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Ten Hag mischt Erfolgs-Taktik mit einer Portion Vertikalität

Ajax Amsterdam war die Überraschung der vergangenen Saison. Mit einer jungen Mannschaft und Trainer Erik ten Hag stürmte man bis ins Halbfinale der Champions League, wo man erst in der Nachspielzeit an den Tottenham Hotspur scheiterte. Im Sommer verlor man mit Mathijs de Ligt und Frenkie de Jong die beiden vielversprechendsten Spieler. Nach diesen Abgängen steht Ajax vor der schweren Aufgabe, sie zu ersetzen. Und dabei muss man sich vielleicht auch spielerisch neu erfinden.

Alles beim Alten?

Die grundlegende Philosophie von Ajax bleibt dieselbe. Das Team ten Hags möchte seine Gegner über Ballbesitz dominieren. Ajax spielt in einem 4-2-3-1. Der Stürmer in diesem System ist Dusan Tadic. Der gelernte Flügelspieler kam in der vergangenen Saison auf 62 Torbeteiligungen in 56 Spielen. In dieser Saison steht er schon wieder bei 14 Torbeteiligungen in zwölf Spielen. Tadic agiert wie auch der nominelle Rechtsaußen Hakim Ziyech sehr frei. Die beiden wechseln häufig die Positionen. Zusammen mit Zehner Donny van de Beek besetzen die Offensivspieler die Halbräume und machen sich zwischen gegnerischer Mittelfeld- und Abwehrreihe anspielbar.

Die Außenverteidiger von Ajax schieben hoch an und sollen die Flügelspieler hinterlaufen, um Bälle hinter der Abwehr bekommen zu können. Anschließend sollen sie das Leder bestenfalls wieder ins Zentrum auf einen der vielen Zentrumsspieler legen. Aber auch direkt durchs Zentrum spielt sich Ajax gerne. Ziyech & Co. werden zwischen den Linien angespielt, lassen den Ball klatschen und werden dann in die Tiefe geschickt.

All diese Muster sind nichts Neues. Auch gegen den Ball erinnert das ten-Hag-System größtenteils noch an die letzte Saison. Ajax steht hoch, möchte aggressiv pressen. Typisch niederländisch agiert man dabei sehr mannorientiert. Nach Ballverlusten geht Ajax sofort ins Gegenpressing. Dieses ist noch nicht ganz so gut eingespielt wie in der vergangenen Spielzeit und besonders in den ersten Saisonspielen war man zu löchrig. Mittlerweile funktioniert das Gegenpressing aber wieder besser.

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Neue Spieler, neue Probleme

Was also ist neu? Die entscheidenden Änderungen gab es im Mittelfeldzentrum und in der Defensive. Mathijs de Ligt wurde gleich vierfach ersetzt. Peer Schuurs, der vor der letzten Saison von Fortuna Sittard kam, wurde aus der zweiten Mannschaft in die erste hochgezogen. Mit Kik Pierie kam eines der spannendsten Eredivisie-Talente von Heerenveen. Der Youngster spielte aber bisher nur im B-Team. Von Defensa y Justicia wurde der 21-jährige argentinische Nationalspieler Lisandro Martinez verpflichtet. Aus Mexiko kam derweil Edson Alvarez. Der Nationalspieler hat auch Erfahrung auf der Sechs.

Im defensiven Mittelfeld ging nicht nur Frenkie de Jong, sondern auch Lasse Schöne. Schöne war über Jahre ein wichtiger Stabilisator im Zentrum von Ajax. Sein Abgang zu Genoa wird teils unterschätzt. Neu kam für diese Position dennoch nur der Rumäne Razvan Marin von Standard Lüttich,. Der aber ist eher ein Box-to-Box-Spieler als ein Spielgestalter oder Zerstörer. In der Vorbereitung war Eigengewächs Carel Eiting ein gefühlter Neuzugang, nachdem er die vergangene Saison komplett mit Knieproblemen ausgefallen war. Nach starken Leistungen in der Testphase musste er aber erneut verletztungsbedingt aussetzen.

Wie plant ten Hag also im Abwehr- und Mittelfeldzentrum? Zunächst verschob er den letztjährigen Innenverteidiger-Partner de Ligts, Danny Blind, ins defensive Mittelfeld neben Marin. Schuurs und Lisandro Martinez bildeten das Innenverteidiger-Duo. In den vergangenen Spielen entschied sich ten Hag aber um. Blind wurde zurück in die Innenverteidigung gesetzt. Neben ihm spielte der routiniertere Joel Veltman. Die Doppelsechs wurde indes von den beiden gelernten Innenverteidigern Edson Alvarez und Lisandro Martinez gebildet.

Die Konsequenz? Im letzten Jahr waren die Abläufe im Zentrum perfekt abgestimmt. Frenkie de Jong ließ sich viel auf die Linksverteidiger-Position fallen, um von dort mit Dribblings zu helfen. Im Laufe der Angriffe war De Jong fast überall auf dem Feld zu finden. Dieser Spielertyp ist so einzigartig, dass er nicht eins zu eins zu ersetzen ist. Genau das ist auch das Problem von Ajax.

Martinez und Alvarez sind weitaus defensivere Spieler, rücken im Ballbesitz nicht so intelligent auf wie de Jong. Das sorgt für eine höhere Konteranfälligkeit. Das größere Problem ist aber das Verhalten der beiden, wenn sie sich direkt am Ballbesitzspiel beteiligen müssen. Beide lassen sich von der Sechserposition in die letzte Reihe fallen, um eine Dreierkette im Aufbau zu bilden. Nachdem sich einer der beiden, zumeist Alvarez, fallen gelassen hat, besetzt nur noch ein Spieler das Mittelfeldzentrum. Teils experimentierte Ajax auch mit einrückenden Außenverteidigern, die dann eine weitere Anspielstation im Zentrum boten. Wenn dies aber nicht der Fall war, bekam Ajax immer wieder Schwierigkeiten, das Spiel über die Mitte aufzubauen. Oft probierte man deshalb, das Mittelfeld direkt zu überspielen. Vor allem Daley Blind spielte flache Vertikalpässe über den Sechserraum hinweg ins offensive Mittelfeld. So wurde das Ajax-Spiel deutlich vertikaler und man spielte sich seine Chancen schneller heraus. Das neue Motto: weniger Angriffsvorbereitung, mehr Aggressivität im Ballbesitzspiel.

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Kann Ajax erneut überraschen?

Ajax steht mit 14 Punkten auf dem ersten Platz der Eredivise und gewann auch das erste Spiel in der Champions League mit 3:0 gegen Lille. Die Leistungen sind aber noch nicht komplett überzeugend.

Allerdings: Im letzten Jahr sahen die Ergebnisse und Leistungen zum ähnlichen Zeitpunkt noch schwächer aus. Während man am vergangenen Sonntag ein 1:1 gegen die PSV Eindhoven holte und dabei die überlegene Mannschaft war, hatte man letzte Saison am selben Spieltag noch 3:0 gegen die PSV verloren. Im abgelaufenen Jahr steigerte sich Ajax von Spiel zu Spiel. Wenn das auch diese Saison gelingt, ist eine erneute Überraschung möglich. Vielleicht auch international. Dafür muss ten Hag 'nur' das Positionsspiel im Mittelfeldzentrum verbessern. Vorne hat sich ja glücklicherweise ohnehin nicht allzu viel verändert...

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Tags: Erik ten Hag, Ajax Amsterdam, Taktik international

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