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Taktik oder Mentalität: Was macht dem BVB wirklich zu schaffen?

Eigentlich sollte man meinen, die Anspannung könnte kaum größer sein als vor einem Spiel gegen den FC Barcelona. Doch abfallen sollte sie beim BVB auch nach dem 0:0 gegen den katalanischen Riesen nicht. Wie schon gegen Leverkusen hatte die Mannschaft von Lucien Favre deutlich gemacht: Gegen den Ball gehört sie zu den Besten Europas. Aber nun wollte Fußball-Deutschland wissen: Wie würde Dortmund seine erste Ballbesitzaufgabe nach dem Debakel bei Union Berlin meistern? So viel vorweg: Der BVB konnte in Frankfurt nicht widerlegen, dass die Pleite beim Aufsteiger nur ein Ausrutscher war. Die Symptome blieben. Doch die Ursache ist weiter ungeklärt.

Dortmund verteidigt (nicht immer) weltklasse

Unter der Woche lieferte Dortmund eine Blaupause für kompaktes Verteidigen und schnelles Umschaltspiel. Wir haben es schon einmal erwähnt: Kaum ein Team kann seine Gegner so gut in unwichtige Räume abdrängen wie der BVB. Am Ende eines Angriffs landet der Gegner oft dort, wo er gar nicht hinwollte: nämlich in einer Sackgasse.

Die vielleicht wichtigsten Favre-Formeln sind bei Dortmund mittlerweile in Fleisch und Blut übergangen. Erstens: Das Zentrum ist für den Gegner eine rote Zone. Zweitens: Der Ball soll ohne Zweikampf erobert werden. Dortmund will Herr über den Raum sein und selbst entscheiden, wo der Gegner hinspielt. Und wohin eben nicht. Den Ball aus einer auswegslosen Situation wieder ins gefährliche Zentrum zu spielen, scheint gegen Dortmund fast unmöglich. Zumindest in Tornähe. Wurde der Gegner erstmal in die Enge getrieben, schnappt der BVB zu. Ohne allzu große Anstrengung. Das bekam Leverkusen zu spüren. Und Barcelona.

Auch in der neu aufgelegten Mix-Taktik dreht es sich immer um dasselbe Prinzip. Egal, ob Dortmund das tiefe, kompakte 4-4-2 auffährt oder hoch presst. Köpfchen geht vor Intensität. Heißt: Anders als klassische Pressingteams läuft der BVB selten mit Vollgas als ganze Mannschaft an. Vielmehr geht es Favre darum, den Gegner geschickt in Fallen zu locken. 

Trotzdem hat auch das Borussen-System wunde Punkte. Die Konteranfälligkeit wurde spätestens durch Delaney und Hummels eingestampft. Was aber bleibt sind Schwächen bei Standards - und eine verwundbare Strafraumverteidigung. Über die 3+1-Taktik haben wir schon berichtet. Favre will es auch in der Box mit Köpfchen statt Körperlichkeit lösen. Während viele andere Trainer vor dem eigenen Tor auf knallharte Manndeckung schwören, schwimmt Favre gegen den Strom: Er möchte, dass im Strafraum Positionen besetzt werden. Der Gedanke: Der Gegner soll keine unbedrängten Flanken schlagen können. Und wenn doch mal eine Hereingabe in den Strafraum segelt, dann stehen die Dortmunder an den richtigen Stellen, um sie zu verteidigen.

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Doch die Borussia liefert in dieser Saison genug Beispiele, in denen sich Theorie und Praxis unterscheiden. Schon gegen Augsburg schlich Niederlechner den BVB-Verteidigern zwischen den Positionen davon. Und auch in Frankfurt fielen beide Dortmunder Gegentreffer nach Hereingaben. Die BVB-Defensive hatte seine Gegner jeweils aus den Augen verloren. Beim ersten Gegentor schien besonders Delaney nicht bei der Sache gewesen zu sein. Der Man-of-the-Match der Vorwoche war nach Außen gelaufen, obwohl er gemäß Favres 3+1-Taktik den Rückraum hätte verteidigen müssen. Ein Beleg dafür: Das Favre-System ist sehr fordernd. Überfordernd? Die Spieler müssen viel Kopfarbeit leisten. Kleine Aussetzer werden bestraft. Und das gilt nicht nur für das Spiel gegen den Ball.

Favre und die Details: 4-4-2 ist nicht immer 4-4-2

Es hat sich die These verfestigt, dass Formationen im Fußball viel über die Taktik aussagen. Favre verweist sie Woche für Woche ins Reich der Fabeln. Sein 4-4-2 ist offensiv nicht viel mehr als eine Zahl. Klar: Die grobe Anordnung ist zu erkennen. Aber im Detail stülpt er seinem Team eine Taktik über, die an den Gegner angepasst ist. Gegen Frankfurt hatte er es auf die Flügelräume abgesehen. Dortmund wollte die Eintracht-Wingbacks Kostic und Durm nach vorn locken, um dann überfallartige Angriffe in die Räume hinter Hinteregger und Toure zu starten. Beide BVB-Treffer wurden nach dem Muster eingeleitet. Dortmund stieß in die gewünschten Räume am Flügel und erwischte Frankfurts Dreierkette auf dem falschen Fuß. Das 4-4-2 abgestimmt auf die Achillesferse des Gegners.

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Interessant außerdem: Dortmund kriegt immer mehr Spaß an der Dreierkette. Gegen Teams mit Doppelspitze hat Favre gerne drei Mann hinten. Das schafft nämlich Überzahl. Witsel fällt seit dem Spiel in Köln häufig in die Abwehr. In Frankfurt hatte Favre seiner Mannschaft aber noch einen Kniff an die Hand gegeben, den man bis dato vor allem aus München kannte. Einer der beiden Außenverteidiger bleibt auf Höhe der Innenverteidiger, sodass dadurch eine (verzerrte) Dreierkette entsteht. Was beim FC Bayern der Job von Benjamin Pavard ist, war auf schwarzgelber Seite Raphael Guerreiros Part. Der spielstarke Portugiese wollte Durm mit seiner tiefen Positionierung gezielt zum Pressing einladen. Gleichzeitig sollte trotzdem genug Zeit bleiben, um den Ball weiterzuspielen. Am besten in den Rücken von Durm. Wie es Favres Matchplan vorgesehen hatte.

Dortmunder Kontrollverlust

Dortmund spielt gegen Pressingmaschinen neuerdings auf den langen Ball. Gegen Leverkusen schlug der BVB 58 lange Bälle. In Frankfurt waren es sogar 62. Zum Vergleich: Am 2. Spieltag bei den Kölnern hatte Dortmund den Ball "nur" 38-mal nach vorn geschlagen.

Favre will damit Gefahren reduzieren. Seine Mannschaft soll nicht in den Pressingstrudel des Gegners geraten. Trotzdem hat die Strategie ein entscheidenes Handicap. Dem BVB fehlen Zielspieler, die die langen Bälle behaupten können. Deshalb muss es auch hier mit Köpfchen und Kontrolle über den Raum gehen. Heißt: Die Dortmunder Spieler haben sich klug um den Ball herum zu positionieren, damit ihnen die zweiten Bälle auf den Fuß fallen. Gegen Leverkusen war das sogar Ausgangspunkt eines Tores. Doch bei der Eintracht ergab sich ein Wild-West-Spiel, in dem Dortmund die Kontrolle verlor.

Die langen Bälle allein waren natürlich nicht der Grund. Es zeigte sich ebenso: Will man das Favre-System lahm legen, muss man den BVB-Sechsern Knüppel zwischen die Beine schmeißen. Sie tragen das schwarzgelbe Positionsspiel. Dortmund ist eine Anlock-Mannschaft. Das bedeutet: Sie bereitet ihre Angriffe, abgesehen von den langen Bällen, gezielt vor, ehe sie ins Tempo geht. Der Gegner wird über das Passspiel in Räume gezogen, damit er andernorts Räume preisgibt. Doch: Wenn die Sechser aus dem Spiel sind und man dadurch die Anlock-Taktik zerstört, ist Schicht im Schacht. Frankfurt gelang das im Laufe des Spiels immer besser.

Der BVB schlägt lange Bälle

Das war allerdings noch nicht alles. Hinzu kam nämlich, dass auch Frankfurt Freude am langen Ball bekam. Dortmund hat unter Favre immer mal mit dem Dornröschen-Problem zu kämpfen. Die Mannschaft wird zu passiv und schläft ein. Die Mix-Taktik im Pressing war eine gute Idee, um das zu verhindern. Doch nach langen Bällen rückte der BVB am Sonntag nicht immer heraus, sondern verteidigte anschließend tief. Frankfurt kam dadurch in Tornähe.

Strategie-Probleme dieser Art kann Favre während des Spiels selten korrigieren. Er ist aber im Regelfall ein Meister der Personalwechsel. Die Einwechslungen von Brandt und Götze sollten gegen Frankfurt Ballsicherheit und Kontrolle zurück ins Spiel bringen. Mit ihnen zeichneten sich nach vorn einige 4-3-3-Momente ab. Aber für den entscheidenden Offensivpunch konnten auch die beiden nicht mehr sorgen. 

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Hat der BVB ein Mentalitäts- oder Taktik-Problem?

Reus wehrte sich nach dem Spiel gegen kritische Nachfragen zur BVB-Mentalität. Doch was auch immer an dem Thema dran sein mag: Wenn, dann geht es Hand in Hand mit taktischen Problemen. Favre-Fußball wird extrem mit dem Köpfchen gespielt. Die Beine setzen den Plan nur um. Doch ist genau das vielleicht die Antwort auf all die Fragen? Macht die Spieler die schwierige Strafraumverteidigung verrückt? Das ständige 'mit dem Gegner und Raum spielen'? Ob offensiv oder defensiv? Das ist wie so viele andere Thesen nur Spekulation. Favre selbst hält ohnehin eher an der Gegenthese fest: Seine Mannschaft würde sich das Leben schwer machen, wenn sie den Kopf verliert und ungeduldig wird. Auch das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen.

Ihr merkt es schon: Besonders viel Licht ins Dunkel können auch wir nicht bringen. Der BVB ist krank. Vielleicht hat er nur einen Schnupfen, der von allein weggeht. Vielleicht aber hat er auch ein größeres Problem, von dem er selbst noch nichts weiß. So viel ist klar: Eine eindeutige Diagnose steht noch aus. Sie könnte in den nächsten Wochen folgen...

Tags: Bundesliga, Borussia Dortmund, Lucien Favre

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Tornados Avatar
Tornado antwortete auf das Thema: #2 26 Sep 2019 15:50
Auch in der Defensive darf man nichts außer Acht lassen. Es ist wichtig, sich am Ball zu orientieren, aber auch den Fokus auf die Räume und die Gegenspieler zu haben. Lässt man etwas davon weg, ist es aus taktischer Sicht zu kurz gegriffen. Man sieht teilweise unglaubliche Fehler in der Bundesliga. Sehr oft kommt es vor, dass sich die Defensivspieler bei Flügelangriffen nur noch auf den Ball konzentrieren und keinen Blick mehr darauf haben, was hinter ihrem Rücken passiert. Genauso verhält es sich teilweise bei freien Angriffen auf die Kette, wenn kein eigener 6er mehr dabei ist. Da rückt schon mal der ein oder andere offensiv raus, bekommt den Ball nicht und öffnet hinter sich einen riesen Raum.