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Umbruch, Tempo & Absicherung: das DFB-Team am Scheideweg

Die Weltmeisterschaft steckt Deutschland weiter in den Knochen. Joachim Löw machte auch gegen die Niederlande klar, dass er die Idee vom Ballbesitzfußball endgültig ad acta gelegt hat. Schneller, vertikaler soll es werden. Doch nicht nur das Spiel gegen den orangefarbenen Nachbarn deckte auf: So richtig fruchten die neuen Löw-Ideen noch nicht. Denn auch drei Tage später in Belfast zeigte sich die DFB-Elf nicht von ihrer Schokoladenseite. Ja, der deutsche Fußball befindet sich im Umbruch. Löw möchte taktisch und personell ein neues Fundament legen. Aber, um bei der Metapher zu bleiben: Ob dafür der richtige Beton angemischt wurde, wird erst die Zeit zeigen. Eifert Löw einer Mannschaft und einem Konzept nach, das sich seine Jungs gar nicht überstreifen wollen? 

Tempo ist das neue Ballbesitz

Geschwindigkeit und Stabilität sind Trumpf. Zu der Erkenntnis kam Löw nach der verkorksten WM. Schließlich hatte sich Frankreich mit genau dieser Spielweise das Krönchen aufgesetzt. Die Équipe Tricolore fackelte wahrlich kein Offensivfeuerk ab. Vielmehr hielt sie gekonnt die Schotten dicht, spielte vier Mal zu Null und setzte immer wieder Nadelstiche. Die deutsche Mannschaft - auch das ist keine Neuigkeit - verrannte sich zur gleichen Zeit in einer trägen Ballbesitzidee und war nicht gegen Konter gewappnet. All das sollte sich nun ändern. Löw suchte sich wie so häufig ein Vorbild. Und orientierte sich an den Besten. An den Franzosen.

Auf dem Papier schien der Bundestrainer in der Post-WM-Zeit trotzdem auch die Abteilung Attacke aufrüsten zu wollen. Werner, Reus und Gnabry, die zuletzt das Sturmtrio bildeten, klingen nicht danach, dass man sich in der eigenen Hälfte verschanzen will. Oder? Alle drei können an guten Tagen wahrscheinlich jede Abwehr der Welt in die Knie zwingen. Die neu formierte Offensivabteilung ist aber in Wahrheit auch ein defensiver Schachzug, den man etwas genauer unter die Lupe nehmen muss, wenn man ihn verstehen will. Das Dreiergespann verspricht nämlich vor allem eines: Durchsetzungsstärke - allein auf weiter Flur. Wie sie eben auch Mbappe oder Griezmann verkörpern. Diese Spielertypen sollen den deutschen Angriffen Wucht, Dynamik und im Umkehrschluss auch Stabilität verleihen. Wie das funktioniert? Wir bröseln die Idee dahinter auf.

Unterzahlspieler als Schlüssel zur Stabilität?

Dass Deutschland bei der WM ein kleines Defensivtrauma erlebte, hing mit dem eigenen Offensivkonzept zusammen. Zum einen wurde der Ballbesitz mehr und mehr zum Selbstzweck. Zum anderen konnte man die Gegner nach Ballverlust auch nicht über Gegenpressing maßregeln. Genug Spieler hinter dem Ball fehlten der Mannschaft in vielen Szenen ebenfalls. So kam sie auch nicht schnell in die Ordnung zurück oder war in der Lage, den Kontern des Gegners Geschwindigkeit zu rauben. Die logische Konsequenz: Nach Ballgewinnen sprinteten Mexiko & Co. in offene Räume, erwischten Deutschland auf dem falschen Fuß. Die Löw-Elf, offen wie ein Scheunentor. 

Nach dem dramatischen Vorrundenaus begann dann die Suche nach der Symbiose: Wie kann man zukünftig wieder Torgefahr entwickeln, ohne ins offene Messer zu laufen? Wie paart man Tempofußball mit Stabilität? Die einfache Antwort lautete: Der Gegner soll etwas vom Ballbesitzkuchen abbekommen. Zumindest gegen die großen Teams sollte das Ballbesitzdogma endgültig der Vergangenheit angehören. Was damit nun Werner, Reus und Gnabry zu tun haben? Ganz einfach: Sie sind in der Lage, Unterzahlangriffe zu fahren. Wenn man so will: Sie können nach Ballgewinn mehr oder minder allein auf die Reise geschickt werden. Löws Wunsch: Mit ihnen geht die Post ab, ohne dass sich zig weitere Spieler in den Angriff einschalten müssen. Sie spielen den Konter und gleichzeitig bleibt genug Personal hinter dem Ball.

Im geordneten Ballbesitz sieht die Löw-Formel ähnlich aus. Auf der Taktiktafel des Bundestrainers steht neuerdings: X+2. Heißt: Die Doppelsechs und die Innenverteidiger sichern die Situation ab. Wie viele Innenverteidiger man aufs Feld schickt, hängt vor allem vom Gegner ab. Gegen die Niederlande setzte Löw auf drei. Er fuhr eine Fünffachabsicherung auf. In Nordirland verzichtete er auf den dritten Abwehrmann, ließ dafür zunächst mit etwas tieferen Außenverteidigern spielen. Balance geschafft, Problem gelöst, oder?

Ist die Überfalltaktik das Richtige?

Nicht so ganz. Denn richtig warm geworden scheint die Mannschaft mit der neuen Überfalltaktik von Löw noch nicht. Das belegten die Aussagen von Kimmich oder Kroos nach dem Niederlande-Spiel. Sie beschwerten sich über den wenigen eigenen Ballbesitz, monierten, dass man zu viel hinterhergelaufen sei. Wenig überraschend. Denn in den Vereinen werden die Spieler mit Ballbesitz überhäuft. Selbst der Gladbacher Ginter oder die Leipziger lernen unter ihren neuen Trainern den Genuss des Positionsspiels kennen. Und: Er scheint den Spielern zu schmecken, wenn man ihren öffentlichen Bekundungen Glauben schenken mag.

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Die Löw-Taktik, das tiefe, laufintensive, Mittelfeldpressing und das Lauern auf den einen Konter, kostet Kraft. Vor allem dann, wenn man zu wenig Entlastung hat. In der ersten Halbzeit biss sich die Niederlande noch die Zähne an der deutschen Defensive aus. Die drei Stürmer machten die Mitte eng. Dahinter schufteten Kroos und Kimmich wie ein Doppelsechspärchen, das sich seit Jahren kennt: Beide schoben feinsäuberlich von links nach rechts, als wären mit einem unsichtbaren Seil verbunden. So konnte Deutschland seinen Gegner auf die Flügel drängen. Dort packte man zu. Und selbst, wenn die Oranje mal gekonnt verlagerte, war die Mannschaft rechtzeitig auf der anderen Seite zur Stelle. Man hatte sich die Vorzüge des 5-2-3 zu Nutze gemacht: viel Personal, um die Mitte dicht zu machen. Genug Breite, um gegen Verlagerungen immun zu sein. Die Taktik ging auf.

Doch im zweiten Durchgang zollte die Mannschaft ihrer Spielweise Tribut. Während Ronald Koeman gewieft umstellte, hatte Deutschland offensichtlich Körner gelassen. Babel & Co. konnten auf der Außenbahn häufiger durchbrechen. Die deutsche Feinabstimmung ging verloren. Das beste Beispiel: Vor dem 1:1 hatte die Fünferkette das Zentrum fahrlässig entblößt. Obwohl alle Innenverteidiger nach Außen schoben, konnten die Niederländer nicht gestoppt werden. Die Flanke kam und schon war die deutsche Abwehr ausgehebelt. Ein Anfängerfehler.

Ja, es könnte schlichtweg ein übliches Nationalmannschafts-Problem sein: Die Organisation geht in Stresssituationen verloren, weil die Spielidee noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Logisch: In den Vereinen wird sie tagtäglich trainiert, die Nationalteams hingegen treffen sich alle Jubeljahre. Doch möglich, dass dahinter eine viel größere Frage auf Löw und sein Trainerteam wartet: Will die Mannschaft gegen die großen Nationen überhaupt Konterfußball spielen? Ist das die Idee, für die Spieler von Bayern München, Borussia Dortmund oder Real Madrid durchs Feuer gehen?

Um den Bogen zur Einleitung zu schaffen: Löw plant ein neues, eigenes Fundament, angelehnt an das der Franzosen. Vielleicht aber sollte sich Löw viel mehr am Fundament der Vereine bedienen? Aktuell, so scheint es, kocht er sein eigenes Süppchen. Weitestgehend unabhängig von dem, was die Spieler kennen. Auch die Dreierkette ist dafür in den überwiegenden Fällen ein passendes Beispiel. Womöglich muss Löw sich nach der WM also noch einmal den Spiegel vorhalten. Und sich fragen, ob Frankreich trotz WM-Triumpf das richtige Vorbild ist. Zumal es noch an anderen Stellen hapert, die dem weiteren Nährboden geben. Stichwort Ballbesitzspiel. Stichwort Lösungen gegen hohes Pressing. Teil 2 folgt.

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Tags: Europameisterschaft 2020 Qualifikation, Nationalmannschaft, Joachim Löw, Serge Gnabry, Marco Reus, Timo Werner

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