f logo RGB Blue 58 Twitter Social Icon Circle Color

Hoffenheim unter Schreuder: Pseudo-Ballbesitz & In-Game-Probleme?

In den letzten drei Saisons wurden die TSG-Fans mit Erfolg und attraktivem Fußball verwöhnt. Julian Nagelsmann führte den Dorfklub auf die Plätze vier, drei und neun. Doch der Saisonstart unter Nachfolger Alfred Schreuder lässt Zweifel zu, dass die Erfolgsstory weitergeht. Die Bilanz: vier Spiele, vier Punkte, 3:6 Tore. Und die kam nicht ohne Grund zustande. Die TSG hat noch einige Schwächen - sowohl mit als auch gegen den Ball. Die sind wiederum auch das Ergebnis dessen, dass Schreuder In-Game nicht an seinen Vorgänger herankommt. Nagelsmann war ein Meister darin, Probleme während des Spiels zu korrigieren. Die Qualität geht Schreuder bisher ab. Verkommt Hoffenheim zu einer Pseudo-Ballbesitzmannschaft, die sich während des Spiels zu leicht aus dem Tritt bringen lässt?

Wer nicht den ganzen Artikel lesen will:

- mit Ball sucht die TSG gerne das Zentrum, ist aber manchmal noch zu sehr von Einzelspielern abhängig

- insbesondere gegen hoch pressende Teams offenbaren die Kraichgauer Probleme

- defensiv stimmte in den ersten Spielen die Kompaktheit, gegen Freiburg war das jedoch nicht mehr der Fall

- Schreuder überzeugt In-Game noch nicht

 

Hoffenheim hat Probleme gegen Pressingmannschaften

Im Ballbesitzspiel sind unter Alfred Schreuder einige Parallelen zur Nagelsmann-Ära erkennbar. Auch der Niederländer setzt im Spielaufbau auf eine Dreierkette. Auch unter ihm soll bevorzugt durch das Zentrum gespielt werden. Und: Wie unter dem Ex-Coach sammelt die TSG eine Menge Ballbesitz. In drei der vier Ligaspiele gewann Hoffenheim den Ballbesitzvergleich. Der größte Unterschied zur Zeit unter Nagelsmann ist allerdings: Genau dieser geliebte Ballbesitz scheint oft nutzlos zu sein. Und das liegt auch daran, dass sich die Umsetzung des Ballbesitzspiels im Detail verändert hat.

Schreuder besetzt den Flügel wie Nagelsmann am liebsten mit nur einem Spieler. Er gab beim ersten Spiel in Frankfurt die Breite sogar ganz auf und sorgte damit für einige verrückte Szenen. Diese Idee war zwar noch nicht ausgereift, schürrte dennoch Hoffnungen. Würden die Kraichgauer ihren nächsten Taktikfuchs gefunden haben? Doch nach dem Strategiewechsel gegen Leverkusen zeigte sich: Den nötigen Feinschliff im Ballbesitzspiel hat die Mannschaft noch nicht erhalten. Schreuder bleibt bisher nur ein Trainer mit Ansätzen.

Konkret: Hoffenheim sucht zwar das Zentrum, findet es aber oft nicht. Gerade gegen kluge Pressingmannschaften tut sich die TSG sehr schwer. Sie lässt sich auf den Flügel drängen und läuft in Pressingfallen. Wenn der Gegner früh attackiert, löst die Mannschaft es häufig über den langen Ball. In den Vorjahren war das zu weiten Teilen verpöhnt und auch schlichtweg nicht nötig. Hoffenheim hatte seine Gegner durch das Positionsspiel auskombiniert. Immerhin gab es hier am letzten Spieltag gegen Freiburg schon kleine Fortschritte.

Anzeige

Grillitsch, Rudy und Geiger, aber zu wenig Spielstärke?!

Auch Schreuder hätte das Personal, um kombinationsreichen Zentrumsfußball umzusetzen. Doch das perfekte Positionsspiel dafür fehlt. Gegen Freiburg bildeten die spielstarken Rudy und Grillitsch die Doppelsechs. Besonders interessant war aber die Rolle von Dennis Geiger. Unter Nagelsmann kam der junge Mittelfeldspieler meist in eher tiefen Räumen zum Einsatz. Schreuder scheint ihn zum Zehner umfunktionieren zu wollen. Ein weiterer interessanter Kniff. Doch man merkt, dass Geiger damit noch fremdelt. Er bewegt sich extrem viel zwischen Mittelfeld und Abwehr, findet aber bisher zu selten die richtigen Räume. Geiger ist in gewisser Weise ein Sinnbild für das Hoffenheimer Ballbesitzspiel: engagiert, bemüht, aber mit wenig taktisch ausgereiften Aktionen. So ist die TSG im Ballvortrag oft von den berüchtigten Vogt-Pässen zwischen die Linien abhängig. Zumal auch die Grillitsch-Rudy-Doppelsechs noch nicht perfekt eingebunden scheint.

Doch selbst wenn der Ball mal im offensiven Mittelfeld ankommt, hapert es noch bei der TSG. Insbesondere, wenn der Gegner gleichzeitig tief steht. Meist fehlt der Plan, um dann zu einem klaren Durchbruch zu kommen. Viele Angriffe enden in Halbfeldflanken und Distanzschüssen. Schreuder begründete das auch mit dem fehlenden Nachrücken der Sechser. Einer der beiden, so der Niederländer, müsse mit nach vorne gehen, um dort Überzahl zu schaffen. Das sei zu selten geschehen. Diese Erklärung hörte man nach dem Freiburg-Spiel allerdings nicht das erste Mal. Seine Umstellung auf 4-3-3 verpuffte. Streich konterte sie mit Petersen als Zehner. Das Ballbesitzspiel wurde auch mit der Doppelacht/-zehn nicht besser.

Anzeige

Bekommt Hoffenheim jetzt auch noch Probleme gegen den Ball?

Aus dem Schreuder-3-4-2-1/3-4-1-2 (Nagelsmann: 3-1-4-2) wird gegen den Ball ein 5-2-3. Mit Ausnahme des Leverkusen-Spiels. Schreuder möchte hoch verteidigen. Entweder im hohen Mittelfeld- oder in einem passiveren Angriffspressing. Letzteres heißt: Man steht zwar im gegnerischen Drittel, läuft aber nicht mit vollem Tempo an und attackiert auch nicht den Torwart.

In den ersten Spielen stand die TSG sehr kompakt. Sie ließ sich nicht aus den Positionen ziehen. Ein gutes Beispiel dafür war das Spiel gegen Bremen. Gegen das Werder-4-3-3 wurden die Innenverteidiger und der Sechser zugestellt. Daraufhin fielen die Bremer Achter im Spielaufbau weit zurück, um die Hoffenheim-Sechser herauszulocken. Doch sie fielen nicht auf diese Spielchen herein. Die Werder Achter waren durch die eng gestaffelte Dreier-Offensivreihe der Kraichgauer nicht anspielbar. Das genügte. Bremen musste immer wieder zum langen Ball greifen. Durch die in den Positionen gebliebenen Sechser hatte die TSG eine gute Ausgangslage im Kampf um zweite Bälle.

Beim 0:0 in Leverkusen wählte Schreuder dann einen anderen Ansatz. Die TSG stellte sich im 4-2-3-1 hinten rein. Im Mittelfeld agierte sie zwar mannorientierter, stand aber kompakt. Doch damit war gegen Freiburg Schluss.

Die Streich-Elf nutzte eine kleine Gegneranpassung. Die Dreierkette wurde bei Bedarf durch einen vierten Spieler ergänzt. Damit war Hoffenheims Matchplan dahin. Das Schreuder-Team hatte sich nämlich auf eine reine Dreierkette eingestellt. Doch plötzlich hatte Freiburg dort einen Spieler mehr. Die TSG-Spieler schienen nicht zu wissen, wie sie darauf reagieren sollten. Freiburg spielte das Hoffenheimer Pressing aus. So entstand das 1:0.

Auch im weiteren Spielverlauf fand Hoffenheim keine Lösung gegen Freiburgs Aufbaustruktur. Ein weiteres Indiz dafür, dass Schreuder (noch) kein guter In-Game-Coach ist. Und auch sonst war der Defensiv-Auftritt gegen den SCF besorgniserregend. Rudy orientierte sich stark an den abkippenden Höfler, obwohl dies in vielen Situationen keinen Sinn machte. Außerdem hatte die TSG Probleme in der Nähe des eigenen Tores Druck auf den Ball auszuüben. 

Anzeige

Fazit

So richtig scheint Hoffenheim nicht von der Stelle zu kommen. Der Saisonstart verlief äußerst durchwachsen. Natürlich sind nicht alle Probleme taktischer Natur. Der personelle Aderlass im Sommer war groß. Trotzdem hat die Mannschaft Qualität. Die großen Hoffnungen, die auf Ballbesitztrainer Schreuder liegen, wurden bisher nicht erfüllt. Insbesondere nach vorne hat das Team im Vergleich zu Nagelsmann Rückschritte gemacht. So spannend einige Ideen auch sein mögen: Hoffenheim könnte im schlimmsten Fall sogar zu einer Pseudo-Ballbesitzmannschaft verkommen. Heißt: viel Ballbesitz, aber keine Ideen.

Gegen den Ball muss die TSG wieder an die ersten Spiele anknüpfen. Dann hat man zumindest hier ein solides Fundament. Auch wenn abzuwarten bleibt, wie einfach Schreuder sich von den Taktik-Haudegen auf den Bundesliga-Trainerbänken auscoachen lässt. Aussichtslos ist das Projekt Schreuder/Hoffenheim nicht. Doch die große Vorfreude auf etwas Neues ist erstmal dahin.

Tags: Bundesliga, TSG Hoffenheim, Alfred Schreuder

Anmelden