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Paradiesvogel Paderborn: der verrückteste Verkaufsschlager der Bundesliga?

Böse Zungen behaupten: Paderborn hält, was es vor der Saison versprochen hat. Erfrischenden Fußball und ein leeres Punktekonto. Immerhin einen Titel werden die Ostwestfalen dieses Jahr ohne Mühe gewinnen. Den des verrücktesten Aufsteigers. Keiner der Bundesliga-Neulinge aus den letzten Jahren hat so viel Mut zum Risiko gezeigt wie der SCP. Das hat der Auftritt gegen die Bayern noch einmal unterstrichen. Aber steckt die Elf von Steffen Baumgart auch in der Marketingfalle des eigenen Klubs? Einiges deutet darauf hin.

Wer nicht den ganzen Text lesen möchte:

- Paderborn will sich als Marke etablieren, dafür braucht es mutigen Fußball, der aus der Reihe tanzt

- Freiburg und Hertha drückten Paderborn Ballbesitz aufs Auge

- gegen die Berliner konnte man damit schon besser umgehen

- auch gegen die Bayern machte Paderborn keinen schlechten fußballerischen Eindruck, als die weniger Pressing spielten

- trotzdem bleibt die Frage, ob Paderborn mit seiner Offensiv-Taktik die Klasse halten kann

 

Paradiesvogel Paderborn: Wie Marketing die Taktik beeinflusst

„Defensivfußball ist nicht das, wofür wir stehen wollen. Wir können gar nicht anders spielen als mutig nach vorne. Dafür haben wir überhaupt nicht die Spielertypen“, beteuerte Paderborns Geschäftsführer Martin Przondziono während des Bayern-Spiels am Sky-Mikrofon. Aussagen, die Bände sprachen. Paderborn weiß, wie es sich nach außen verkaufen will. Attraktiv und frech. Der Klub scheint sich bewusst: Als 0815-Underdog, der Mauer-Fußball spielt, wird das Produkt Paderborn schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Nur als Paradiesvogel kann man seine Spuren im Oberhaus hinterlassen. Dass man das in einem Jahr vielleicht wieder verlassen muss, wirkt einkalkuliert. Dem Klub geht es um Nachhaltigkeit. Um den Aufbau einer echten Marke.

Diese Marketingstrategie beeinflusst massiv die Taktik, mit der Baumgart seine Truppe auf den Rasen schickt. „Wenn Steffen Baumgart auf die Idee käme, mauern zu wollen, würde ich schon mit ihm sprechen“, gab Przondziono zu. Ob die Mannschaft mit einer defensiven Spielweise mehr Zähler gesammelt hätte, bleibt Spekulation. Fakt ist aber: Einige Bundesligisten drücken Paderborn den Ball aufs Auge. Wohlwissend, dass der Aufsteiger sich nicht dagegen wehren wird. Obwohl er allem, aber nicht der fußballerischen Oberschicht angehört.

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Paderborn und der Ballbesitz

Freiburg stellte sich nach der Führung hinten rein. Und Paderborn fehlten die Antworten gegen defensive Breisgauer. Das Tempo und die gefährlichen Schnittstellenläufe der Stürmer kamen nicht mehr zur Geltung. Aus dem Wunsch nach Vollgasfußball wurde träger Ballbesitz.

Gegen Hertha lebte die Mannschaft dann schon eher die Corporate Identity, die Przondziono & Co. vorschwebt. Aus geduldigem Spielaufbau suchte Paderborn immer wieder die Tiefe. Erst wurde der Ball über Sechser Gjasula und die Viererkette laufen gelassen. Dann spielte man flache Pässe in Richtung Offensive. Die Flügel rückten ein, einer der Stürmer fiel zurück und forderte den Ball. Paderborn wollte sich gegen defensive Berliner zum Sieg kombinieren. Bei Flügelangriffen gab es die gewohnt spektakulären One-Touch-Momente in ganz engen Räumen. Ganz wie es die SCP-DNA will. Am Ende aber scheiterte Paderborn an sich selbst. Der Ball wollte nicht ins Netz.

Ballbesitz-Schlagabtausch gegen die Bayern: Ist das noch Mut oder schon Wahnsinn?

Immerhin zappelte er dort am letzten Wochenende gegen die Bayern sogar zweimal. Damit sind die Paderborner mit der Hertha das einzige Team der Saison, das dem Rekordmeister zwei Treffer einschenkte. Image-Auftrag erfüllt?

Tatsächlich steht Baumgart wie kein Zweiter für die Philosophie des Vereins gerade. Selbst Leipzig und Dortmund im Supercup setzten gegen die Bayern auf Risikovermeidung. Sein Team aber sollte sich flach und mutig hinten herausspielen. Gegen die vielleicht stärkste Angriffspressingmaschine Deutschlands.

Dass das nicht immer gut ging, war abzusehen. Paderborn mag es ohnehin nicht besonders, wenn der Gegner mit Angriffspressing nervt. Man spielt dann noch zu häufig in den Pressingstrudel. Will heißen: Vom Torwart geht es auf den Innen- und dann auf den Außenverteidiger. Am Flügel kann der Gegner den Raum eng machen und die Situation zuschieben.

Baumgart weiß das. Um mehr auf lange Bälle zu spielen, fehlen ihm aber – wie Chef Przondziono schon sagte – die wuchtigen Offensivspieler, die die zweiten Bälle festmachen. Paderborn hatte in den letzten Jahren lieber Tempospieler mit etwas Ballbesitzflair im Einkaufswagen.

Das wird manchmal zum Boomerang. Manchmal ist es aber auch das, was Paderborn-Fußball eben ausmacht. Insbesondere, wenn man sich doch mal aus dem Angriffs- oder Gegenpressing am eigenen Strafraum gelöst hat. Oder, wenn der Gegner recht hoch steht, aber nicht viel Druck auf den Ball macht. Wie die Bayern in Hälfte zwei. Anschließend nämlich kann es schnurstracks und mit Hochgeschwindigkeit in die Spitze gehen.

Baumgart schiebt in allen Angriffsmomenten viele Spieler auf eine Seite. Gegen die Bayern war vor allem der linke Flügel Treffpunkt der Offensive. Der Rekordmeister sollte dorthin gelockt werden. Damit dann die weite Verlagerung auf die andere Seite kommen konnte. Dort ärgerte Paderborn Außenverteidiger-Grünschnabel Davies. Baumgarts Ballbesitzplan hatte es gezielt auf den Kanadier abgesehen. Auf diese Weise - und unter netter Mithilfe von Niko Kovac - zwang Paderborn den großen FC Bayern in einen Schlagabtausch. Mit knappem, aber negativem Ausgang.

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Kann Paderborn so die Klasse halten? 

Was also bleibt? Paderborn setzt Duftmarken, heimst Lob ein und baut eine Fußball-Marke auf. Es scheint, als wolle man eine ganz bestimmte Geschichte schreiben: Die vom kleinen Klub aus Ostwestfalen, der ausgeflippt ist, aus der Reihe tanzt und für den Angst ein Fremdwort ist. Aus dieser Geschichte würde auch bei Abstieg wohl keine Tragödie werden.

Gerade deshalb wird es hochinteressant, ob Baumgart irgendwann den Spagat aus Paderborner Fußball-Philosophie und Pragmatismus schafft. Mit dem jetzigen Kader mag die Spielidee alternativlos sein. Im Winter gäbe es aber die Möglichkeit, durch Transfers nachzujustieren und einen Tick konservativer zu werden.

Ob man das will, wird sich zeigen. Dass es notwendig wäre, haben die ersten sechs Spiele bewiesen. Denn schließlich betonte auch Baumgart immer wieder: Sein Team würde ans Limit gehen und guten Fußball spielen. Doch am Ende scheitere es an kleinen Fehlern. Das liegt vielleicht ein Stück weit in der Natur der Sache. Schließlich hat Paderborn schlichtweg nicht viel Qualität im Kader. Aber der jetzige Baumgart-Fußball verzeiht eben auch sehr wenig Fehler. Ob nun mit Ball oder ohne.

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Tags: Bundesliga, SC Paderborn, Steffen Baumgart

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