Loch zu den Flügelstürmern ließen. Dieses Loch diente als Pressingfalle. Hertha spielte in der ersten halben Stunde gleich sieben lange Bälle und mehrere Pässe in diesen Raum. Bayern verbuchte in dieser Zeit gleich sechs Ballgewinne in jenem Loch.

Die Flexibilität der Bayern zeigte sich dann nach der taktischen Umstellung durch Ante Čović auf eine Viererkette. In der letzten Saison führten solche Umstellungen nicht selten zu Kontrollverlusten der Bayern. Nun darf aufgrund der zwei Gegentore ähnliches vermutet werden. Tatsächlich hatten die Münchner in beiden Situationen aber eher mit sich selbst als mit dem Gegner zu tun. Sie reagierten in dieser Phase sogar recht clever: Statt des Außenstürmers schob nun ein ballnaher Achter höher, um Lewandowski im Pressing zu unterstützen. Coman und Gnabry positionierten sich hingegen etwas tiefer, um dann die Außenverteidiger anzulaufen.

Auch gegen Schalke und Mainz waren solche Mechanismen zu beobachten. Die Mannschaft versteht es, dem Gegner die Räume im Spielaufbau eng zu machen. Gerade in längeren Phasen ohne Ball wirkt es so, als wäre Bayern etwas sattelfester als im vergangenen Jahr. Die flexiblen Übergänge zwischen 4-3-3, 4-1-4-1, 4-2-3-1, 4-5-1, 4-4-2 und anderen Hybridformationen scheinen sich nun besser eingespielt zu haben. Allerdings sei an dieser Stelle auch erwähnt, dass die ersten echten Prüfsteine mit RB Leipzig und Tottenham erst noch kommen.

Verbesserte Standards, aber ...

Als großer Pluspunkt wird Niko Kovač oft die Gefahr bei ruhenden Bällen ausgelegt. 15 Bundesliga-Tore nach Standards waren es in der vergangenen Spielzeit, drei per Elfmeter kamen noch hinzu. Nach Augsburg (15 + 5) war das der Bestwert im deutschen Oberhaus. Doch im Vergleich zu den Jahren davor ist das kein sonderlich hoher Wert. Im Gegenteil: Seit der Spielzeit 2015/16 (7 + 8) hatten die Bayern nicht mehr so wenig Standardtore erzielt. Auch die kreierten Abschlüsse nach Standards waren unter Kovač nicht auffällig hoch. 5,3 pro 90 Minuten waren es in der Saison 2018/19 im Vergleich zu den Werten 4,3 (17/18), 5,0 (16/17) und 4,0 (15/16).

Ein kleiner Fortschritt kann hingegen bei der Wertigkeit der Abschlüsse beobachtet werden. Unter Kovač kamen die Bayern in der vergangenen Saison auf 0,09 Expected Goals (xG) pro Abschluss nach Standardsituation (ohne Elfmeter / understat.com). 0,06 xG/Abschluss (17/18), 0,08 xG/Abschluss (16/17) und 0,07 xG/Abschluss (15/16) sind hier die Vergleichswerte. 0,06 xG/Abschluss sind in dieser Saison noch nicht aussagekräftig genug.

Gerade nach Ecken konnte aber ein Fortschritt erzielt werden. 0,1 xG/Abschluss (18/19) sind hier im Vergleich zu 0,07 (17/18 und 15/16) und 0,08 (16/17) zumindest ein kleiner Sprung nach oben. Grundsätzlich darf dennoch festgehalten werden, dass einer der vermeintlich größten Pluspunkte des Trainers kein so deutlicher Fortschritt ist, wie es das Gefühl vermittelt. Immerhin bleibt eine kleine Weiterentwicklung, die Kovač zuzuschreiben ist und die in engen Duellen oft genug den Unterschied machen konnte.

Mentalität und Aggressivität stimmen

Was den Bayern zudem kaum abzusprechen ist, ist die beeindruckende Mentalität und der Wille, jedes Spiel zu gewinnen. Selbst Rückstände scheinen dieser Mannschaft nicht zu schaden. Die aufgeholten neun Punkte in der Bundesliga vergangene Saison sind das beste Beispiel. Nun liegt das einerseits in der Natur der Spieler, dass sie bereits eine besondere Mentalität mitbringen. Sonst wären sie nicht beim FC Bayern. Aber es darf auch als herausragende Leistung des Trainers bezeichnet werden, dass er unter schwierigen Umständen die Herbstkrise zum Double wenden konnte.

In dieser Saison ist erneut eine besondere Grundstimmung in der Mannschaft zu spüren. David Alaba bestätigte in einem Interview, dass er derzeit sehr viel Spaß dabei hätte, mit seinen Teamkollegen auf dem Platz zu stehen. Gerade in Taktikanalysen kommt es oft zu kurz, wie entscheidend all diese Punkte sein können. Kovač war vielleicht nicht erfolgreich, weil er taktisch den Unterschied ausmachen konnte. Aber er hatte maßgeblichen Anteil daran, dass Stimmung und Mentalität in der Rückrunde stimmten.

Auch die Aggressivität, mit der die Bayern jedes Spiel angehen, ist ein Schlüssel für den Erfolg. Mit Hernández und Pavard kamen zudem zwei Spieler, die in der sogenannten Restverteidigung durch ihr Tempo den Unterschied machen können, wenn der Gegner mit Raum auf sie zuläuft. Beide sind besonders gut darin, in der Rückwärtsbewegung zu verteidigen. Hernández konnte so bereits den einen oder anderen gefährlichen Konter des Gegners aufhalten.

Teil 2 folgt.

Tags: FC Bayern, Niko Kovac, Bundesliga, Gastanalyse

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