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Die XL-Bayern-Analyse: Was gut & was schlecht läuft (Teil 2)

Die erste Länderspielpause einer Saison eignet sich in der Regel für ein kurzes Zwischenfazit. Für die Trainer und Klubs der unterschiedlichen Ligen, aber auch für die Öffentlichkeit ist sie deshalb eine Phase der Analyse. Doch gibt es beim FC Bayern nach zwei Siegen und einem unglücklichen Unentschieden wirklich viel zu kritisieren?

Die Analyse stammt von unserem Gastautor Justin. Hier geht es zu seinem Twitter-Profil: https://twitter.com/Lahmsteiger.

Auch die Aggressivität, mit der die Bayern jedes Spiel angehen, ist ein Schlüssel für den Erfolg. Mit Hernández und Pavard kamen zudem zwei Spieler, die in der sogenannten Restverteidigung durch ihr Tempo den Unterschied machen können, wenn der Gegner mit Raum auf sie zuläuft. Beide sind besonders gut darin, in der Rückwärtsbewegung zu verteidigen. Hernández konnte so bereits den einen oder anderen gefährlichen Konter des Gegners aufhalten.

Das läuft noch nicht so gut beim FC Bayern …

Was auch schon eine gute Überleitung zu den aktuellen Schwächen des Rekordmeisters ermöglicht. Die Bayern lassen noch zu viele Kontermöglichkeiten zu, die wiederum aus Schwächen im Positionsspiel resultieren, die wiederum zu mangelnder Offensivleistung führen. Doch Schritt für Schritt. Das Hauptproblem wird bereits im Satz selbst deutlich: Es stimmt etwas mit dem Positionsspiel der Münchner nicht und daraus entstehen nahezu alle Probleme.

Die Quelle des mangelnden Positionsspiels ist dabei ganz klar im zentralen Mittelfeld zu verorten. Wie schon in der abgelaufenen Saison hat Kovač in seinem 4-3-3 zu große Abstände im Zentrum. Die Tatsache, dass dies nach dem Saisonstart 2018/19 nun wieder und mit ganz unterschiedlichen Spielertypen passiert, lässt den Schluss zu, dass es von Kovač so gewollt ist. 

Durch einen tiefen Sechser will der Trainer anscheinend den Spielaufbau und gleichzeitig das Umschaltspiel in die Defensive stärken. Die hohen Achter hingegen sollen für Tiefe sorgen. Durch lange und direkte Pässe in die Spitze soll dadurch vermutlich ein direkterer Zugang in der Offensive entstehen und mit fünf Offensivspielern wird sich vielleicht auch ein gutes Gegenpressing erhofft. Zumindest wären das Ideen, die man dem Trainer unterstellen könnte. Er selbst äußerte sich dazu bisher nicht.

Was sich aber ganz klar beobachten lässt: Die Umsetzung der Idee (welche auch immer es ist) funktioniert nicht richtig. Selbst dann, wenn man davon ausgeht, dass Kovač nicht viel Wert auf Kontrolle im Mittelfeld legt, ist die derzeitige taktische Umsetzung auf dem Platz mangelhaft. Ganz abgesehen davon, dass Mittelfeldkontrolle einer der wichtigsten Aspekte von dominantem Ballbesitzfußball ist und Kovač genau das als eine Art Strategie andeutete.

Diese exemplarische Szene aus der 56. Spielminute auf Schalke zeigt das Problem recht präzise: Kimmich kippt ab, weil er das Gefühl des zu großen Drucks im Zentrum hat. Damit nimmt er aber Hernández und Süle aus dem Spiel. Müller und Tolisso stehen so hoch, dass sie ballnah nicht helfen können und gleichzeitig ein Zuspiel zu ihnen zu riskant wäre.

Würde Kimmich nun trotzdem einen Vertikalpass nach vorn spielen, wäre es nicht unwahrscheinlich, dass ein Schalker den Ball bekommt. Daraufhin hätte Schalke eine Situation, in der sie mit viel Raum und mit sechs Spielern auf die Fünferkette des FC Bayern zulaufen könnten. 

Das ist ein Szenario, das es so schon häufiger gab und das bereits zu einigen Gegentoren führte. Auch Hertha und Mainz nutzten vor ihren Toren jeweils Umschaltsituationen, in denen ein Ballverlust durch Unterzahl von den Bayern selbst provoziert und der Raum im Mittelfeld schließlich gut genutzt wurde. Ein weiteres Szenario in der oben dargestellten Szene wäre, dass Kimmich den Ball zu Alaba oder Pavard bringt. Durch den frühen Pass auf die Außenbahnen kann Schalke sich aber darauf einstellen und schnell verschieben. Umso schwieriger wird es für die Bayern, sich an der durch die Seitenlinie begrenzten Außenbahn zu befreien. Zumal es im Zentrum ja auch keine Alternative gibt. Findet der Ball dann Gnabry oder Coman, sind die Verteidiger schon an ihnen dran.

So könnte Bayern die Probleme beheben

Hin und wieder gelingt es den Münchnern nämlich trotzdem, sich erfolgreich an der Linie entlang nach vorn zu hangeln. Die Halbraumunterstützung durch die Achter ist in dieser Saison im letzten Drittel etwas besser geworden, wodurch es manchmal zu guten Kombinationen kommt. Insgesamt ist der Raum durch die vorher fehlende Überraschung aber meist so eng, dass Coman und Gnabry einerseits, trotz ihrer Klasse, nicht das Maximum herausholen können und auf der anderen Seite bleibt Bayern dadurch zu abhängig von einzelnen Geistesblitzen. Eine höhere Präsenz in der Schaltzentrale würde hier helfen.

 

Würden Alaba und Pavard in derselben Situation etwas enger stehen und die Achter etwas tiefer, hätte Kimmich um sich herum so viele Dreiecke, dass selbst ein engeres Pressing von Schalke keine große Herausforderung sein sollte. Zumal es relativ wahrscheinlich wäre, dass der Gegner sich im Mittelfeld zusammenzieht. Ein alter Guardiola-Trick. Denn daraufhin bekämen die Flügelstürmer – hier Lewandowski, der mit Gnabry die Positionen tauschte, und Coman – mehr Raum. Es bräuchte dann nur noch ein adäquates Nachrückverhalten der Achter, um in der Offensive Gleich- oder gar Überzahlsituationen zu kreieren. 

Ganz aus der Luft gegriffen sind solche Situationen nicht. Bayern zeigte in dieser Saison bereits neue Ansätze. In der Vorbereitung deutete sich an, dass die Münchner mehr durch die Mitte spielen wollen. Trainingsübungen, wie ein Feld mit abgeschnittenen Ecken, machten die Runde und auch die Testspiele ließen einige Ansätze dahingehend erkennen. Gerade die verbesserte Halbraumunterstützung und kurze Eröffnungen über Sechser und Achter fielen dort auf.

Gegen Hertha war davon noch einiges zu sehen. Das lag zum Teil daran, dass die Berliner große Räume zwischen den Linien öffneten. Trotzdem muss man diese erstmal konsequent bespielen. An den Spieltagen zwei und drei fielen die Bayern aber zurück in alte Muster. 

Die Passmaps aus der iOS-App StatsZone unterstreichen das. Gegen Hertha ist eine ausgewogene Verteilung der Pässe zu erkennen. Außerdem gab es eine hohe Präsenz im Zehner-Raum. Unterstellen könnte man den Bayern höchstens, dass der letzte Pass in den Strafraum noch nicht funktionierte.

Gegen Schalke ist wiederum ein klares “U” zu erkennen. Die Bayern kombinierten sich also wie beschrieben die Flügel entlang, fanden aber keinen Zugriff auf den Zehner-Raum.

Gegen Mainz ist es ähnlich wie gegen Schalke. Durch die phasenweise tieferen Mainzer hat sich die Unterseite vom “U” aber etwas nach vorn geschoben. Dennoch blieb der Zehner-Raum zu unbespielt.

Das Spiel ist zu sehr auf Flanken ausgelegt

Das große Problem des aktuellen Flügelspiels ist, neben der Berechenbarkeit, auch die Variabilität in der Offensive. Mit rund 23 Flanken pro Spiel liegen die Bayern unter Kovač nicht deutlich, aber wahrnehmbar über ihrem Durchschnitt der Jahre zuvor, der bei rund 20 Flanken lag – unter Guardiola sogar deutlich darunter. Nun sind Flanken nicht per se zu verteufeln. Und nicht jede Flanke ist ein hoher Schlag aus dem Halbfeld. Schließlich gibt es auch gut herausgespielte Situationen, die mit einem Flachpass von außen in den Rückraum abgeschlossen und in der Statistik als Flanke verbucht werden – der Ausgleich von Borussia Dortmund gegen Union Berlin ist dafür ein gutes Beispiel. Es gibt auch jene Flanken, bei denen die Strafraumbesetzung so gut ist, dass die Wahrscheinlichkeit auf ein Tor maximiert wird.

Beides ist beim FC Bayern aber selten geworden. Prozentual gesehen finden nur rund 25 % der Flanken einen Abnehmer. Das sind sechs von 23 Flanken, die pro Spiel ankommen, seit Kovač Trainer ist. Und nur 3,7 pro Spiel führen zu direkten Abschlüssen. Es geht also eine sehr hohe Streuung mit den Flanken einher. Zumal ein Abschluss per Kopf in der Regel aus derselben Position unwahrscheinlicher zu einem Tor führt als selbiger mit dem Fuß. Das zeigen auch sämtliche Expected-Goals-Modelle.

Es kann ja durchaus Kovačs Wille und seine Idee sein, das Spiel über die Flügel zu fokussieren. Mit Spielern wie Coman oder Gnabry ist dies kaum verwerflich. Doch die Bayern müssen daran arbeiten, im letzten Drittel mehr Überraschungsmomente zu erzeugen. Das geht wiederum nur, wenn es gelingt, das Zentrum zu stabilisieren und ein Positionsspiel zu finden, das die Prozesse mit und ohne Ball (hier vor allem in den Umschaltsituationen bei Ballverlusten) verbessert.

Auf nationalem Niveau wird es vermutlich ausreichen, 20-30 Bälle pro Spiel in den gegnerischen Strafraum zu schlagen und aus diesen Situationen dann 1-2 Tore zu erzielen. International könnte die mangelhafte Struktur im Zentrum den Bayern wieder auf die Füße fallen. Schon gegen Liverpool gelang es den Münchnern nicht, den Übergang vom ersten ins letzte Drittel zu ermöglichen. Nach einer ordentlichen Anfangsphase in Liverpool gab es in beiden Partien kaum noch eigene Abschlüsse. Die Engländer waren deutlich besser organisiert und nutzten Bayerns Schwächen im Mittelfeld gnadenlos aus. 

Der Schlüssel liegt im Mittelfeld

Soll das nicht wieder passieren, braucht Kovač einen Lösungsansatz für seine drei Mittelfeldspieler. Gegen Schalke ließ er Alaba einrücken, doch die Abstände nach vorn blieben weiterhin zu groß. Gegen Mainz probierte er ein spielstärkeres Mittelfeld mit Coutinho, Thiago und Kimmich aus. Auch hier waren die Abstände zu groß. Zunächst war Kimmich zu weit von beiden Achtern entfernt, später ließ sich Thiago auf Anweisung von Kovač etwas fallen. Das stabilisierte zwar das Aufbauspiel, nahm dem Spiel aber auch die Tiefe.

Wie schon im vergangenen Jahr sucht Kovač die Balance. Das 4-3-3 scheint in der aktuellen Interpretation (4-1-0-2-3) zu viele Räume um den eigenen Sechser zu öffnen und die Passwege unnötig zu verkomplizieren, während das 4-2-3-1 der letzten Rückrunde (4-2-0-3-1) zwar stabilisierend wirkte, nach vorn aber ebenfalls daran scheiterte, Tiefe und Gefahr durch Kombinationen zu erzeugen.

Kovač hat in dieser Saison einen sehr guten und ausreichend breiten Kader zur Verfügung. Durch die Verpflichtungen von Coutinho, Perišić und Cuisance kamen sinnvolle Ergänzungen hinzu, während der Wechsel von Sanches eine Überbesetzung für die Box-to-Box-Rolle im Mittelfeld verhinderte. Der Kader mag weiterhin seine Schwächen haben. Eine weitere spielstarke Sechs findet man zwar in Kimmich, doch dann darf sich Pavard nicht verletzen. Darüber hinaus bleibt es diskutabel, ob ein Backup für Lewandowski Sinn ergäbe. 

Auch auf den offensiven Flügeln war man beispielsweise in der Saison 2015/16 (damals mit Ribéry, Robben, Costa und Coman) schon stärker aufgestellt. Verletzen sich Coman oder Gnabry, wird es eng. Und trotzdem gibt es für den Trainer keine Ausreden mehr. Dieser Kader ist mindestens gut genug, um das nationale Double wiederholen zu können. Und er ist auch gut genug, um in Europa theoretisch jeden schlagen zu können. Zwar braucht es dafür auch Fitness, Form und das Quäntchen Glück, doch ein weiteres Auftreten wie gegen Liverpool wäre mit diesem Kader inakzeptabel für einen Klub wie den FC Bayern. Es geht ja nicht darum, dass irgendjemand mit den Ergebnissen der letzten Jahre unzufrieden wäre. Wie so oft kommt es auf die Art und Weise an.

Kovač hat sicherlich seine Stärken. Zu den oben beschriebenen kommt die souveräne Außendarstellung hinzu. Doch er muss in seinem zweiten Jahr die taktischen Probleme lösen, wenn er weiterhin erfolgreich sein möchte. Gemeinsam mit dem neu zusammengestellten Trainerteam sollte es möglich sein, den Schlüssel im Mittelfeld zu finden. Es war ergebnistechnisch ein ordentlicher Saisonstart der Bayern. Aber er zeigte eben auch, wo die Probleme liegen, die dem Rekordmeister spätestens in der Champions League schaden könnten. Taktische Arbeit ist oft Detailarbeit. Aber sie lohnt sich besonders dann, wenn die individuelle Klasse nicht mehr ausreicht, um einen Gegner zu besiegen. Und umso wichtiger ist es, diese Details möglichst früh in einer Saison zu erkennen und zu beheben. Starke Überlegenheit gegen Mittelklasse-Teams oder Abstiegskandidaten der Bundesliga sollte den Sinn dafür nicht benebeln.

Tags: FC Bayern, Niko Kovac, Bundesliga

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