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Typisches Favre-Näschen beim Kantersieg

5:1 gegen Augsburg: Gleich am ersten Spieltag konnte Borussia Dortmund ein deutliches Ausrufezeichen in Richtung München senden. Allerdings: Was nach einem schwarzgelben Spektakel klingt, in dem Lucien Favre seine angriffslustige Offensive von der Leine gelassen hat, war in Wahrheit ein recht risikoarmer BVB-Auftritt. Denn es bleibt dabei, dass Favre auch im Ballbesitz viel an seine Defensive denkt.

Favre hat die Qual der Wahl: Wieso er auf Götze verzichtet

Dass der BVB-Kader möglicherweise so breit aufgestellt ist wie noch nie, ermöglicht Favre die Spieler einzusetzen, die am besten zu seinem Matchplan passen - ohne jemanden in eine Rolle pressen zu müssen, die ihm eigentlich nicht liegt.

Das heißt konkret: Favre verzichtet auf Mario Götze, wenn er das offensive Zentrum meiden möchte, weil er das Risiko scheut, dort gegen kompakte, umschaltfreudige Teams den Ball zu verlieren. Götze nämlich fordert genau in diesen Räumen den Ball, bietet sich dort an, um dann mit seinen Kollegen auf engem Raum zu kombinieren. Gegen Augsburg und im Pokal gegen Uerdingen entschied sich Favre daher vorne für die Variante mit Reus und Alcacer. Der Spanier fühlt sich ohnehin am wohlsten, wenn er sich an der gegnerischen Abseitslinie bewegen kann. Reus mag es zwar auch, mit seinen Kollegen zu kombinieren, ist aber extrem anpassungsfähig. Er hat kein Problem damit, sich mehr auf Aktionen am Flügel und im letzten Drittel zu konzentrieren, wenn Favre das von ihm verlangt.

Dass beim Ligaauftakt Thorgan Hazard und Sancho auf den Flügeln spielten, überraschte in dem Kontext ebenso wenig: Wenn nicht der Weg durch die Mitte gesucht werden soll, dann der risikoärmere über die Flügel. Hier kommt man theoretisch leichter ins Gegenpressing, weil die Außenlinie bei Ballverlust eine Hilfe sein kann, um das Spiel gleich wieder eng zu machen. Hazard und Sancho sind Flügeldribbler, die am liebsten Außen freigespielt werden und dann in 1-gegen-1-Duelle gehen.

Die ballsichere Doppelsechs Weigl/Witsel sollte gegen Augsburg zusätzlich dafür sorgen, dass sich die Dortmunder Ballverluste auf ein Minimum reduzieren.

Favre-Matchplan bringt Stabilität - aber (erst) keine Offensivpower 

So gut durchdacht Favres Matchplan in der Theorie schien, so schlecht fing die Saison für sein Team an. Gleich in der ersten Minute geriet der BVB gegen Augsburg in Rückstand - ausgerechnet nach einem Ballverlust im offensiven Zentrum. Möglich, dass sich Favre damit in dem Bestreben nach Risikovermeidung bestärkt sah. 

Der BVB spielte den Ball anschließend häufig direkt aus dem Aufbau auf den Flügel raus, startete von dort Aktionen nach vorn oder versuchte die Seite zu wechseln. Die gefährlichsten Aktionen entstanden dann, wenn Reus die Außenspieler unterstützte - ähnlich wie beim 1:1. Sancho bekam den Ball Außen von Akanji und zog per Dribbling die Aufmerksamkeit auf sich, sodass Reus den Augsburgern entwischen konnte. Ohne Himmelfahrtskommando wurde der Gegner geknackt - ganz nach dem Geschmack von Favre. Reus gab den Ball anschließend von halbrechts scharf in die Mitte direkt vors Tor, wo Alcacer abstauben konnte. Ein beliebter BVB-Spielzug. Auch das 2:1 fiel infolge einer Hereingabe Richtung FCA-Kasten - gespielt mit einem solchen Tempo, dass der Ball zwar für den Torwart zu erreichen, aber schwer festzuhalten war.

Allerdings schafften es die Dortmunder vor allem im ersten Durchgang kaum, Durchschlagskraft zu entwickeln. Vielmehr noch: Es war nicht einmal unbedingt der Plan, ein Chancenfeuerwerk im Signal Iduna Park zu entfachen. Favres Fokus lag auf der Absicherung der Angriffe. Beide Sechser schoben bei Ballbesitz am Flügel stets gemeinsam in diese Richtung. Meist bot sich der ballnähere der beiden für einen Rückpass an, während der ballfernere Spieler dahinter die Stellung hielt. So ergab sich für Dortmund die Möglichkeit, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Gewissermaßen verteidigte Favres Team auf diese Weise mit dem Ball am Fuß: Man versuchte nicht krampfhaft, zu Torchancen zu kommen, hielt Augsburg aber komplett in Schach.

Favres In-Game-Spielernäschen

Die zweite Halbzeit verlief ebenso Favre-typisch wie die Erste: Infolge des Führungstreffers zog Dortmund sich kurzzeitig zurück, überließ Augsburg das Feld und konzentrierte sich auf das tiefere Verteidigen. Wohlwissend, dass der FCA alles andere als eine Ballbesitzmannschaft ist. Allerdings: In der vergangenen Saison kostete dem BVB das Zurückziehen wichtige Zähler, weil man durch die eigene Passivität in einen Dornröschenschlaf fiel, aus dem man zu spät wieder wach wurde.

Gegen Augsburg passierte das nicht. Die Fuggerstädter zerfielen in sich und Favre behielt auch In-Game sein feines Gespür für seine Spieler. Der Fußball-Lehrer verändert selten das große Ganze, schraubt lieber an kleineren Details. So tauschten dieses Mal die beiden Flügel die Seiten - und veränderten damit das Spiel.

Sancho konnte fortan mehr freigespielt werden, von links mit dem rechten Fuß, wie beim 3:1 und 4:1, Bälle nach innen geben. Augsburg fand keinen Zugriff mehr auf ihn. Dass Favre schließlich Götze und Brandt einwechselte, darf als nette Geste des Trainers interpretiert werden, passte aber ebenso ins taktische Bild: Augsburg hatte die Ordnung verloren, Ballverluste im Zentrum schienen weniger gefährlich. Das 5:1 durch ein Brandt-Jokertor rundete den Nachmittag für Favre wohl endgültig ab. Obwohl dieser erst so schlecht begonnen hatte.

Tags: Bundesliga, Borussia Dortmund, Lucien Favre

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