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Tikinaccio? Wir haben Fragen, Herr Favre!

Es ist ein schwieriges Unterfangen, Lucien Favres Ärger nach der Pleite gegen Union Berlin in Worte zu fassen. Nur so viel: Der Schweizer warf seiner Mannschaft vor, unnötigerweise in Hektik verfallen zu sein. „Nach dem 1:1 müssen wir geduldig weiter spielen, irgendwann kommt die Situation“, so der 61-Jährige. Die Kritik allein darauf zu reduzieren, wäre allerdings zu kurz gegriffen. Auch Favre selbst muss sich hinterfragen. Was wir nun von ihm wissen wollen.

favre tiki

Ist der BVB nur eine Ballhaltemannschaft, Herr Favre?

Dortmund sammelte an der Alten Försterei fleißig Ballbesitz. 75 % waren es am Ende. Zu großen Torchancen kam der BVB dadurch nicht. Das muss aber, wenn es nach Favre geht, auch gar nicht zwingend sein. Vor allem nicht im ersten Durchgang. „Das 1:1 zur Halbzeit ist okay. Wir können uns nicht zehn Chancen erspielen, dürfen nicht träumen“, erklärte Favre. Liegt genau hier der Hund begraben? 

Dortmund tanzt unter Favre den Tikinaccio. Was nach einem spanischen Volkstanz klingt, ist in Wahrheit eine Art, mit dem eigenen Ballbesitz umzugehen. Und zwar eine äußerst defensive. Will heißen: Der Tikinaccio bezeichnet eine Spielidee, in der es in erster Linie darum geht, mit dem Ball am Fuß zu verteidigen. Denn wenn der Gegner ihn nicht hat, kann er auch kein Tor schießen.

Favre möchte diesen Tikinaccio zumindest 45 Minuten lang praktizieren. Durch viel Spielkontrolle, durch viele Verlagerungen soll der Gegner müde gemacht werden. Damit der BVB ihm in der zweiten Halbzeit den Gnadenstoß versetzen kann. Wenn sich vorher schon die Chance auf ein Tor ergibt: umso besser. Ein Muss ist das aber nicht.

Gegen Augsburg war Favres Tikinaccio-Plan voll aufgegangen. Infolge der Ballhalte-Taktik in der ersten Halbzeit (1:1) fertigte Dortmund die Fuggerstädter ab. 5:1 lautete der Endstand. Gegen Köln griff Favres Idee zumindest insofern, als dass den Geißböcken die Puste ausging. Zu kräfteraubend war der Kampf, um den Dortmunder Tikinaccio zu verhindern. Nach der 60. Minute drehte der BVB mit frischen Kräften auf.

Und auch gegen Union sah die Anfangsphase gar nicht schlecht aus. Die Borussia spielte sicher durch die Reihen, brachte Union in Bewegung.  Nach dem unerwarteten Rückstand kam sie schnell wieder zurück. Was aber nicht in Favres Rechnung passte: Um die 30. Minute herum entglitt seiner Mannschaft das Spiel. Union kam auf, durch Delaneys Verletzung musste Dortmund kurz in Unterzahl spielen. Die Gastgeber wurden mutiger im Pressing, witterten Höhenluft. Nach dem Seitenwechsel gingen sie schließlich erneut in Front. Vorbei waren spätestens zu dem Zeitpunkt die schwarzgelben Tikinaccio-Spielchen.

Dortmund probierte es fortan mit offenerem Visier, wollte zielstrebiger, direkter in Richtung Union-Tor spielen. Zur Unzufriedenheit des Trainers. Funktionieren sollte das Anrennen gegen das Bollwerk nämlich nicht. An Unions Strafraum war für den BVB in der Regel Schluss. Gleichzeitig konnten die Eisernen durch Ballgewinne immer wieder selbst Nadelstiche setzen. Wenn man so will: Das Spiel wurde zu einem kleinen Schlagabtausch. 

All das führt unweigerlich zu der Frage: Gehen dem BVB die Ideen aus, wenn der Tikinaccio aufgrund des Spielverlaufs nicht mehr angesagt ist? Wenn es heißt, sich selbst mehr Chancen zu erspielen? Denn auch wenn Favre betonte, dass ein Chancenfeuerwerk bei Union unrealistisch sei: Muss es nicht der Anspruch eines selbsternannten Titelanwärters sein, einen Abstiegskandidaten unter Dauerbeschuss setzen zu können?  

Scheuen Sie das Risiko, Herr Favre?

Ein Blick auf die Dortmunder Raumbesetzung lässt den Entschluss zu, dass Favre zu sehr auf die Spielkontrolle bedacht war. Denn: So kompakt wie es schien, war Union längst nicht. Mit einem etwas mutigerem Offensivplan hätte man vielleicht schon in Halbzeit eins den Deckel auf die Partie legen können.

Der Reihe nach: Um gegen Unions Doppelspitze eine Patt-Situation zu verhindern, ließ sich ein Dortmunder Sechser, häufig Weigl, in die Abwehr fallen. So hieß es im Spielaufbau 3 gegen 2, der BVB sicherte den Ball und geriet selten unter Druck.

Dortmunds typisches Spiel konnte beginnen: Viele Seitenwechsel, immer wieder Pässe auf die Außenverteidiger, damit der Gegner weite Wege hat. Im Zweifel war die Devise: Lieber einmal mehr den Ball halten, statt ihn zu verlieren und in einen Konter zu laufen. Zumindest aus Favres Sicht. So wollte er verhindern, dass Union mit dem Publikum im Rücken eine Art Pokalatmosphäre entfachen kann. 

Doch war es nötig, so sehr auf den Tikinaccio zu bauen? Leipzig hatte es am ersten Spieltag vorgemacht. Die Nagelsmänner lockten Union aus den Positionen und spielten genau in diese Räume hinein. Auch für den BVB wäre das möglich gewesen. Brandt beispielsweise konnte Rechtsverteidiger Trimmel immer wieder in den Halbraum mitziehen und ein Loch in die Eisernen-Abwehr reißen. Linksverteidiger Hakimi bot sich aber recht tief an, sollte beim Tikinaccio helfen statt die Freiräume hinter Trimmel anzulaufen. Dabei hätte das vielleicht schon gereicht, um Union zu knacken. Der Marokkaner hat die Wucht und das Tempo für Läufe hinter die Abwehr. Gleichzeitig hatte Hummels im Aufbau oft die Zeit, um Chipbälle in den Rücken von Trimmel zu spielen.

Um es kurz zu machen: Union bot Räume an, Dortmund fand sie aber nicht. Möglicherweise auch deshalb, weil der Coach dieses Risiko scheute. Oder, Herr Favre?

Teil zwei folgt.

Tags: Bundesliga, Borussia Dortmund, Lucien Favre

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