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Liverpools Standardstärke – das Extra-Prozent

Im Spitzenfußball geht es oft um die letzten Prozente. Diese Floskel hört man von Experten und Kommentatoren immer wieder. Doch was genau ist damit gemeint? Manchmal geht es um die Fähigkeit, nicht den entscheidenden individuellen Fehler zu begehen. Um die individuelle Klasse eines Torwarts oder Offensivspielers. Oder um die Qualität ein enges Ergebnisse über die Zeit zu retten. All dies zeichnet Spitzenteams häufig aus. Spitzenteams wie Liverpool. Die Reds dienen hier vielleicht sogar als Blaupause. Denn sie können unter Jürgen Klopp sogar noch auf eine weitere, unterschätzte Stärke zurückgreifen: Standardsituationen. 

 Wer nicht den ganzen Text lesen will:

- Liverpool steigerte seine Torgefährlichkeit nach Standards vor der vergangenen Saison enorm

- Grund war der Wunsch von Klopp eine der wenigen Schwachstellen des Teams weiterzuentwickeln

- Dies gelang auch durch externe Hilfe 

- Tatsächlich sorgte die Standardstärke Liverpools in der vergangenen Saison für entscheidende Momente. Auch in dieser Saison ist Liverpool nach Standards sehr gut.

Erster Platz dank Standards

Sechs Spiele, sechs Siege. Ein beeindruckender Saisonstart für Liverpool. Mit den 18 erbeuteten Punkten liegt man schon fünf Punkte vor dem größten Meisterschaftskonkurrenten Manchester City. Dabei spielte man nicht einmal auf dem bestmöglichen Niveau. Das wurde bei der 2:0-Niederlage gegen Napoli am ersten Spieltag der Champions League offensichtlich. Traut man den Werten zu den erwartbaren Toren (gemessen an den Torchancen), zeichnet Liverpool bisher die Effektivität aus. Aus 11,77 erwartbaren Toren machte man 17 Treffer. Aus 6,59 erwartbaren Gegentreffern wurden letztlich nur fünf Gegentore. Gegen Southampton und Chelsea kam man auf weniger erwartbare Tore als der Gegner. Doch der Sieger hieß jeweils Liverpool. Vor allem das Top-Spiel gegen Chelsea setzte dem Saisonstart die Krone auf. Beide Tore erzielte Liverpool durch Standards. Dies waren bereits die Standardtore drei und vier der Saison. Nach sechs Spielen erzielt Liverpool somit in der Premier League die zweitmeisten Tore nach Standardsituationen. Die Standardstärke ist jedoch keine neue Entdeckung, sondern das Ergebnis einer längeren Entwicklung.

In der ersten Saison Jürgen Klopps (2015/16) erzielte Liverpool bereits eine hohe Anzahl an Toren durch Standards. 15 waren es am Ende der Saison. Allerdings standen dem auch ganze 15 Gegentore gegenüber. Einer der schlechtesten Werte der Liga. Im ersten vollen Jahr Klopps beim LFC verringerten sich beide Werte dann auf 13 Tore und 12 Gegentore. Im folgenden Jahr ging es immerhin defensiv bergauf. Mit nur acht Gegentreffern lag man in der Statistik im oberen Drittel. Erzielen konnte man allerdings erneut weniger Standardtore als in der Vorsaison - nämlich nur elf Treffer. Erst im letzten Jahr folgte schließlich die Explosion. Liverpool erzielte 20 Tore (bester Wert der Liga) und kassierte erneut nur acht (zweitbester Wert der Liga) nach ruhenden Bällen. Allein aus Standardsituationen kamen die Reds also schon auf eine Tordifferenz von +12. In der aktuellen Saison scheint man genau daran anzuknüpfen. Den vier Standardtoren steht kein einziger Gegentreffer gegenüber. Doch wie kam es dazu?

Das Extra-Prozent

Es begann mit der recht simplen Feststellung Klopps und seines Trainerstabs, dass Standards eine der größten Schwachstellen des Teams sind. Während die Mannschaft in den vorherigen Spielzeiten erst einmal die Spielidee verinnerlichen musste, setzte Klopp in der Vorbereitung für die letzte Saison einen Schwerpunkt auf Standardsituationen. Dafür holte man sich sogar externe Hilfe. Für internationale Schlagzeilen sorgte Liverpool, als sie den dänischen Einwurfspezialisten Thomas Gronnemark anheuerten. Unter diesem lernten die Spieler nicht nur die richtige Technik für den Einwurf, sondern auch gruppentaktische Verhaltensweisen, um den Ball nach dem Einwurf erfolgreich zu verarbeiten. Dieses Training zahlte sich aus. Liverpool verlor in der letzten Saison weniger Bälle nach Einwürfen als zuvor. Solche Kleinigkeiten können enge Spiele entscheiden.

Auch in anderen Situationen war das Standardtraining zu erkennen. So konnte man bei Liverpool besonders gegen den Ball einige interessante Varianten beobachten. Bei Freistößen aus dem Halbfeld stand die Verteidigungslinie sehr hoch. Mit Alisson verpflichtete man vor der letzten Saison den perfekten Torwart für diese Situationen. Der Brasilianer kann bei Standards einen großen Raum verteidigen. Zudem war zu sehen, dass nach einem geklärten Ball in Folge eines Freistoßes oder einer Ecke, kollektiv im hohem Tempo herausgeschoben wurde. Die Idee hinter beiden Varianten ist klar: den Gegner ins Abseits locken. Und selbst wenn der Ball zum Gegner kommt, muss er noch ein gutes Stück bis zum gegnerischen Tor zurücklegen. Per Kopf aus der Distanz genug Druck auf den Ball zu bekommen, ist alles andere als leicht. 

Ein weiterer Bereich, in dem Liverpool viel richtig macht, ist die Daten- und Gegneranalyse. Liverpool verfügt über eines der größten Departments, was Daten- und Gegneranalyse angeht. Viele Angestellte versuchen den kleinen, spielentscheidenden Vorteil Liverpools zu finden. Große Berühmtheit erlangte man für das 4:0 bei der Aufholjagd im Halbfinale der Champions League gegen Barcelona. Eine schnell ausgeführte Ecke von Trent Alexander-Arnold auf Divock Origi brachte Liverpool ins Finale. Diesem Treffer ging eine Entdeckung bei der Gegneranalyse voraus. Bei dieser fiel auf, dass Barcelonas Spieler lange brauchen, um in Position für den anstehenden Standard zu kommen und dabei zumeist nicht auf den Ball schauen. Genau diesen Moment nutzte Alexander-Arnold aus, um die Flanke ins Zentrum zu bringen.

Das Mittel der Kleinen?

Standards gelten oft als das Mittel der Kleinen. Der Erfolg von Überraschungsmannschaften beruht nicht selten auf eben jenen Standards. Individuell unterlegene Mannschaften versuchen sich so einen Vorteil zu erarbeiten. Das damals von Tony Pulis Stoke City erlangte durch seine Standardstärke fast schon Legendenstatus. Stoke hatte eines der kleinsten Felder der Premier League, um Kombinationsspiel des Gegners zu verhindern. Der Rasen war nur selten in bester Qualität und man legte seinen Fokus bei Transfers vor allem auf große, kopfballstarke Spieler. Lange konnte man so trotz individueller Unterlegenheit mithalten. 

Ein Top-Team wie Liverpool verbindet man nicht mit einer Standardstärke. Oft geht man davon aus, dass die Spitzenteams ohne „Außenseiter-Mittel“ triumphieren können. Tatsächlich sind es aber gerade die Spitzenteams, die sich aufgrund der größeren Anzahl an Ressourcen entscheidende Vorteile erarbeiten können. Der Fall von Liverpool zeigt eine der wichtigsten Qualitäten eines modernen Trainers. Er muss sich stets weiterentwickeln. Genau das haben Liverpool und Klopp in der Vorbereitung zur Saison 2018/19 getan. Ohne diese Weiterentwicklung wären die Erfolge der Vorsaison und die Erfolge dieser Saison nicht möglich. Liverpool ist ein Paradebeispiel dafür, dass die entscheidenden letzten Prozente mehr als nur Floskeln sind. Und wer weiß: Vielleicht werden es in dieser Spielzeit die Standards, die am Ende den Unterschied im Titelkampf ausmachen...

Tags: Premier League, FC Liverpool, Jürgen Klopp

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