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FC Barcelona: stark, aber nicht unverwundbar

Das Wunderkind Ansu Fati begeistert Barcelona. Beim 5:2-Sieg gegen Valencia glänzt aber auch Luis Suarez. Dortmund ist dennoch keineswegs chancenlos.

Aus Barcelona berichtet Gastautor Christoph Söller

Wer nicht den ganzen Artikel lesen will:

- Barcelona überzeugt im letzten Ligaspiel vor dem Duell mit dem BVB mit der gewohnten Ballbesitzdominanz

- Suarez' schnelle Tiefenläufe bereichern das Spiel der Blaugrana

- Das 16-Jährige Supertalent Ansu Fati begeistert schon jetzt das Camp Nou mit seinen Dribblings

- Dortmund muss kompakt verteidigen und vor allem im Umschaltspiel Gefahr ausstrahlen, um eine Chance zu haben

Barca überzeugt nach holprigem Saisonstart

Am Ende waren die 81.000 Zuschauer im Camp Nou regelrecht euphorisiert – ihre Mannschaft, der FC Barcelona, hatte die Gäste aus Valencia eben mit 5:2 abgefertigt und phasenweise feinste katalanische Fußballkunst präsentiert.

Der etwas holprige Saisonstart mit nur vier Punkten aus den ersten drei Spielen war vergessen und verziehen. Barça hatte den FC Valencia, immerhin auch Champions-League-Teilnehmer, über weite Strecken an die Wand gespielt. Und weil am selben Tag Borussia Dortmund sein Heimspiel gegen Bayer Leverkusen mit 4:0 gewonnen hatte, darf sich die Fußballwelt nun auf einen spektakulären Europapokalabend freuen.

Barça konnte Valencia deswegen dominieren, weil es im 4-3-3 System lange Ballbesitzphasen generierte. Über 706 angekommene Pässe dokumentieren die katalanische Dominanz. Bei den seltenen Ballverlusten gingen die ballnahen Spieler sofort ins Gegenpressing und konnten dadurch einige Male den Ball schnell zurückerobern. So blieb den Fledermäusen, wie die Spieler des FC Valencia wegen des Vereinswappens genannt werden, häufig weder Zeit noch Raum, um sich aus der Barça-Bedrängnis zu befreien.
Vor der Viererkette spielten mit Busquets, der in Messis Abwesenheit Barças Kapitän war, Arthur und Ajax-Neuzugang Frenkie de Jong drei extrem ballsichere Spieler.

Die Dreierreihe im Mittelfeld dominiert das Spiel Barcelonas

Busquets, spätestens seit Iniestas Abgang Herz und Schaltzentrale im Mittelfeld, wird auch gegen Dortmund im Zentrum spielen und unauffälliger, aber wichtiger Taktgeber sein. Arthur, zweifellos hochveranlagt, könnte am Dienstag von Rakitic, der mehr Erfahrung und vor allem mehr Körperlichkeit mitbringt, wieder aus der Startelf verdrängt werden. Arthur hat noch nicht die Konstanz eines Andres Iniesta, leistete sich gegen Valencia den einen oder anderen Flüchtigkeitsfehler, dennoch erinnert vieles an den Altmeister, insbesondere seine Antizipationsfähigkeit und seine Bewegungsabläufe. Frenkie de Jong erzielte gegen Valencia sein Premierentor und gliederte sich perfekt ein die Mittelfeldmaschinerie, die Ball und Gegner lange und sicher zirkulieren ließ.

Vor dieser Dreierreihe, in der Busquets den defensivsten Part spielte und wohl auch am Dienstag in der Champions League in der Rückwärtsbewegung wichtig für die Ballrückeroberungen sein wird, agierte mit Ansu Fati über links, Griezmann im Zentrum und Carles Pérez über die rechte Außenbahn eine Offensivreihe, die sehr wahrscheinlich so nicht mehr in Dortmund auflaufen wird.

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Interessant und mitunter entscheidend wird sein, ob Luis Suarez, gegen Valencia gefeierter Doppeltorschütze, gegen den BVB von Anfang an spielt, oder die Kraft noch nicht reicht für 90 Minuten. Als er am Samstag in der 60. Minute ins Spiel kam und damit nach mehrwöchiger Verletzungspause sein Comeback gab, strahlte er wesentlich mehr Präsenz und Torgefahr aus als Griezmann, der zwar zwei Treffer auflegte, dem aber noch merklich die Bindung zum Kombinationsspiel fehlte. Ihm fehlten die schnellen Läufe in die Tiefe, die Suarez so gefährlich machen. Oftmals entschieden sich Griezmanns Mitspieler für den Pass nach hinten oder auf den ballnahen Außenspieler, anstatt ihn im Zentrum zu suchen. Als Suarez kam, ging Griezmann auf die Außenbahn, was für alle Beteiligten das Beste war. Suarez auf der Mittelstürmerposition zu stoppen dürfte dann wohl die Hauptbeschäftigung für Hummels und Akanji werden.

Ansu Fati begeistert das Camp Nou

Sollte Suarez in der Anfangsformation stehen, wovon auszugehen ist, dann müsste womöglich die Hauptattraktion des Samstagabends, der erst 16-jährige Ansu Fati, draußen bleiben. Falls Suarez wider Erwarten zunächst auf der Bank Platz nimmt und Ansu Fati spielen darf, wäre der Torschütze zum 1:0  und der Vorlagengeber zum 2:0 der jüngste CL-Spieler in der Geschichte des FC Barcelona. Ansu Fati kommt bevorzugt über die linke Seite und scheut kein Dribbling, agierte furchtlos gegen den erfahrenen Garay, spielte ihn ein ums andere Mal schwindelig. Unterstützt und in Szene gesetzt wurde er vom erfahrenen und umtriebigen Jordi Alba hinter ihm. Fatis Stärken in Eins-gegen-Eins- oder Eins-gegen-Zwei-Duellen sind selten und daher besonders wertvoll für Barça. „Er ist 16 Jahre, wir müssen vorsichtig mit ihm umgehen. Er ist ein großartiger Junge, der es verdient, aktuell so viele Minuten zu kriegen“, sagte Mitspieler Clemens Lenglet über ihn. Gegen Lukas Piszczek dürfte der Shootingstar auch eindeutige Schnelligkeitsvorteile haben.

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Wahrscheinlich ist daher, dass beim BVB Hakimi auf der rechten Seite verteidigen wird (unabhängig davon, ob Griezmann oder Fati über Barças linke Seite kommt). Hakimis Nominierung hätte überdies den Vorteil, dass dessen Gegenspieler auch kraftraubende Defensivaufgaben erledigen müsste, da Hakimi gerne seinen großen Offensivdrang auslebt, auch in internationalen Spielen, es sei nur an Dortmunds 4:0-Heimsieg gegen Atletico Madrid in der vergangenen Saison erinnert.

Und Messi? Lucien Favre geht davon aus, dass Messi (zunächst) nicht spielen wird. Das Abschlusstraining am Montag im Camp Tito Vilanova hat der Superstar vollumfänglich mitmachen können. Er wäre demnach die wohl spektakulärste Wechseloption und genießt im Offensivspiel alle Freiheiten, ist an keine feste Position gebunden.

Der BVB steht vor der Mammutaufgabe, Suarez, Ansu Fati, Griezmann und Messi aufhalten zu müssen. Freilich gibt es dafür kein Patentrezept und Barças individuelle Qualität ist groß genug, um sich Torchancen herausspielen zu können. Lucien Favres Philosophie, alle Spieler in die Defensivarbeit miteinzubinden, wird gegen die Katalanen besonders von Nöten sein. Kompaktes, mannschaftlich geschlossenes Verschieben, geduldiges Verteidigen gegen die manchmal ermüdenden Ballbesitzphasen Barcelonas und bei Balleroberungen ein schnelles, vertikales Umschaltspiel müssen funktionieren, um gegen den spanischen Meister erfolgreich sein zu können. Möglicherweise werden Reus oder Paco Alcacer auch eine Sonderrolle gegen Busquets zugeteilt bekommen.

Wo kann der BVB den Katalanen gefährlich werden?

Die Borussia muss und darf sich nicht verstecken. Denn auch wenn Barcelonas Sieg gegen Valencia beeindruckend war, muss man einschränkend festhalten, dass fast alles gegen die bedauernswerten Gäste lief. Valencia reiste schon ziemlich zerzaust nach Barcelona, hatte einige Chaostage hinter sich, ausgelöst durch die Entlassung des Erfolgscoachs Marcelino, der den Klub in der vergangenen Saison auf Rang vier und zum Pokalsieg geführt hatte. Das frühe Gegentor nach gerade einmal 112 Sekunden zerstörte wahrscheinlich den Matchplan von Neutrainer Albert Celades, der wohl eher vorgesehen hatte, selbst in Führung zu gehen und dann aus einer kompakten Defensivordnung heraus immer wieder offensive Gegenstöße zu fahren.

Valencia kam zwar in der Mitte der ersten Hälfte zu mehr Ballbesitz und sogar zum zwischenzeitlichen Anschlusstreffer durch Gameiro in der 27. Minute, doch vor allem in der zweiten Halbzeit waren die Fledermäuse quasi chancenlos. Dennoch ist das Champions-League-Spiel heute Abend die erste wirkliche Bewährungsprobe für Barça in dieser Saison. Die Zeitung El Pais kam nach vier Spielen zu der Zwischenbilanz, der junge Fati sei „der einzige Lichtblick in einem zerbrechlichen und orientierungslosen Barça“. Wie zerbrechlich das Spiel der Blaugrana tatsächlich ist, wird sich heute Abend zeigen.

Dortmund ist individuell besser besetzt als Valencia, kann, vor allem mit Hummels, Akanji und Witsel, besser aufbauen, selbst unter Gegnerdruck. Ziel wird und muss es sein, die Offensivkräfte ins Spiel zu bringen, insbesondere Brandt (wird vermutlich auf den manchmal etwas wackeligen Nelson Semedo treffen) und Sancho (gegen den oftmals sehr offensiven Jordi Alba) auf den Außenbahnen. Kapitän Reus hat den Anspruch klar formuliert: „Wir wollen das Spiel zu Hause gewinnen!“ Wenn neben einem guten Passspiel, das zur eigenen Entlastung wichtig sein wird, auch das offensive Umschaltspiel (eine im Grunde seit Klopp altbekannte Dortmunder Stärke) funktioniert, ist dieser Anspruch keineswegs vermessen.

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Tags: Borussia Dortmund, FC Barcelona, Champions League

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