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Zwischen Kantersieg und Aufsteigerpleite: Wie gut ist dieser BVB wirklich?

Ist die Welt in Dortmund jetzt wieder in Ordnung? Nach der Pleite bei Underdog Union Berlin hatten auch wir gefordert: Lucien Favre muss sich hinterfragen. Das 4:0 gegen einen vermeintlichen Gegner auf Augenhöhe sollte nun der Beleg sein: Er hat die richtigen Schlüsse gezogen. Und tatsächlich: Beim BVB griffen dieses Mal viele Rädchen ineinander. Taktik, Strategie und Personal stimmten. Aber lieferte der Kantersieg auch Antworten auf die Fragen, die das Union-Spiel aufgeworfen hatte? Schließlich verlangte Leverkusen dem BVB ganz andere Themen ab als der Aufsteiger. Ein paar Fragzeichen wird Dortmund deshalb wohl erst zu einem späteren Zeitpunkt loswerden können. Nämlich dann, wenn Gegner mit einem anderen Spielcharakter warten als die Werkself.

 

 

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Wer nicht den ganzen Artikel lesen will:

- Favre nutzt eine kluge Mix-Taktik: aus dem passiven 4-4-2 geht es punktuell ins hohe Pressing

- gegen den Ball ist der BVB extrem stabil - mit Delaney als Schlüsselspieler

- nach vorne setzt man auf mehr lange Bälle, um nicht in den Pressingstrudel zu geraten

- über Konter entschied man die Partie

- die Aufgabe war eine völlig andere als gegen Köln oder Union Berlin

  

Favres Personal füllt die Mix-Taktik mit Leben

favre2Für einen kurzen Moment haben wir uns dafür geschämt, dass alle BVB-Artikel sich um dasselbe Thema drehen: dem Näschen von Lucien Favre. Dann aber wurde uns klar: Das liegt weniger an unserer Einfallslosigkeit, sondern vielmehr an Favres Händchen für sein Personal. Gegen Leverkusen gab es zwar kein obligatorisches Jokertor, auch wenn Hazard und Larsen am 4:0 immerhin beteiligt waren. Stattdessen war es eine Startelfentscheidung, die die Qualitäten des Schweizers unterstrichen.

Union Berlin und vor allem der 1. FC Köln hatten aufgedeckt: Sechser Weigl kriegt Probleme, wenn er körperlich hart angegangen wird. Die Passmaschine mag es, das Spiel vor sich zu haben, den Ball zu verteilen. Wird er aber schon bei der Annahme aggressiv gestört, schmeckt ihm das weniger. Favre wusste: Mit Leverkusens forschem Angriffspressing ist nicht zu spaßen. Es würden harte Zweikämpfe entstehen, viele Konter zu verhindern sein. Und man selbst muss, statt den Gegner müde zu spielen, vielleicht mehr über den langen Ball lösen. Die logische Konsequenz: Der defensivstarke Thomas Delaney nahm den Platz von Weigl ein - und avancierte zum Schlüsselspieler. Der Däne nahm Leverkusens Top-Talent Kai Havertz aus dem Spiel, sorgte für Stabilität. Delaney war das fehlende Puzzlestück für Favres Matchplan. 

Dass Roman Bürki einen relativ ruhigen Samstagnachmittag im Signal Iduna Park hatte, lag an den vielen kleinen und großen Dingen, die beim BVB gegen den Ball zusammenpassten. Dortmund hatte das Spiel vor allem dank seiner Kompaktheit im Griff. In der letzten Spielzeit war der BVB oft eingenickt, wenn er sich auf der Siegerstraße gewähnt hatte. Das kostete wichtige Zähler. Doch gegen die Werkself sollte alles anders werden. Dortmund jagte dem Ball vor allem nach Leverkusener Rückpässen nach, gewann so immer wieder Höhe im Pressing. Um einzuschlafen, präsentierte sich der BVB viel zu aktiv. Er ließ sich nicht (unplanmäßig) hinten reindrängen und konnte einige lange Bälle erzwingen. Wie etwa vor dem 2:0, als Dortmund nach einem langen Hradecky-Schlag zum Konter ansetzte. 

Favre wagte ein Wechselspielchen aus dem geduldigen 4-4-2 und einem temporeichen Forechecking. Das Dilemma für den Gegner: Er wird immer wieder in anderen Situationen gefordert. Mal muss er einen defensiven Gegner knacken, dann wird er plötzlich wieder unter Druck gesetzt. Damit hatte Leverkusen zu kämpfen.

Aber selbst wenn Favres Elf mal für längere Zeit tief stand, geriet sie nicht wirklich ins Schwitzen. Dortmund machte insbesondere die Zone zwischen Mittelfeld und Abwehr wahnsinnig eng. So kam Leverkusen nicht ins geliebte Zentrum, musste entweder vor dem BVB Mittelfeld herumspielen oder den Weg über die Flügel suchen. Genau da wollte Dortmund die Werkself haben. In Europa gibt es wenig Mannschaften, die einen Gegner so gut in unwichtige Räume abdrängen können wie der BVB.

Das Leverkusen-Spiel stellte unter Beweis: Favre ist ein herausragender Defensivtaktiker. Das akkurate 4-4-2 war das Fundament für den Erfolg. Dazu machte Favre klar, dass er auch als Stratege etwas auf dem Kasten hat. Er fand die richtige Mischung aus Kompaktheit und Aggressivität. Und hatte das passende Personal auf dem Feld, um diese Mix-Taktik umzusetzen. Nicht nur Delaney machte gegen den Ball eine tolle Figur. Auch Witsel und Hummels waren voll auf der Höhe. Gerade Letztgenannter konnte die Situationen entschärfen, wenn Leverkusen doch mal in den Rücken des Mittelfelds kam. Allgemein zog sich Dortmund in diesen Szenen wahnsinnig schnell als Mannschaft hinter den Ball zurück. Stabilität auf Top-Level.

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Konter und Tempo statt Positionsspiel

Zur Geschichte des Spiels gehört allerdings auch: Dortmund war nach vorne völlig anders gefordert als noch in Berlin. Gegen das forsche Pressing der Bosz-Elf schlug Bürki viele lange Bälle, mehrere davon in Richtung rechter Flügel. Dort sollte der kleine Wendell z. B. von Sancho genervt werden. Die umliegenden Räume wurden dann von Reus & Co. besetzt, um auf den zweiten Ball gehen zu können. Das ist eigentlich nicht die Fußball-Idee von Favre, weil der Kampf auf den zweiten Ball auch von Zufällen geprägt ist. Entsprechend konnte Dortmund ihn mal mehr, mal weniger für sich entscheiden. Doch solche Szenen waren immerhin Ausgangspunkte für gleich zwei Treffer. Beim 1:0 hatte sich Dortmund nach einem langen Ball aus der Enge befreit. Anschließend nahmen Reus und seine Kollegen Tempo auf. Das war ohnehin der Plan von Favre: Angriffe möglichst schnell nach vorne tragen, nicht zu viel quer spielen. Dann nämlich wäre man wohl schnell wieder in den Leverkusener Pressingstrudel geraten.  

Dass der BVB sich sage und schreibe 13 Ballverluste in der eigenen Hälfte erlaubte, hält indes nicht als Indiz für die Probleme im Ballbesitzspiel stand. Denn: Gegen Boszs Pressingmaschinerie ist es für jeden Gegner schwierig, flach herauszuspielen. Gerade deshalb war die Favre'sche Flexibilität mit dem Wechsel auf ein vertikaleres Spiel Gold wert. Zumal die starke Defensiv-Taktik dem BVB gegen das fade Leverkusener Ballbesitzspiel zusätzlich in die Karten spielte. Man konnte der Werkself durch Konter den Gnandenstoß versetzen.

Und nun, BVB?

Aber was heißt all das nun? War Union nur ein Ausrutscher? Das bleibt noch unklar. Dortmund machte am Samstag typische Favre-Dinge gut: verteidigen und kontern. Die Mix-Taktik und die Entscheidung pro Delaney erwiesen sich als absolute Glücksgriffe. Aber unterm Strich ging es nicht darum, einen defensiven Gegner zu knacken wie gegen Union. Im Gegenteil: Gerade in defensiveren Phasen war Leverkusen für eine Spitzenmannschaft zu einfach zu knacken.

Hinzu kam, dass Leverkusen dem BVB auch nicht über Standards wehtun konnte. In den nächsten Wochen werden wohl noch Teams warten, die es gezielter auf die schwarzgelbe Achillesverse absehen könnten. Ob Dortmund also zwei Gesichter hat, wird erst die Zeit zeigen. Licht ins Dunkel könnte gegen vermeintlich kleine Gegner gebracht werden. Oder gegen physische Pressingmannschaften wie Mönchengladbach, die die BVB-Sechser in Fesseln legen. Dann kann Favre zeigen, wie gut er als Taktiker und Stratege wirklich ist. Dass er personell zu den Besten der Besten gehört, hat er schon oft genug demonstriert.

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Bildquelle

Tags: Bundesliga, Borussia Dortmund, Lucien Favre, Thomas Delaney

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