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Die Evolution der Niederlande unter Koeman - eine Kaderanalyse

Es ist der 9. Juli 2014. Der letzte Tag, an dem die Niederlande an einem großen internationalen Erfolg schnupperte. Im Halbfinale der Weltmeisterschaft musste sie sich schlussendlich Argentinien geschlagen geben, wenn auch erst im Elfmeterschießen. Die beiden folgenden großen Turniere, die EM 2016 und die WM 2018, fanden ohne die Niederlande statt. Erst in diesem Jahr kam man einem Erfolg mal wieder näher. Man arbeitete sich bis ins Finale der Nations League vor, schlug auf dem Weg dorthin unter anderem Deutschland, Frankreich und England. Zwischen den heutigen Erfolgen und denen alter Tage liegt eine Zeit voller Enttäuschungen. Aus dem Kader der WM 2014 stehen nur noch fünf Spieler im aktuellen Aufgebot.

Die wichtigste Position: Der Trainer

Nachdem Bert van Marwijk die Niederlande bis ins WM-Finale 2010 geführt hatte, übernahm Louis van Gaal dessen Amt im Jahr 2012 und führte die Elftal zur WM 2014. Mit jener WM endete aber auch die Arbeit van Gaals. Anschließend probierten sich Guus Hiddink, Danny Blind und Dick Advocaat auf der Trainerbank. Anfang des Jahres 2017 gab es über drei Spiele noch einen Interimstrainer. Im Februar des letzten Jahres scheint der niederländische Fußballverband dann endlich den passenden Trainer gefunden zu haben: Ronald Koeman.

Der 58-Jährige arbeitet schon seit gut 20 Jahren als Chef-Trainer, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Als er nach einer ordentlichen Debüt-Saison bei Everton einen schwachen Saisonstart in die Saison 2017/18 erwischte, wurde er entlassen und damit verfügbar für die Rolle des Nationaltrainers. Er wagte es zwischenzeitlich, das in den Niederlanden fast schon heilige 4-3-3 abzusetzen, stellte sogar auf eine Dreierkette um. Sein größter Erfolg ist aber, wie er eine neue Generation hochtalentierter Spieler in die Nationalelf integriert und diese mit altbekannten Leistungsträgern zusammengeführt hat.

Auf dem Weg zur Weltklasse-Defensive

Die Torwart-Position wird von einem der wenigen verbliebenen Spieler der WM 2014 besetzt. Jasper Cillessen ist nun schon 30 Jahre alt und verbrachte seit seinem Wechsel von Ajax Amsterdam zu Barcelona viel Zeit auf der Bank. Seit diesem Sommer darf er wieder als Stammspieler spielen, beim FC Valencia. Seine Qualität ist unbestritten, er gehört zu den komplettesten Torhütern der Welt. 

Das Prunkstück der Mannschaft ist die Innenverteidigung. Mit Virgil van Dijk und Mathijs de Ligt verfügt man hier über die beiden wohl besten Spieler auf ihrer Position in der vergangenen Champions-League-Saison. Um ihre Qualitäten zu beschreiben, gibt es kaum genug Superlative. Van Dijk war das finale Puzzleteil für Klopps Liverpool und deren wichtigster Spieler. De Ligt führte seinen Jugend-Verein Ajax als 19-jähriger Kapitän bis ins Champions-League-Halbfinale. Beide Verteidiger haben nahezu keine Schwächen.

Für die Niederlande spricht zudem, dass man mittlerweile eine erstaunliche Breite auf vielen Positionen hat. Ersatz auf der Innenverteidiger-Position ist de Ligts Innenverteidigungs-Partner der letzten Saison Daley Blind, der eine der stärksten Spieleröffnungen Europas besitzt. Der 24-jährige Nathan Ake vom AFC Bournemouth komplettiert das Innenverteidiger-Quartett. Auch er ist ein sehr kompletter, schneller und physisch starker Spieler. Mit Stefan de Vrij hat man übrigens noch einen weiteren Innenverteidiger zur Verfügung, der zur erweiterten Weltspitze auf seiner Position zählt. Die anschließenden Länderspiele verpasst er jedoch verletzungsbedingt.

Was der Niederlande zur Weltklasse-Defensive noch fehlt, sind Außenverteidiger mit entsprechendem Niveau. Hier spielten sich auf der linken Seite Patrick van Aanholt und rechts Denzel Dumfries fest. Beide kommen über ein hohes Tempo, können eine enorme Dynamik entfachen, sind aber auch recht eindimensional in ihren offensiven Aktionen. Dazu treffen sie nicht immer die richtigen Entscheidungen und sind defensiv anfällig. Hieraus und aus dem Überangebot aus guten Innenverteidigern ergab sich auch die Nutzung der Dreierkette. Diese wurde zuletzt zwar wieder vom klassischen 4-3-3 abgelöst, wird aber wohl in Koemans taktischem Portfolio bleiben, bis sie wieder gebraucht wird.

Es gibt einen Spielgestalter

Bei der WM 2010 agierten Mark von Bommel und Nigel de Jong noch auf der Doppelsechs, 2014 übernahm letzterer diese Aufgabe alleine. Keiner der beiden war aber ein Spielgestalter. Tatsächlich ist es lange her, dass die Niederlande einen solchen hatte. Mit Frenkie de Jong ist jetzt einer da. Für die Niederlande ist dies absolut elementar, um auch im Ballbesitz Akzente zu setzen. Dabei ist de Jong gar kein klassischer Ballverteiler. Der 22-Jährige lässt sich im Aufbau gerne neben den linken Innenverteidiger fallen, eröffnet besonders gerne mit Läufen das Spiel, weniger mit Pässen, wie man sie von klassischeren Sechsern kennt. Da diese Pässe, vor allem hohe Diagonalpässe, aber auch von van Dijk gespielt werden können, stellt dies kein großes Problem für die Niederlande dar. Das Trio aus van Dijk, de Ligt und de Jong ermöglicht es der Niederlande, das Spiel flexibel aufzubauen. Mit ihnen hat man ein perfektes Fundament für Ballbesitz-Fußball.   

Im 4-3-3 braucht es aber noch zwei weitere zentrale Mittelfeldspieler. Einer davon ist Georginio Wijnaldum. Der Liverpooler hat sich unter Jürgen Klopp zu einem Spieler entwickelt hat, der in allen Spielphasen Top-Leistungen bringt. Etwas Ungewissheit herrscht jedoch bei der Besetzung des dritten Postens im Mittelfeld. Ajax´ Donny van de Beek ist aktuell verletzt und kann somit gegen Deutschland nicht spielen. Stattdessen bieten sich mit Kevin Strootmann und Davy Pröpper zwei ältere Box-to-Box-Spieler an. Ein weiterer Kandidat ist Maarten de Roon, der seinen endgültigen Durchbruch erst spät in den letzten Jahren bei Atalanta erlebte. Dort agiert er als sehr solider, eher absichernder Achter. Mit Tonny Vilhena hat man letztlich noch einen etwas unorthodoxen Spieler, der als einziger im aktuellen Mittelfeld-Aufgebot kreative Akzente im letzten Drittel setzen kann, aber bislang nie konstant seine Leistung abrufen konnte.

Der Star der Offensive: Memphis Depay

Seit dem Amtsantritt Koemans hat Memphis Depay nur 12 Minuten verpasst und stand selbst in Freundschaftsspielen über die volle Distanz auf dem Platz. In 14 Länderspielen unter Koeman kommt Depay auf acht Tore und sieben Vorlagen. Der 25-Jährige nimmt im 4-3-3 die Rolle des linken Flügelspielers ein, zieht dabei stets ins Zentrum und strahlt aufgrund seiner Schusstechnik konstant Torgefahr aus. In den letzten Jahren entwickelte er sich zudem auch als Vorlagengeber und Team-Player erheblich weiter.

Auf der gegenüberliegenden Seite hat die Niederlande ebenfalls gute Alternativen. Hier ist zuerst PSVs Steven Bergwijn zu erwähnen, der allerdings momentan verletzt ist. Hinzu kommen der junge und trickreiche Justin Kluivert, der über seine Schnelligkeit kommende Quincy Promes, der gereifte Ryan Babel und der mit einem fantastischen linken Fuß ausgestattete Steven Berghuis.

Im Sturmzentrum scheint weiterhin Luuk de Jong gesetzt zu sein. Der 29-Jährige ist eine eher klassische Neun. Seine Stärken liegen klar im Abschluss und Kopfballspiel. Durch eine grandiose Ballbehandlung wird er dagegen wohl nie auffallen. Sein Back-up ist der Spieler, der ihn auch nach seinem Transfer von PSV zu Sevilla ersetzen soll: Donyell Malen, 20 Jahre jung, wurde hierfür vom Flügelspieler zum Stürmer umgeschult. Wout Weghorst wartet derweil trotz sehr guter Leistungen für den VfL Wolfsburg weiterhin auf sein Pflichtspiel-Debüt. Seine Nicht-Nominierung ist sportlich zwar schwer nachvollziehbar, kann aber grundsätzlich als weiteres Zeichen für die gute Breite im Kreis der Elftal interpretiert werden.

Es kommt noch so viel mehr…

Es ist erstaunlich, wie positiv sich der Kader der Niederlande in wenigen Jahren verändert hat. Was den Konkurrenten besonders machen könnte: Die Entwicklung scheint noch lange nicht vorbei. Gerade erst wurde die niederländische U17 Europameister und die Eredivisie gilt als eine der besten Ausbildungsligen der Welt. Selbst bei Teams, die bis ins Champions-League-Halbfinale vordringen, spielen Eigengewächse die tragende Rolle. Können sich nur die Hälfte der aktuellen Jugend-Nationalspieler so weiterentwickeln, wie man sich es erhofft, wird man in fünf Jahren nochmal auf den aktuellen Kader zurückblicken und denken: Ein guter Kader hat sich zu einem der besten der Welt entwickelt. Ohne Zweifel: Mit den Niederlanden ist wieder zu rechnen.

Tags: Niederlande, KNVB, Europameisterschaft 2020 Qualifikation

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