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Verkehrte Welt auf Schalke: Wagner kann Ballbesitzfußball

Schalke 04 und der Ballbesitz – in den letzten Jahren ging diese Kombination bestenfalls als Zwangsehe durch. Als Verein aus dem oberen Tabellendrittel sah man sich häufig mit defensiven Gegnern und hohen Ballbesitzwerten konfrontiert. Wirklich wohlgefühlt haben sich die Knappen in dieser Rolle aber nie. Die Verpflichtung von David Wagner deutete nicht unbedingt darauf hin, dass sich dies in der neuen Saison ändern würde. Die letzten beiden Spieltage zeigen allerdings eine erstaunliche Entwicklung.

Wer nicht den ganzen Artikel lesen will:

- Zu Beginn der Saison spielte Schalke Kumpel- und Malocherfußball

- Gegen Hertha und Paderborn gab es aber überraschend gute Ansätze im Ballbesitzspiel

- Ein abkippender Sechser, hohe Außenverteidiger und wenig Zentrumspräsenz prägen das Spiel der Königsblauen

- Amine Harit ist Schalkes Schlüsselspieler, weil er dem Spiel der Wagner-Elf auch das Spiel durchs Zentrum ermöglicht

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Schalkes Saisonstart entspricht den Erwartungen

Auch wir schrieben nach dem ersten Spieltag, dass Schalke in Zukunft Kumpel- und Malocherfußball spielen will. So, wie es die DNA des Klubs vorgibt. Und auch so, wie es Wagner zuvor bei Huddersfield Town vorgelebt hatte. Die ersten beiden Spieltage schienen diese Tendenz zu bestätigen. Schalke konzentrierte sich in Gladbach und gegen die Bayern vor allem auf eine stabile Defensive und vertikales Umschaltspiel. Die Königsblauen schlugen sich dabei ordentlich und erfüllten ziemlich genau die Erwartungen, die man vor der Saison an sie stellen konnte. 

Gegen Berlin und in Paderborn rutschte man dann erstmals in die vorher so ungeliebte Ballbesitzrolle. Welcher Schalke-Fan kann nicht ein Lied davon singen, wie man in den letzten Jahren immer wieder aufgrund von Kreativlosigkeit Punkte gegen die Underdogs herschenkte. Dieses Jahr soll es anders kommen. 

Um den Aufbau so stabil wie möglich zu gestalten, setzt Wagner aus dem 4-2-3-1 heraus auf einen abkippenden Sechser. Meist ist es Omar Mascarell, der sich links neben oder zentral zwischen die Innenverteidiger fallen lässt. Der andere Sechser verbleibt zunächst allein im Zentrum. Schalke verfügt im zentralen Mittelfeld nicht über besonders pressingresistente Spieler, die sich zwischen den Linien des Gegners wohlfühlen und dort den Ball behaupten können. Wagner weiß das und hat seine Mannschaft angewiesen, die zentralen Bereiche des Spielfelds nur mit extremer Vorsicht anzuspielen. Welche Folgen ein Missachten dieser Marschroute haben kann, zeigte ein Ballverlust von Weston McKennie früh im Spiel gegen die Hertha. Infolge eines schlechten ersten Kontakts verlor der US-Nationalspieler den Ball. Die Berliner konterten über Lukebakio und kamen zu einer Großchance. Was wohl mit dem Schalker Ballbesitzspiel passiert wäre, hätte man hier den ersten Gegentreffer kassiert?

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Wagner meidet das Zentrum

Um dieses Risiko zu vermeiden, baut Wagner auf ein flügellastiges und risikoarmes Aufbauspiel. Die Außenverteidiger rücken zeitgleich mit dem Abkippen des Sechsers weit nach vorne. Die offensiven Flügelspieler schieben in den Halbraum. Schon nach wenigen Verlagerungen im Aufbau sucht entweder Mascarell oder einer der Innenverteidiger den diagonalen Schlag auf die Außenbahn. Die Alternative dazu ist ein langer Ball direkt hinter die Abwehrkette des Gegners. Guido Burgstaller ist wie gemacht dafür, diese Bälle mit seinen cleveren Bewegungen und dem unermüdlichen Arbeitseifer zu erlaufen und im vorderen Drittel zu halten. 

So hat die Wagner-Elf zwei Mittel, um den Ball regelmäßig in das zweite und dritte Drittel zu bringen. Dort angelangt, stocken die Offensivbemühungen der Schalker aber noch ein wenig. Die Außenverteidiger sind in eigenem Ballbesitz oft auf sich allein gestellt. Sie haben nur wenige Anspielstationen. Entsprechend häufig enden Schalker Angriffe in ungefährlichen Halbfeldflanken. Doch Wagner hat hier bereits etwas Abhilfe schaffen können. Immer häufiger suchen die ballnahen Spieler bei Ballbesitz des Außenverteidigers die Tiefe und besonders die Schnittstellen zwischen Innen- und Außenverteidiger. So ist man nicht immer auf die Flanke angewiesen und kommt näher an den Strafraum und zur Grundlinie. Von dort können anschließend gefährlichere Hereingaben geschlagen werden. 

Amine Harit ist Schalkes Schlüsselspieler

Die wirklich entscheidende und besondere Komponente im Ballbesitzspiel der Wagner-Elf ist aber kein taktischer Kniff, sondern ein einzelner Spieler: Amine Harit. Die Hauptaufgabe des Marokkaners ist es, den Schalkern auch das flache Spiel durchs Zentrum zu ermöglichen. Von der Zehnerposition oder dem linken Flügel lässt sich Harit gerne weit fallen und besetzt mit dem (halblinken) Achterraum genau den Platz, der sonst vernachlässigt wird. Von dort aus kann er aufdrehen, mit seinen kurzen, kleinen Bewegungen Gegner reihenweise aussteigen lassen. Auf diese Weise gibt er dem Spiel eine neue Komponente. Kurz gesagt: Harit kann Dinge, die kein anderer Schalker kann. 

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Im Spiel gegen Berlin hielt sich sein Einfluss noch in Grenzen. Doch in Paderborn war Harit der entscheidende Mann auf dem Platz. Durch die Rückkehr von Mark Uth verschob Wagner den marokkanischen Nationalspieler von der Zehnerposition nach linksaußen. Die Rolle von Harit blieb aber die gleiche wie zuvor: sich fallen lassen und mit Dribblings und Pässen den linken Halbraum aufwühlen. Die Qualitäten Harits kamen gegen Paderborn deshalb so viel besser zur Geltung, weil er Partner zum Kombinieren hatte. Mit Mark Uth stand ein weiterer Mann im Zentrum. Er spielte um Stürmer Burgstaller herum. Uth konnte die Räume besetzen, die sonst frei blieben, wenn Harit sich fallen ließ. Die Basis des Schalker Spiels war zwar immer noch der Aufbau aus der Dreierkette. Durch die kleine Personalrochade wurden jedoch gute Alternativen zum recht einfachen Flügelspiel geschaffen. Schalke konnte nun simpel über die Flügel kommen oder mehr durch die Mitte angreifen. So brachten die Knappen ansehnlichen Ballbesitzfußball auf den Platz.

Ist Schalke jetzt eine Ballbesitzmannschaft?

Dennoch: Das Schalker Ballbesitzspiel ist keineswegs revolutionär. Es sticht im Ligavergleich nicht besonders hervor, ist noch nicht auf nationalem Top-Level angelangt. Vielmehr ist es funktional und an die Qualitäten des Kaders angepasst.

Außerdem: Sowohl Paderborn als auch die Hertha setzten Schalke vor keine allzu schwierigen Aufgaben. Zu groß waren ihre defensiven Schwächen. Trotzdem hat Wagner sie mit seiner Mannschaft souverän gelöst. Das war die letzten Jahre auf Schalke nicht immer so. Zu einem echten Ballbesitzteam werden die Königsblauen vermutlich trotzdem nicht. Das müssen sie aber vielleicht auch gar nicht, solange sie Amine Harit im Kader haben. Oder?

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Tags: Bundesliga, Schalke 04, David Wagner, Amine Harit

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