f logo RGB Blue 58 Twitter Social Icon Circle Color

Die Anti-Bayern-Taktik & Kovacs In-Game-Fail

Seit dem Wochenende grüßen die Bayern wieder von der Tabellenspitze. Luftsprünge wurden in München aber nicht gemacht. Der Zittersieg gegen Paderborn wirbelte viel Staub der letzten Wochen auf. Niko Kovac geht mit seinen Matchplänen Schritte in die richtige Richtung. Während eines Spiels jedoch trifft der Meistertrainer zu häufig die falsche Entscheidung. Dieses Mal coachte Kovac seine Mannschaft sogar ohne Not fast ins Aus. Wir werfen einen Blick auf die Paderborn-Taktik gegen Bayerns Ballbesitzspiel und Kovacs fragwürdige Systemumstellung.

Wer nicht den ganzen Text lesen möchte:

- Leipzig, Köln und Paderborn probierten es mit einer Anti-Bayern-Taktik, die der Doppelsechs den Spaß nehmen soll

- Bayern zog Paderborn aber gezielt aus den Räumen und bespielte sie bei allen drei Treffern

- allgemein hat Bayern wieder einen guten Spielaufbau, Gnabry und vor allem Coutinho bauten eine Brücke ins Mittelfeld

- Kovacs fragwürdige Umstellungen zur Halbzeit machten das gute Bayern-Spiel kaputt

 

Stop, Halt, Straßenschild, Sicherheit, Anhalten

Wie der Rekordmeister die Anti-Bayern-Taktik stoppte

Es gibt so etwas wie die Anti-Bayern-Taktik. Nach Leipzig und Köln probierte es auch Paderborn mit einer Art 4-2-3-1 gegen die Münchener. Damit sollen vor allem die so wichtigen Sechser kaltgestellt werden. Namentlich Thiago und Joshua Kimmich.

Doch die Bayern ließen das nicht mit sich machen. Schon seit längerem geht es beim Rekordmeister spielerisch bergauf. Und das ist kein Zufall: Zum einen schaltet sich Manuer Neuer mit Coolness alter Tage in den Spielaufbau ein. Das scheint besonders wichtig, wenn der Gegner hoch presst und die Feldspieler zustellt. Dann nämlich kann das Spiel über Neuer auf die andere Seite verlagert werden. Er ist der Überzahlspieler im eigenen Drittel.

Zum anderen hatte die Doppelsechs auch gegen Paderborn wieder mal eine Schlüsselfunktion. Obwohl sich Thiago den einen oder anderen Flüchtigkeitsfehler erlaubte: Er und Kimmich gaben dem Bayern-Ballbesitz Sicherheit und Unterstützung im richtigen Moment. Gerade vom Flügel aus haben die Bayern durch sie genug Fluchtwege, um aus engen Räumen wegzuspielen. Das hebt den Spielaufbau auf ein neues Level. 

Anzeige

Das i-Tüpfelchen war dann abermals Kovacs Dreierketten-Kniff mit dem tiefen Außenverteidiger. Gegen Paderborn drehte der Kroate den Spieß um. Pavard rückte auf und Hernandez blieb links auf Höhe der Innenverteidiger. Ein wichtiger Baustein des Ballbesitzspiels. Vor dem 1:0 zog Hernandez Cauly heraus - ohne, dass der Brasilianer Druck auf den Bayern-Verteidiger ausüben konnte. Schon gab es eine Kettenreaktion beim Aufsteiger, die ins Leere lief. Coman bot sich für den Pass an, Dräger ging mit. Coman ließ auf Kimmich klatschen und Coutinho schlich sich in Drägers Rücken davon. Die Bayern kamen ins Tempo.

Das 1:0 war damit gewissermaßen ein Paradebeispiel für die neuen Qualitäten des Titelverteidigers. Der Spielaufbau wirkt geduldig und überlegt. Alle drei Tore fielen aus klaren Ballbesitzszenen heraus. Und: Der Übergang ins Mittelfeld wird immer fließender. Coutinhos Gefühl für Räume ist dabei Gold Wert. Die Leihgabe war so etwas wie der Brückenspieler auf dem Weg nach vorn. Coutinho beackerte die linke Halbspur und stieß von dort in umliegende Freiräume. Gnabry kümmerte sich indes um die rechte Halbzone. Ja: Die Bayern haben wieder eine durchgeplante Raumaufteilung.

Wer es romantisch mag: Der Fußball in der ersten Halbzeit war eine gelungene Mischung aus ausgefeiltem Positionsspiel und der großen Kovac-Liebe: Vertikalität. Erst wurde mit Paderborn gespielt. Und dann ging die Post ab. 

Der FC Bayern tanzt nur eine Halbzeit lang 

Das neue Ballbesitzflair und das Pressing der Bayern hielt den forschen Aufsteiger im Zaum. Allgemein ist das Angriffspressing eine große Stärke der Bayern unter Kovac. Sein Team geht viel Risiko, schiebt teils sogar einen der Sechser ins gegnerische Drittel. Das zahlt sich aber häufig aus. Die Bayern tackern ihre Gegner in dessen Hälfte fest. Im besten Fall wird dadurch sogar eine weitere Waffe geladen. Stichwort: Balleroberung und Konter.

Wie konnte die Partie am Ende doch auf Messers Schneide stehen? Es ist eines der Symtpome der letzten Wochen: Die Bayern fangen gut an, aber lassen stark nach. Über einen Kamm scheren darf man die Partien gegen Leipzig, Köln und Paderborn trotzdem nicht. In Leipzig war es Nagelsmanns Umstellung auf das Anti-Bayern-4-2-3-1, die Kovac Schweißperlen auf die Stirn trieb. Nun, beim SC Paderborn, griff der Bayern-Trainer schlichtweg mit seinen In-Game-Entscheidungen daneben.

Anzeige

Kovac vercoacht sich

Coaching, Geschäft, Erfolg, Coaching Im BusinessZur Pause mussten Thiago und Hernandez das Feld räumen. Letzterer aus Verletzungsgründen. Kovac stellte Martinez auf die Sechs und den jungen Davies auf die linke Abwehrseite. Damit kamen zwei völlig andere Spielertypen in die Partie. Martinez unterstützte die Flügel im Spielaufbau längst nicht so gut wie Thiago. So beraubten sich die Bayern selbst ihrer großen Stärke. Die gute Vorbereitung ihrer Überfall-Angriffe war dahin. Außerdem wurde mehr über eine Viererkette aufgebaut. Kovac strich einen seiner besten Taktik-Moves seiner Amtszeit freiwillig aus dem Programm. Zumindest in der beständigen Umsetzung der ersten Halbzeit.

Das wiederum hatte zur Folge: Gnabry zog häufiger nach Außen statt wie im ersten Durchgang den Halbraum durcheinander zu wirbeln. In einigen Szenen tummelten sich nur noch Coutinho und Lewandowski im Offensiv-Zentrum der Bayern. Also ein Spieler weniger als in Halbzeit eins mit Coutinho, Gnabry und dem Polen. Der forderte zwischenzeitlich mehr den Ball. Dennoch war der gewiefte Spielaufbau inklusive der schönen Brücke ins Mittelfeld vergangen.

Die Bayern spielten einfacher, weniger durchgetaktet nach vorne. Wie zu alten Kovac-Zeiten. Außerdem wurde der Fuß auch gegen den Ball vom Gas genommen. Vielleicht im Hinblick auf die anstrengenden englischen Wochen. Doch auch damit kam Bayern den Paderbornern entgegen. Die nämlich haben es lieber, wenn sie nicht mit Angriffspressing gestresst werden. Durch die zurückhaltende Bayern-Strategie konnte die Baumgart-Elf ihr Tempo besser ausspielen. Immer wieder suchte sie Verlagerungen auf die rechte Seite. Das Ziel: den eingewechselten Davies auf Trab halten. Der Kanadier ist defensiv schließlich noch etwas grün hinter den Ohren.

Kovac hatte keine Antwort parat, um das Spiel wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Auch wenn die Gründe für die Schwankungen der letzten Woche unterschiedliche waren - eines lässt sich festhalten: In-Game muss Kovac schleunigst zulegen. Wenn man nach der Bundesliga-Spitze auch europäisch nachziehen will, dann wird eine gut geölte Ballbesitz-Maschine allein nicht reichen. Denn Topspiele werden häufig (auch) durch die ganz großen In-Game-Streiche entschieden. Der fehlte gegen Paderborn nicht nur. Schlimmer noch: Kovac hat seiner Mannschaft selbst ein Ei ins Nest gelegt. Das darf ihm nicht noch einmal passieren.

Anzeige

Tags: FC Bayern, Niko Kovac, Bundesliga

Anmelden