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Covic rudert zurück: vom Ballbesitz-Luftschloss zum Defensivfußball?

Vor der Saison läutete Hertha BSC durch den Trainerwechsel hin zu Ante Covic eine neue Zeitrechnung in der Hauptstadt ein. Erfolgreicherer Fußball sollte es doch bitteschön werden, am besten auch noch gut anzusehen. Diesen Anspruch verkörperten die Berliner in den ersten Wochen der neuen Saison. Nach fünf Spieltagen lässt sich aber festhalten, dass das neue Selbstbewusstsein nur von kurzer Dauer war.

Wer nicht den ganzen Artikel lesen will

- Hertha stellt auf ein abwartenderes Pressing um und konzentriert sich mehr auf Konter

- Die Personalwahl von Covic unterstützt diesen Trend und behindert ein wenig das Spielerische

- Trotz der defensiveren Ausrichtung ist der Hauptstadtklub nicht wirklich stabil

Covic: vom Ballbesitz- zum Defensivfußball

In der Saisonvorbereitung wurde der Fokus noch merklich auf das Ballbesitzspiel gesetzt. Gewissermaßen sogar auf Kosten der defensiven Stabilität. Nachdem man damit gegen Wolfsburg und Schalke aber zwei 3:0-Niederlagen geerntet hatte, legte Covic den Schalter wieder um. Er verodnete seiner Mannschaft ein abwartendes Pressing. Dadurch überließ man sogar einem Aufsteiger den Großteil des Ballbesitzes.

Die Mainzer hatten zunächst keine Probleme damit und kamen der Hertha entgegen. Sie nahmen den Ballbesitz wohlwollend an. Gegen die 05er brachte Covic außerdem schon das erste Mal drei echte Innenverteidiger. Ein weiterer Hinweis auf eine defensivere Ausrichtung. Zum Vergleich: Im Auftaktspiel gegen Bayern setzte Hertha in der Anfangsphase auch auf eine Fünferkette. Diese wurde aber mit Klünter als rechtem Halbverteidiger und Leckie als Wingback eher offensiv besetzt.

 

Hertha: passiv gegen Paderborn (trotzdem nicht stabil)

Am Wochenende bescherte die passivere Ausrichtung dann sogar dem Aufsteiger aus Paderborn ein gutes Stück Spielkontrolle. Hertha stellte sich nicht einfach hinten rein und verbarrikadierte das eigene Tor. Das Team von Ante Covic war aber im Pressing wenig aktiv und störte Paderborn erst nach einem Pass aus der Innenverteidigung nach außen oder ins Mittelfeld. Allein das ist ein Unterschied zu den ersten Partien. Da nämlich spielte die Hertha gerne mal Mann gegen Mann über den ganzen Platz. Ihr erinnert euch: Die elf Berliner kochten (fast alle) ihr eigenes Süppchen.

Das abwartende Berliner Pressing verschaffte den Paderborner Innenverteidigern Zeit. Die nutzten Hünemeier und Strohdiek immer wieder für Vorstöße in den Raum um Selke, der vom Mittelfeld wenig gedeckt wurde. Durch reichlich Bewegung in der Paderborner Offensivreihe gelang es dem Aufsteiger, in die Räume hinter das Herthaner Mittelfeld zu kommen. Letztlich lag es an der Berliner Endverteidigung und der fehlenden individuellen Klasse, dass der Aufsteiger nicht für mehr Furore sorgen konnte. Darf es der Anspruch der Hertha sein, dass es gegen den Underdog der Liga die Abwehr und Fortuna richten müssen? Was vielleicht schon durchsickert: Wirklich stabil war die Hertha auch als vermeintliche Defensivmannschaft nicht. Laut der Statistik-Seite understat.com ließ man selbst gegen Paderborn Chancen für zwei Gegentore zu.

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Covic-Lösung: Pressing- statt Ballbesitzspieler

Außerdem hatte die alte Dame auch Probleme im Spielaufbau. Das Paderborner Pressing erstickte die meisten Aufbauversuche im Keim. Die Hertha kam fast nur über die Flügel nach vorne.

Einen Trend gibt es auch in der Personalwahl der Hertha: Covic setzte sowohl gegen Mainz als auch gegen Paderborn auf Selke im Sturm. Gleichzeitig verzichtete er auf Kalou und Ibisevic, die durch ihre spielerische Qualität im Ballbesitzspiel wertvoll sein können. Der Hintergrund: Beide haben aufgrund ihres Alters Schwächen in der Defensive. Insofern ist auch die Entscheidung gegen die Haudegen ein Hinweis darauf: Covic mag es (neuerdings) defensiv. 

Selke im Sturm sorgt für ein stärkeres Anlaufen, wenn es mal aktiver werden soll. Der ehemalige U21-Nationalspieler beschneidet aber das Spiel mit den Ball. Seine Bewegungen beschränken sich weitestgehend auf Läufe hinter die gegnerische Abwehr. Diese macht er aber vor allem vom Flügel aus. Deshalb muss er sich, wenn er den Ball bekommt und ihn behaupten kann, aus unangenehmen Situationen an der Eckfahne befreien. Von dort ist der Weg zum Tor schwierig. Am geordneten Ballbesitzspiel beteiligt sich Selke ohnehin kaum. Ibisevic hingegen mag es, zurückzufallen und das Spiel durch Verlagerungen mitzugestalten.

Ein Lichtblick war dagegen der Auftritt von Dedryck Boyata, der durch weites Herausrücken aus der Fünferkette für ein paar Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte sorgen konnte. Dabei stellte er auch ein paar Mal Gegenspieler, für die eigentlich das Mittelfeld zuständig gewesen wäre. Auch Skjelbred passt mit seiner aufopferungsvollen Spielweise gut zur neuen Ausrichtung. Immerhin: Der Norweger hat auch im Ballbesitz einen Mehrwert. Er kann eine Art Ankersechser geben, der für mehr Struktur im sonst wilden Berliner Aufbauspiel sorgt. Er besetzt den Raum vor der Abwehr. Dadurch können die Achter weiter vorn bleiben. Mit einem Pass aus dem Sechserraum hinter das Paderborner Mittelfeld leitete Skjelbred das 1:0 ein.

Außerdem profitiert natürlich das gesamte Berliner Spiel von der Rückkehr Dilrosuns. Der Niederländer sammelte gegen Mainz und Paderborn schon drei Scorerpunkte. Dadurch konnten einige Probleme übertüncht werden.

Und jetzt, Herr Covic?

Auch die neue Covic-Idee scheint noch nicht stimmig. Angesichts der plötzlichen und ziemlich großen Umstellung ist das wenig verwunderlich. Nach den forschen Aussagen der Hertha vor der Saison wirkt sie wie ein Zurückrudern von Covic, weil Plan A nicht fruchtete. Trotzdem gibt es weiter Hoffnungsschimmer, dass irgendwann doch mal schöner Hertha-Fußball bestaunt werden. Doch erstmal wird Covic bei der angespannten Tabellensituation eine Portion Stabilität ins Spiel bringen wollen. Die übrigens hatte man unter Vorgänger Pal Dardai. Ausgezahlt hat sich der Trainerwechsel in der Hauptstadt noch nicht. So toll die Covic-Verkündung vom Ballbesitzfußball auch klang. Er muss aufpassen, dass er nicht nur ein Luftschloss gebaut hat. Und am Ende gar nichts mehr passt.

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{tip--Steindy (talk) 15:28, 29 August 2019 (UTC) [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]}Bildquelle{/tip}

Tags: Bundesliga, Hertha BSC, Ante Covic

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