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Wie Kovac gegen Hertha mit dem Feuer spielte

Ligaweit dürfte es kaum einen Trainer geben, der kontroverser diskutiert wird als Niko Kovac. Die einen feiern ihn, weil er die große Bayern-Krise im vergangenen Herbst meistern konnte und zu einem versöhnlichen Ende brachte. Die anderen halten ihn für taktisch limitiert, sprechen ihm den Blick fürs Detail ab. Das 2:2 zum Ligaauftakt gegen die Hertha half hierbei vermutlich weder der einen noch der anderen Fraktion wesentlich dabei, ihre Meinung zu untermauern. Denn: Das Kovac-System offenbarte erneut Licht und Schatten. Der Kroate spielte taktisch mit dem Feuer - löschte es dank guter In-Game-Entscheidungen aber selbst, bevor es zu spät war.

Will die Liga etwas vom bayerischen Ballbesitz-Kuchen ab?

Dass der FC Bayern gegen alle Bundesligamannschaften das Spiel machen muss, dürfte kaum als erwähnenswert durchgehen. Selbst im Supercup gegen Dortmund, dem vermeintlich größten Konkurrenten, konnte der Rekordmeister über 60 % Ballbesitz auf der Habenseite verbuchen. Der BVB versprach sich mehr von einem umschalt- als von einem ballbesitzlastigen Plan, konterte die Bayern aus.

Umso unterhaltsamer schien es, dass die Bayern am Freitagabend einen Gegner in der Allianz Arena begrüßten, der den Ball vor allem in der ersten Halbzeit immer wieder in den eigenen Reihen hielt. Gut möglich, dass Herthas Trainer Ante Covic damit gewissermaßen zum Vorreiter für kommende Bayern-Gegner wird: Punktuell eigene spielerische Akzente setzen, um den Bayern den geliebten Ballbesitz zu rauben statt sich im eigenen Drittel einzuigeln und auf Erbarmung zu hoffen.

Sollte sich die Bundesliga tatsächlich darauf verständigen, dass gegen den Rekordmeister mehr Ballbesitz und Aufbauspiel angesagt ist als in den letzten Jahren, könnte das Niko Kovac vor eine neue Aufgabe stellen. Am Freitag pressten die Bayern zwar auch durchaus gewohnt hoch, zogen sich aber auch des Öfteren ins Mittelfeld zurück. Insbesondere, wenn die Hertha einen langen Ball geschlagen hatte und ihn für sich behaupten konnte, gingen die Bayern nicht gleich wieder ins Pressing über. Vielmehr versuchten sie in der Formation kompakt zu bleiben, Pässe in die Spitze zu unterbinden. Kovac wird sich möglicherweise Gedanken machen müssen, ob er seinen Gegnern diese Entlastungsphasen mit Ball zukünftig zugestehen möchte. Denn, so einfach ist der Fußball: Wenn der Gegner den Ball hat, können selbst die Bayern in dieser Zeit kein Tor erzielen. 

Das könnte vor allem deshalb ein Problem werden, weil den Bayern unter Kovac die Kreativität im Angriffsspiel fehlt. Oft regelte es in der Vergangenheit eher die Quantität und weniger die Qualität der Offensivaktionen zugunsten der Kovac-Mannen. Bayern startete minutenlange Angriffswellen, preschte immer wieder über die Flügel in Richtung gegnerisches Tor vor. Je mehr bayerische Angriffe es gab, desto höher wurde die Wahrscheinlichkeit, dass der Ball irgendwann seinen Weg ins Gehäuse fand. Schon in der vergangenen Saison reichten den Bayern häufig kurze Dominanz-Phasen, um auf der Siegerstraße zu landen. Gut denkbar also, dass in Zukunft der ein oder andere Trainer versuchen wird, gegen die Bayern durch Ballbesitz etwas Druck aus dem Kessel zu nehmen. Reines Einmauern dürfte gegen die individiduelle Überlegenheit der Bayern schließlich in vielen Fällen kein Patentrezept sein. Auch Covic erklärte nach dem Spiel, dass sein Team den Vorsprung nicht verwalten konnte, weil der Druck in der zweiten Halbzeit zu groß wurde, man zu sehr hinten eingeschnürt wurde.

Bayerns erste Saisonaufgabe: Manndeckungsgegner knacken

Allerdings: An der Hauptaufgabe, selbst ein gutes Offensivsystem zu entwickeln, wird sich für Kovac dennoch nicht viel ändern. Denn trotz der Herthaner Bemühungen um Entlastungsphasen, ging das Ballbesitzduell zumindest statistisch klar an die Bayern.

In der ersten Halbzeit sah sich der Rekordmeister einem Gegner gegenüber, der ihnen mit Mannorientierungen die Überzahl im Aufbau nahm. Vor allem durch die Klasse der Bayern-Spieler und die fehlende Flexibilität der Berliner konnte diese Herausforderung immerhin zum Teil gelöst werden. Hertha bekam zu wenig Druck auf den Ball, sodass die Münchener auch ohne große taktische Kniffe zu gefährlichen Tempoangriffen ansetzen konnten.

Erst in der zweiten Halbzeit schien Kovac sein Team taktisch besser auf die Mannorientierung einstellen zu können. Die Bayern probierten gezielter, die Herthaner aus ihren Räumen zu ziehen und diese dann schnell durch andere Spieler zu besetzen. So gab es beispielsweise auf dem Flügel Positionswechsel zwischen Müller, Gnabry und Kimmich, die die Mannorientierungen bewusster ins Wanken brachten.

Die Bayern werden sich im Laufe der Saison wohl noch häufiger mit manndeckenden Gegnern auseinandersetzen müssen. Kovac konnte zumindest andeuten, dass er auf diese Aufgabe gefasst ist. Auch wenn noch abzuwarten bleibt, wie ausgeklügelt sein Plan dann ist, wenn ein Gegner wirklich auf Top-Niveau verteidigt.

Denn auch die zweite Hertha-Defensivvariante offenbarte Löcher. Nachdem Lewandowski die Mannorientierungen vor dem 0:1 ausgehebelt hatte, stellte Covic auf ein tieferes, raumorientiertes System um. Dass auch daraus kein kompakter Defensivriegel entstand, lag zu Teilen aber auch an den Bayern. Gnabry und Coman versuchten weiterhin über die Flügel Dampf zu machen, zeigten dort gute Bewegungen im Zusammenspiel mit dem jeweiligen Achter und Außenverteidiger. So gelang es der Kovac-Elf immer häufiger, in den Berliner Strafraum einzudringen, auch wenn sie dort von den Herthanern noch zu oft abgedrängt werden konnten. Der Grund hierfür: Die bayerische Angriffsdynamik war nicht optimal, der Pass in die Tiefe erfolgte genauso wie der Laufweg des Passempfängers oft nicht direkt Richtung Tor. Daher konnte Hertha vielfach mit Tempo vom eigenen Tor weg verteidigen. 

Kovac, die angreifenden Achter & ein Thiago-Problem

Dass Kovac ein Faible für das 4-1-4-1 mit nur einem Sechser und zwei Achtern hat, ist kein Geheimnis. Der Kroate betonte erst vor kurzem bei "Sport 1", dass dies das System sei, mit dem er spielen wolle - auch wenn man flexibel sein und sich immer wieder anpassen müsse. Genau das tat er am Freitagabend.

Schon in der Vorbereitung hatte sich angedeutet, dass Kovac dem altbekannten Bayern-Motto "Back to the roots" folgt. Statt wie über weite Strecken der letztjährigen Erfolgsphase auf eine Doppelsechs zu vertrauen, schob der 47-Jährige zwei seiner drei Mittelfeldfeldspieler direkt hinters gegnerische Mittelfeld. Von dort sollen sie kurze Wege Richtung Strafraum haben, Torgefahr ausstrahlen, wenn die Außen Flanken schlagen. Mit Müller, Goretzka oder auch Tolisso hat Kovac passende Spielertypen für die Rollen als angreifende Achter. Alle drei fühlen sich wohl, wenn sie nicht die ganz große Verantwortung für den Spielaufbau übernehmen müssen, sich im letzten Drittel in die Angriffe einschalten können. 

Gegen die Hertha übernahmen zunächst Tolisso (halblinks) und Müller (halbrechts) diese Aufgaben. Beide boten sich bei Bedarf zwar mal tiefer an, sicherten nach vorn hin aber kaum Angriffe ab. Vielmehr ging es darum, Abschlüsse vorzubereiten oder selbst zu verbuchen. Wenn Coman oder Gnabry den Ball hatten, suchten sie die Flucht nach vorn. Das sollte in der Theorie den Vorteil haben, dass der Strafraum ordentlich besetzt ist, die Bayern dort kombinieren, Abpraller verwerten oder ins Gegenpressing kommen können. 

Aus dieser mutigen, angriffslustigen Haltung heraus enstand zum Teil aber ein Problem. Wenn auch noch die Außenverteidiger nach vorn marschierten, stand Thiago als einziger Sechser auf weiter Flur. Auf diese Weise kam die Hertha am Freitagabend per Konter zum Ausgleich. Kovac reagierte schließlich, indem er mehr auf Absicherung setzte. Oft war es vor allem Kimmich, der sich in den Angriffen neben Thiago positionierte und half, den Raum um den Spanier zu verkleinern. Auch deshalb übernahmen die Bayern in der zweiten Halbzeit das Heft des Handelns.

Damit allein könnte es für Kovac allerdings noch nicht getan sein. Denn nicht nur im Umschaltmoment wurde den Bayern das Spiel mit nur einer Sechs zum Verhängnis. Beim zwischenzeitlichen Berliner Führungstreffer landetete ein langer Ball genau im Thiago-Raum. Der hatte sich zu spät zurückgezogen, konnte Vorlagengeber Ibisevic nicht mehr in einen Zweikampf verwickeln.

Kovac muss sich auf Dauer also womöglich mit der Frage auseinandersetzen, ob Thiago der richtige Sechser für ein System ist, in dem er oft in großen Räumen verteidigen muss - oder ob sein Schlüsselspieler nicht an der Seite eines zweiten Sechsers besser aufgehoben ist. Ähnlich wie im Herbst letzten Jahres, als Kovac ihm Martinez als Staubsauger zur Seite gestellt und sich damit gegen das offensive Spiel mit dem Feuer - und für mehr Stabilität entschieden hatte.

Tags: FC Bayern, Niko Kovac, Bundesliga

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