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Schreuder macht Hoffenheim zum Defensivteam (aber nur für ein Spiel)

Julian Nagelsmann lieferte in seiner überaus erfolgreichen Amtszeit in Hoffenheim nicht nur Ergebnisse. Er prägte vor allem auch einen neuen, wilden Stil: viel Offensive, viel Ballbesitz und ein wuchtiges Positionsspiel. Konter wurden unter Nagelsmann indes eher mit wenig Personal abgesichert. Denn in erster Linie ging es ihm um die Abteilung Attacke. 

Nach dessen Abgang in Richtung Leipzig überraschte es deshalb nicht, dass mit dem Niederländer Alfred Schreuder ein ähnlich tickender Trainer verpflichtet wurde: Auch er möchte den Ball haben, auch er möchte über klares Positionsspiel zum Erfolg. Kein Wunder. Schließlich war Schreuder einst nicht nur Co-Trainer von Nagelsmann. Zuletzt arbeitete er bei Ajax Amsterdam an der Seite von Erik Ten Hag, der ebenfalls ein Verfechter von offensivem Ballbesitz-Fußball ist. Doch so ganz rund lief es mit der Ballbesitzidee von Schreuder bei der TSG zunächst nicht. Am vergangenen Samstag dann rieben sich plötzlich viele Zuschauer verwundert die Augen: Nanu, Hoffenheim spielt defensiv?

Defensive Spielweise als Gegner-Anpassung

In den ersten Wochen unter Schreuder hatte Hoffenheim große Probleme gegen hohes Pressing. Und auch tiefstehende Bremer konnten trotz dreier Tore Schwächen im Offensivspiel offenlegen. Die TSG sammelte in dieser Saison bis jetzt vor allem eines: fruchtlosen Ballbesitz. Aber: Wenn auch nicht in der hohen Qualität, spielte die TSG dennoch ziemlich Nagelsmann-ähnlich. Denn auch unter Schreuder wurde immer wieder der Weg ins Zentrum gesucht. Allerdings wusste Hoffenheim schon in den ersten Spielen gegen den Ball überraschenderweise mehr zu überzeugen als mit Ball. Dies taten sie aber keinesfalls mit einer sehr defensiven Strategie, sondern mit hohem, kompaktem Pressing. TSG-typisch eben.

Gegen Leverkusen war das ganz anders. Die Hoffenheimer agierten aus einer tiefen Ordnung heraus und waren mehr auf Spielzerstörung als auf Balleroberungen aus. Für den Strategiewechsel stellte Schreuder auch erstmals in dieser Saison die Formation um: Das bisher klar präferierte 3-4-3  wurde für ein 4-2-3-1 liegengelassen. Mit Blick auf die Defensivtaktik machte das auch durchaus Sinn.

Leverkusen spielt mittlerweile in Ballbesitz wieder 4-3-3. In der Theorie hatte es ein Hoffenheimer Stürmer also mit zwei Innenverteidigern zu tun. Da Schreuder die beiden im Aufbau aber gar nicht unter Druck setzen wollte, war das eher nebensächlich. Wichtiger war die Zuteilung dahinter. Im zentralen Mittelfeld arbeitete die Schreuder-Elf nämlich mit Mannorientierungen. Zehner Geiger stellte Bayer-Sechser Aranguiz zu. Die Sechser Grillitsch und Rudy sollten sich um Demirbay und Havertz kümmern. Das 4-2-3-1 half dabei, das 4-3-3 der Werkself zu kontern. Das Mann-gegen-Mann -Spiel war klar und einfach herzustellen. 

In der Abwehr agierte man zudem in Überzahl. Pässe ins Zentrum konnten durch die Mannorientierungen und die hohe Kompaktheit in den einzelnen Mannschaftsteilen abgefangen werden. Die „offensiven" Außenspieler hatten die klare Aufgabe, Leverkusen auf die Flügel zu lenken. So wurden einige longline-Pässe vom Bayer-Außenverteidiger auf den Außenstürmer erzwungen, die meist einfach zu verteidigen sind.

Interessanterweise ging die TSG aber selbst dann nicht richtig ins Pressing über: Der Rückpass wurde nämlich nicht zugestellt. Das bewies: Auch hier ging es Schreuder nicht um die Balleroberung und um Konter. Vielmehr sollte Bayer schlichtweg vom Tor weggehalten werden. Den Spieß der ersten Schreuder-Wochen wollte man damit eindeutig umdrehen: Dieses Mal war der Plan, den Gegner fruchtlosen Ballbesitz sammeln zu lassen. Genau das bestätigte Kevin Vogt nach dem Spiel auch im ZDF-Interview.

Die Idee, auf Ballbesitz zu verzichten, war auch in den (überwiegend sehr kurzen) Hoffenheimer Aufbaumomenten zu erkennen. Der Ball wurde gegen das hohe Leverkusen-Pressing immer wieder lang nach vorne geschlagen. Dann sollte Kaderabek, der in diesem Spiel als rechter Mittelfeldspieler agierte, in Kopfballduelle gegen Wendell gehen. Der Gedanke war wohl, Sven Bender anschließend in Sprints mit Belfodil zu verwickeln. Geklappt hat das nicht. Anders als der Defensivplan. Leverkusen kam zwar zu unzähligen Flanken und auch zu einigen Abschlüssen. Die aber entstanden aus eher ungünstigeren Positionen. So errang die TSG mit viel Stabilität und ein wenig Glück ein 0:0. Angesichts der Strategie kann man wohl sagen: Mehr wollten die Hoffenheimer auch gar nicht.

Ausblick: Wird Hoffenheim jetzt doch eine Defensivmannschaft?

Um die Frage gleich zu beantworten: Nein, das wird sie nicht. Viel mehr dürfte der ungewöhnlich destruktive Plan eine Reaktion auf den Gegner gewesen sein. So verriet Schreuder nach dem Spiel: „Unsere Mannschaft befindet sich aktuell noch im Aufbau. Wir können nicht nach Leverkusen fahren und denken: 'Heute greifen wir voll an.' Wir müssen realistisch bleiben.“ Das Ergebnis gab ihm Recht. Zumal Leverkusen unter Peter Bosz nicht das erste Mal Probleme hatte, sich gegen tiefstehende Gegner Chancen zu erarbeiten. Im nächsten Spiel gegen den SC Freiburg dürfen sich die TSG-Fans aber wieder auf etwas mehr Offensive und Ballbesitz freuen. Und - wenn man Schreuder Glauben schenken darf - auch darauf, dass sich die Mannschaft mit Ball besser verkauft als zuletzt.

Tags: Bundesliga, TSG Hoffenheim, Alfred Schreuder

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