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Die 2. Liga: Junge Trainer bringen taktische Finesse in die „Kämpferliga“

Noch vor einigen Jahren dürfte die 2. Bundesliga für viele Taktikfans nicht sonderlich interessant gewesen sein. Die Teams zeichneten sich kaum durch taktische Finesse aus. Stattdessen standen die üblichen Mannorientierungen an der Tagesordnung und es gab wenig gute Ballbesitzmannschaften. Doch dank einiger interessanter und junger Trainer zeigt die Liga heute einen guten taktischen Mix. Mittlerweile ist auch das Ballbesitzspiel im deutschen Unterhaus angekommen.

Dynamo Dresden unter Cristian Fiel

2019-08-10 TuS Dassendorf vs. SG Dynamo Dresden (DFB-Pokal) by Sandro Halank–434.jpgEs ist keinesfalls so, dass dabei nur die vermeintlichen Top-Teams herausstechen. Auch einige Klubs, die man im Normalfall im Mittelfeld der Liga verortet, kann man Taktikfans ans Herz legen. Ganz besonders Dynamo Dresden ist da zu nennen. Im Februar dieses Jahres trennte sich der Traditionsklub von Maik Walpurgis. Durch einen schwachen Start in die Rückrunde waren die Sachsen so langsam aber sicher in den Tabellenkeller gerutscht. Walpurgis ließ Defensiv-Fußball spielen, der jedoch nicht so recht zum Kader passte. Bei der Wahl des Nachfolgers traf man eine mutige Entscheidung: Cristian Fiel kam. Der damals 38-jährige Deutsch-Spanier war schon als Spieler ein Dresdner Publikumsliebling, hatte aber als Trainer im Profifußball so gut wie keine Erfahrung (lediglich ein Spiel als Interimstrainer ein halbes Jahr zuvor). Trotzdem krempelte er Dynamo sofort um. Die Sachsen setzten wieder auf mehr Ballbesitz, wie unter dem langjährigen Trainer Uwe Neuhaus. Auch gegen Angriffspressing wurde fortan versucht, flach aufzubauen. Fiel will möglichst wenige lange Bälle sehen. Doch die neue Philosophie wirkte zu Beginn noch nicht wirklich ausgereift, sodass Dynamo sich inkonstant präsentierte. Trotzdem hielt man letztlich recht souverän die Klasse.

In der Vorbereitung arbeitete Fiel, der von Pep Guardiola schwärmt, weiter an seinem Ballbesitzspiel. Und das sah man in den ersten Saisonspielen. Nachdem Fiel in der letzten Spielzeit stets ein 3-5-2 genutzt hatte, stellte er auf ein 3-2-4-1 um. Die Philosophie aber blieb: Der Gegner soll über Ballbesitz und Positionsspiel dominiert werden. In dieser Saison stehen die Gegner gegen Dresden oft tief. Dynamo versucht seine Kontrahenten ruhig zu bespielen und weiß dabei durchaus zu überzeugen. Die Mannschaft sucht immer wieder den Weg durchs Zentrum, in dem sie starke Ballbesitzspieler aufbieten kann. Horvath, Atik und besonders Burnic sind hier zu nennen. Ist der Ball auf dem Flügel, unterstützt Dynamo dort gut und bildet Rauten. So hat der ballführende Spieler in jede Richtung eine Anspielstation. Außerdem schafft man damit eine gute Ausgangslage für ein Gegenpressing. Es hakt aber noch im letzten Drittel. Oft schlagen die Sachsen zu viele Halbfeldflanken. Dazu zeigen sie gegen den Ball noch ein paar Schwächen. Auch deshalb legten sie nur einen durchschnittlichen Saisonstart hin. Trotzdem wird es spannend sein, die Entwicklung der SGD weiter zu verfolgen. Ob die Ballbesitzidee von Fiel mit mehr Entwicklungszeit noch mehr Früchte tragen wird? 

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Aufsteiger bringen neue taktische Elemente in die Liga

Aber nicht nur Dynamo Dresden überrascht mit interessantem Fußball. Arminia Bielefeld spielt unter Ex-Dynamo-Trainer Uwe Neuhaus im 4-3-3 ähnlich, ist ebenfalls auf flache Pässe und Ballbesitz aus. Das wird aktuell mit Platz 5 in der Tabelle belohnt. Auch Greuther Fürth passt in die Riege. Stefan Leitl fordert von seinem Team hohe Aktivität gegen den Ball und einen gepflegten Spielaufbau. Und auch die Aufsteiger bringen interessante Systeme in die Liga. Der VfL Osnabrück wartet mit einem Positionsspiel auf, bei dem es schnell nach vorn gehen soll. Damit spielten sie sich bis auf Platz 4. Der Karlsruher SC ist zwar bei weitem kein Ballbesitzteam, bringt aber mit einem extremen Fokus auf lange Bälle und Pressing (mal tiefer, mal höher) einen netten Kontrast in die Liga.

Spitzenreiter HSV konnte gerade in den letzten Spielen mit Ballbesitz überzeugen. Die Hanseaten liefen in einem 4-3-3 auf, das sehr an das Hecking-System aus Gladbacher Zeiten erinnerte. So nutzt(e) er zum Beispiel bei beiden Stationen breit agierende Achter. Außerdem hat Hamburg den wohl interessantesten Sechser der 2. Liga in den Reihen: Adrian Fein. Ein pressingresistenter Ballbesitzspieler, ausgeliehen vom FC Bayern. Die Sechser sind ohnehin ein Schlüssel für die steigende Aufbauqualität der Liga. Viele Vereine setzen auf dieser Position mittlerweile auf Ballverteiler. Die klassischen Abräumer sind weniger gefragt. Neben Fein und Dresdens Burnic gehört Niklas Dorsch von Heidenheim zum Beispiel ebenfalls in diese Kategorie.

Hannover enttäuscht, Nürnberg hat die Probleme erkannt

Die größte Enttäuschung des Saisonstarts dürfte Hannover 96 sein. Das Team von Mirko Slomka steht nur auf Platz 12 und ließ auch taktisch einige Defizite erkennen, gerade im Ballbesitzspiel. Slomka setzt vor allem auf Flügelangriffe, die aber meist nicht sonderlich gut strukturiert wirken. Ein weiterer Grund für die fehlende Qualität des Ballbesitzspiels: Marvin Bakalorz, der als Taktgeber fungieren soll, ist ein Abräumer, weist aber große Defizite im Spielaufbau auf. Ein Sechser der alten Schule eben. Immerhin scheint man die Zeichen der Zeit nun erkannt zu haben. Die Last-Minute-Neuzugänge Stendera und Aogo sollen Abhilfe schaffen. Auch der 1.FC Nürnberg zeigte unter Neu-Trainer Damir Canadi anfangs ähnliche Probleme im Ballbesitzspiel wie Hannover, konnte sich zuletzt aber zumindest etwas steigern. Trotzdem bleiben beide Teams die Sorgenkinder unter den Großen.

Walters Fußballrevolution beim VfB Stuttgart

Tim walter.jpgDas wohl spannendste Zweitligaprojekt läuft indes im Schwabenland. Stuttgarts Tim Walter sorgte schon bei Holstein Kiel für Aufsehen. Er steht für einen Stil mit vielen Positionswechseln. Das ist im heutigen Fußball erst mal nichts Neues. Das Besondere: Er schließt die Innenverteidiger dabei nicht aus. Das ist insofern ungewöhnlich, als dass Innenverteidiger ihre Rollen im Regelfall sehr positionstreu interpretieren. Doch Walter lässt sie immer wieder ins Mittelfeld aufrücken, oft auch auf die Flügel ausweichen. Das hat den Vorteil, dass die Mittelfeldspieler ebenfalls nach vorn schieben können. Schließlich ist ihr Sechserraum oft schon von einem Innenverteidiger besetzt. Durch die hohen Mittelfeldspieler wiederum hat man mehr Spieler in Offensivräumen. Das hilft zum einen im Gegenpressing. Zum anderen stellt es den Gegner vor ungewohnt komplexe Defensivaufgaben. Aber: Auch die eigene Mannschaft kann dadurch überfordert werden. Außerdem besteht die Gefahr, dass durch das hohe Aufrücken die Konterabsicherung nicht ausreicht. Vor allem dann nicht, wenn das Gegenpressing mal doch nicht greift.

Trotzdessen setzt Walter seinen Stil in Stuttgart noch extremer als in Kiel um. Beim VfB rücken oft beide Innenverteidiger nach vorn, was durch leichtes Einrücken der Außenverteidiger in Richtung Mitte ausbalanciert wird. Die Positionswechsel sind noch dynamischer als bei den Störchen in der vergangenen Saison. Stuttgart widerlegt auch den Mythos, dass eine Raute (wobei die Grundordnung bei Walter sowieso nur auf dem Papier existiert) zentrumslastig sein muss. Über sehr breite Achter und gelegentlich weit ausweichende Stürmer und Zehner setzt der VfB vor allem auf eines: Flügelangriffe. Der Saisonstart verlief aber noch etwas holprig. Die Walter-Elf hatte mit flexiblen Defensivsystemen Probleme. Im letzten Spiel ließ Walter seine Innenverteidiger daher weniger aufrücken, nur einer der beiden ging noch in den Sechserraum vor. Es wird hochspannend, wie (extrem) der Trainer seine kleine Fußballrevolution fortsetzt. Schafft man es so zurück in Liga eins?

Fazit

Es gibt viele interessante, teils verrückte (Stuttgart) Teams in Liga zwei. Die meisten Mannschaften haben einen klaren Plan mit Ball, der teils auch noch von jungen, ballsicheren Sechsern getragen wird. Öffentlich herrscht oft noch die Meinung vor, die 2. Liga sei eine „Kämpferliga". Man sollte allerdings nicht übersehen, dass auch im deutschen Unterhaus viele Vereine kicken können - und genau das auch wollen.

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Fotoquellen

Tags: 2. Bundesliga

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