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Ab in die Champions League? Wie gut Schalke wirklich schon ist

Allein für die Headline würde David Wagner uns wahrscheinlich am liebsten auffressen. Oder uns Tabletten anordnen. Mit Recht? Werden seine Schalker derzeit größer gemacht als sie sind? Wie viel Matchglück und wie viel Qualität steckt wirklich hinter Platz vier? Wir sind genau den Fragen auf den Grund gegangen.

Wer nicht den ganzen Text lesen möchte: 

- Wagner hat ein gut funktionierendes Pressingkonzept entwickelt

- dabei kann er die Abläufe an den Gegner anpassen, wie etwa gegen Leipzig

- die Schalker Konterstärke ist zurück

- im Ballbesitzspiel macht Schalke ebenfalls Fortschritte, lebt aber auch stark von Harit

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Das Pressing ist eines der besten der Liga

David Wagner wurde auch von uns als Pressingtrainer angekündigt. Seinem Ruf wird der 47-Jährige schon früh in der Saison gerecht. Zweimal hielt Alexander Nübel bereits die Null. In nur einem Spiel musste er häufiger als einmal hinter sich greifen. Beim 0:3 gegen die Bayern. Nur drei Teams kassierten an den ersten sechs Spieltagen weniger Gegentreffer. Schalke spielt eines der kompaktesten Systeme der Liga.

Wagners goldene Pressingregel mag von Trainern aller Spielklassen rauf und runter gebetet werden: 'Die Mitte muss dicht sein'! Aber seine Mannschaften setzen sie außergewöhnlich gut um. Die Gegner werden geschickt nach außen gedrängt. Zuletzt wurde RB Leipzig Opfer dieser Wagner-Regel.

Am Flügel kommt dann die vielleicht zweitwichtigste Regel zum Tragen: 'Der ballnächste Spieler macht Druck. Der Rest sichert durch.' Durchsichern? Das heißt nichts anderes, als eine Position weiter zu rücken. Achter Serdar schob gegen Leipzig aus dem Halbraum auf Bullen-Außenverteidiger Mukiele. Dabei schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen wurde Druck aufgebaut. Zum anderen nahm er Anspielstationen in der Mitte in den sogenannten Deckungsschatten.

Wenn Serdar am Flügel ins Pressing ging, sicherte Sechser Mascarell vom Zentrum in den Halbraum durch. Die Abstände zwischen den Spielern blieben eng. Geht einer raus, muss der Rest mitziehen. Entweder, um im Raum abzusichern oder um Gegenspieler aufzunehmen. Denn, Wagner-Regel Nummer drei: 'Wird Druck auf den Ball gemacht, müssen alle Anspielstationen in Ballnähe zu sein.' Dann kann die Pressingfalle zuschnappen. So geht Kompaktheit.

Dass das funktioniert, belegen auch die Zahlen. Schalke fängt die zweitmeisten Bälle pro Spiel ab und gewinnt die viertmeisten Zweikämpfe. Dabei foult die Elf von David Wagner verhältnismäßig wenig. Noch fairer zur Wehr setzen sich einzig Ballbesitzteams wie Bayern, Dortmund oder Leverkusen. Alle Pressingmannschaften schlagen häufiger über die Stränge als Schalke.

Um es kurz zu machen: Die Pressingabläufe bei den Knappen sitzen. Nicht unwahrscheinlich, dass Nübel in dieser Spielzeit noch häufiger die weiße Weste behalten kann. Zumal gegen Leipzig auch eine Schalker Mumie wieder zum Leben erweckt wurde: die kompakte Strafraumverteidigung.

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Schalke kann kontern

Wagner will nicht nur gegen den Ball intensive Läufe. Auch im Konterspiel setzen die Schalker immer wieder zu Vollsprints an. Über die neue königsblaue Umschaltqualität haben wir bereits im Format "Spieler des Spieltags" berichtet. Der Hintergrund: Harit ist der wichtigste Spieler in Wagners Offensiv-System. Er trägt den Ball durch große Räume und findet neuerdings im richtigen Moment das Abspiel. Situationen, die Wagner liebt. Genauso wie Tief-Klatsch-Kombinationen.

Bei tiefen Ballgewinnen muss sich Schalke manchmal durch enge Räume kombinieren, bevor die Post abgehen kann. Weil man gegen den Ball ohnehin viele Spieler auf eine Seite schiebt, will Wagner das zum Umschalten nutzen. Oft wird ein Ball stramm in die Tiefe gespielt. Der Passempfänger legt ihn auf einen dritten Spieler ab. Dann kann der Pass in die Spitze oder auf die andere, freie Seite kommen. Das sieht schön aus - und ist Teil der neuen Konter-DNA.

Möglich, dass die Steil-Klatsch-Taktik in den kommenden Wochen noch weiter verfeinert wird. Schließlich dürften die Ballbesitzthemen ohnehin erst in einiger Zeit groß auf der Wagner-Agenda stehen. Bisher stand die Arbeit gegen den Ball im Vordergrund. Für alles andere hatte er vor allem Harit.

Schalke steigert sich mit Ball

Dass Schalke konterstark ist, hat nicht zuletzt das Spiel gegen RB Leipzig bewiesen. Auch wenn der Dosenöffner eine Standardsituation war. Vier Standardtreffer hat Schalke diese Saison geschossen. 13 Tore waren es insgesamt. Allerdings: Laut Statistik, den sogenannten expected goals, erzielte Schalke mehr Treffer als bei ihren Chancen realistisch zu erwarten waren. Die Mannschaft spielt sich sogar verhältnismäßig wenig 100 %-Chancen heraus. Nur zwei Abschlüsse wurden bisher aus dem Fünfmeterraum abgegeben. 

Trotzdem hat Schalke sich schon doppelt so viele Tormöglichkeiten aus klassischen Ballbesitzsituationen erarbeitet als zum selben Zeitpunkt der letzten Spielzeit. Ein eins-zu-eins-Vergleich mag allein aufgrund des anderen Spielplans nicht standhalten. Er ist aber zumindest ein kleines Indiz dafür, dass Wagner seine Mannschaft auch mit Ball besser macht.

Klar: Der Ex-Premier-League-Coach ist kein Ballbesitzfetischist, gibt ihn gerne ab, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Schalke hat im Schnitt gerade einmal 45 % Ballbesitz. Gegen Leipzig wurden pro Ballbesitz-Minute fast zwei lange Ball geschlagen. Aber: Wenn die Knappen Situationen fußballerisch lösen müssen, klappt das zumindest ordentlich. 

Dass Schalke dabei von Harit lebt, muss wohl nicht noch einmal betont werden. Der Marokkaner lässt Gegner aussteigen und schafft neue Räume in toten Situationen. Besonders durch das Zusammenspiel von Harit und Uth wurde Schalkes Offensivspiel abwechslungsreicher. Wagner lässt viel über die Flügel spielen. Mit dem Ballbesitz-Duo Uth/Harit ging gegen Paderborn aber auch mehr durch die Mitte.

Wagner und Harit machen den Unterschied

Mit diesem kleinen Kniff unterstrich Wagner: Er ist kein Coach, der nur das Standardprogramm herunter rattert. Er macht sich Gedanken, wie er seine Mannschaft am besten auf den Gegner einstellen kann. Beim Aufsteiger tat er das mit mehr Ballbesitzpersonal. Gegen Mainz nutzte er McKennie als Pressingstürmer. In Leipzig wiederum stellte er bekanntermaßen auf 4-Raute-2 um, damit die Mitte noch enger wurde. Wagner hat klare Abläufe. Die aber kann er flexibel anpassen.

Ohne Harit hätte Schalke wahrscheinlich nur halb so viele Punkte. Wagner leistete aber Top-Grundlagenarbeit. Er etablierte ein Pressing, das gegen fast jeden Gegner greift. Und: Er hat die Schalker Kontermaschine wieder ins Laufen gebracht. Vielleicht steht die Mannschaft alles in allem einen Tick stärker da als sie ist. Vielleicht profitierte sie auch vom Spielplan. Gladbach und Leipzig stecken ebenfalls im Umbruch und Paderborn, Mainz und Hertha waren sicher nicht die größten Hürden, die die Liga hat. 

Aber Schalke hat wieder ein Fundament. Und das Potenzial, mit mehr Zeit noch besser zu werden. Insbesondere mit Ball. Wenn das gelingt, könnte es tatsächlich Richtung Europa gehen ...

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Tags: Bundesliga, Schalke 04, David Wagner

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