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Nagelsmann ist in Leipzig noch kein Nussknacker

Mit Effizienz und Konterstärke füllten die Leipziger in den ersten Wochen unter Julian Nagelsmann ihr Punktekonto. Dass es im Spielaufbau noch nicht ganz rund lief: geschenkt. Meistens kam den Gegnern ein Leipziger Dosenöffner und eine Portion Matchglück zuvor. Wenn die Bullen dann erstmal richtig im Spiel waren, regelte ihr Trainer den Rest. Mit der richtigen Strategie, wie etwa letzte Woche in Bremen. Oder durch eine clevere Umstellung wie gegen die Bayern.

Nagelsmann ist sogar der amtierende "Taktikfuchs der Woche". Aber dieses Mal sollte alles anders kommen. Der Leipzig-Nagelsmann wurde von seiner eigenen Kopie ausgecoacht...

Wer nicht den ganzen Text lesen will:

- Leipzigs Ballbesitz-System ist noch lange nicht perfekt

- aber: man ging oft in Führung, Nagelsmann coachte In-Game und man konnte mehr aufs Konterspiel setzen

- Bayern und nun Schalke haben aufgedeckt: Leipzig kann harte Pressinggegner bisher nicht knacken

 

Leipzigs Probleme gegen die harte Werder-Schale

Die neue Note, die Nagelsmann den Leipzigern geben soll, trägt einen Namen: Positionsspiel. Will heißen: Seine Mannschaft soll lernen, kompakte Gegner systematisch in ihre Einzelteile zu zerlegen. Nichts einfacher als das, oder? Schließlich gilt Nagelsmann als der beste Ballbesitztrainer, den die Bundesliga hat. Und das Bullen-Team ist immerhin gespickt mit spielstarken Technikern.

Doch schon früh in der Saison deutete sich an: Das Projekt Positionsspiel braucht Zeit. Nagelsmann zeigte sich schnell kompromissbereit, probierte etwa - ganz untypisch für ihn - lange Bälle in Richtung Offensive aus. Und auch wenn Leipzig gleich an Spieltag eins Aufsteiger Union Berlin alt aussehen ließ: Seither wechselten sich Licht und Schatten ab.

Wobei die Schattenmomente vielleicht sogar überwogen. Union schien ohnehin kein wirklicher Maßstab zu sein. Die Eisernen konnten nämlich vergleichsweise einfach durch die Mitte geknackt werden. Als richtiger Gradmesser hielten deshalb andere Partien her. Etwa das letzte Auswärtsspiel bei Werder Bremen. Kohfeldt fuhr ein ultra-kompaktes 5-3-2 auf, machte das Zentrum dicht.

Leipzig sammelte Ballbesitz. Doch die Mannschaft wurde der Nussknacker-Aufgabe nicht gerecht. Bremens harte Schale blieb unbeschadet und schützte die wichtigen Zentrumsräume.

Nagelsmanns In-Game-Talent kaschierte Leipzigs Ballbesitz-Probleme

Ein Torschuss in Hälfte eins aus dem Spiel heraus - und trotzdem stand ein 2:0 für Leipzig auf der Anzeigetafel. Mit der Führung im Rücken musste RB nicht mehr selbst aufs Gaspedal treten. Spätestens nach der gelb-roten Karte für Laimer war die Ballbesitz-Aufgabe Geschichte. Nagelsmann ordnete ein tiefes 5-3-1 an. Fortan sollte gekontert werden. Das 3:0 - eine Umschaltaktion - war der Bremer Todesstoß.

Dass Nagelsmann zurecht als Umstellungsfuchs gehandelt wird, bewies er schon gegen die Bayern. Das forsche Angriffspressing der Münchener wurmte Leipzig gewaltig. Der Spielaufbau ging völlig in die Hose. Nur mit Glück konnte Leipzig sich mit einem 1:1 in die Pause retten. Dann nahm Nagelsmann seine Taktiktafel zur Hand – und die Partie kippte.

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Das Gegengift gegen Nagelsmann: die Nagelsmann-Taktik

Was also ließ sich vor dem Schalke-Spiel festhalten? Leipzig war nicht unverdient Tabellenführer, ohne dass man sich spielerisch mit Ruhm bekleckert hätte. Das musste die Mannschaft nüchtern betrachtet bisher auch nicht. Gegen Schalke aber wartete man vergeblich auf den herbeigesehnten Dosenöffner. Viel mehr noch: Plötzlich musste man selbst einem Rückstand hinterherlaufen. 

Das konnte gegen ein Pressingteam wie Schalke nur eines bedeuten: 90 Minuten Nussknacker spielen. Auf der Suche nach dem weichen Kern im Schalker System. Nagelsmann hatte sich gegen die Knappen für eine Viererkette entschieden. Schalke sollte, wie Nagelsmann nach dem Spiel preisgab, auf eine Seite gelockt werden - damit dann über die andere Tempo gemacht werden konnte. Gerade gegen die überraschende Schalke-Raute, so Nagelsmann, wäre das der richtige Plan gewesen.

Doch daraus wurde nichts. Wagner hatte Nagelsmanns Ballbesitzsystem mit dem 4-Raute-2 gut gekontert. Durch das enge Knappen-Zentrum wurde RB schnell Richtung Flügel geleitet. Dort geriet man unter Druck. Schalke ging insbesondere die Flanke um Mukiele und Sabitzer immer wieder hart an, stoppte Leipzigs Angriffe frühzeitig.

Man schob die Anspielstationen in die Mitte zu, raubte Leipzig auf Ballseite die Überzahl. Die Stürmer Werner oder Poulsen konnten da ebenfalls nicht helfen. Schalke war schnell im Kopf und wahnsinnig fleißig. Das Zurückfallen der Bullen-Spitzen ging darin unter.

Außerdem: Leipzig hatte im 4-2-2-2 oft nur zwei Spieler in den Angriffszonen. Zu wenig, um schnell zwischen die Linien zu kommen. Weil gleichzeitig das viele Aufbaupersonal nicht ins Spiel fand, war die Situation eindeutig: Nagelsmanns Ballbesitzfußball wurde matt gesetzt.

Es offenbarten sich ähnliche Probleme wie gegen das giftige Bayern-Pressing. Doch dieses Mal fehlte der große Nagelsmann-In-Game-Punch, der alles auf den Kopf stellte. Im Gegenteil. Leipzig konnte Schalkes Konter kaum einfangen - während man die eigene Trumpfkarte im Umschaltspiel nicht auf den Rasen bekam. Königsblau umging das Leipziger Pressing mit langen Bällen.

In Summe tat Wagner also all das, was Nagelsmann in den ersten Wochen selbst ausgezeichnet hatte: eine Fußball-Idee voller Pragmatismus. Er gab den Ball ab, wenn es möglich war. Er versuchte in erster Linie kompakt verteidigen zu lassen und Ballgewinne zu verbuchen. Und er setzte auf Standards, wenn aus dem Spiel nichts ging. Sanés 1:0 fiel nach einer Ecke.  

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Nagelsmann lässt den Nussknacker aus Hoffenheim vermissen

So groß die Hoffnungen auf den Positionsspiel-Nagelsmann waren. Die Wahrheit nach Schalke lautete: Er hatte keine Lösung gegen sein eigenes Spiegelbild. Gegen das Spiegelbild, das in den vergangenen Wochen teils so Nagelsmann-untypisch war. Aber auch so erfolgreich.

Plump ausgedrückt: Der RB-Nagelsmann hat Feuer unterm Hintern. Er lebte die Konter-DNA des Bullenstalls und verlieh seiner Mannschaft die Qualität einer Spitzenmannschaft: Effizienz. Aber der Nagelsmann aus Hoffenheim, der gewiefte Schachspieler für die besonderen Ballbesitzmomente, scheint Leipzig noch nicht erreicht zu haben.

Ohne Zweifel: Es ist und bleibt ein Projekt mit Fallhöhe. Obwohl dies ebenso bedeutet: Sobald der Nagelsmann der letzten Jahre wieder auflebt, muss die Konkurrenz sich umso mehr fürchten. Dann nämlich würde sein Team dem näher kommen, was es vor der Saison versprach: ein taktischer Alleskönner mit großartigen Einzelkönnern zu werden. Der immer ein Ass im Ärmel hat. Oder eben einen funktionstüchtigen Nussknacker.

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Tags: Bundesliga, RB Leipzig, Julian Nagelsmann

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