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Wie Nagelsmann Kovacs Matchplan beantwortete (und der Kroate zurückschlug)

Aus 5-3-2 mache 4-2-3-1. Mit einer einfachen Kritzelei auf der Taktik-Tafel stoppte Nagelsmann die Überlegenheit der Bayern. Zumindest hat diese Vorstellung Charme. Denn sie entspricht dem Bild, das man von Nagelsmann hat. Schließlich ist er es, der den Ruf als vielleicht bester In-Game-Coach Deutschlands inne hat. Wenn man einem Bundesliga-Trainer in der Zeit nach Guardiola spielentscheidende Umstellungen zutraut, dann Nagelsmann. Doch diese Vorstellung scheint mit Blick auf das Topspiel etwas kurz gegriffen. Denn sie übersieht, dass auch Kovac mehrmals reagiert hat. Ein Trainerduell mit Treffern auf beiden Seiten entfachte. Aber wer ist nun der Punktesieger?

Der Artikel ist die Nagelsmann-lastige Fortsetzung von 'Ausgecoacht? Kovac, Nagelsmann & die Zahlenspielchen'.

Wer nicht den ganzen Artikel lesen möchte:

- Nagelsmann verspekuliert sich mit seinem 5-3-2, weil die Ballgewinne zu tief sind und die Entlastung fehlt

- in der Halbzeit wurde reagiert: Leipzig wechselte auf 4-2-3-1, Bayern presste im 4-4-2

- aber: Nagelsmanns Anpassung ging auf, Kovacs nicht

- in der Endphase verändert Kovac deshalb noch einmal einige Kleinigkeiten

 

 5-3-2: Nagelsmann setzt aufs falsche Pferd

Hat Nagelsmann zu defensiv gedacht? Eine Frage, die nach dem Verlauf der ersten Halbzeit berechtigt sein dürfte. Auch wenn sie all dem widerspricht, für das Nagelsmann eigentlich steht. Wer, wenn nicht er, hat sich Mut zum Risiko auf die Stirn geschrieben? Doch schon in den letzten Wochen wurde deutlich: Sein Projekt in Leipzig steckt noch in den Kinderschuhen. Nagelsmann steht vor einem Spagat: Er muss seine Ideen mit denen des Bullenstalls verschmelzen lassen. Und so deutete sich zwar an, dass die Ehe zwischen Nagelsmann und seinem neuen Team mal etwas Großes, wahnsinnig Komplettes werden könnte. Genauso gab der Fußball-Lehrer im Vorfeld des Bayerns-Spiel aber offen zu: „Unsere Leistungen waren nicht so gut wie sie wegen der Ergebnisse gehandelt wurden." Besser hätte man es wohl kaum ausdrücken können.

Zum ersten Mal lief Leipzig diese Saison einem Rückstand hinterher. Von einem taktischen Allroundpaket war gegen die Bayern kaum etwas zu sehen. Im Gegenteil: Die Sachsen hatten in jeder der vier Spielphasen mit Problemen zu kämpfen. Viele Fäden liefen dabei in der Grundordnung zusammen, die Nagelsmann gewählt hatte. 

Auch wenn das 5-3-2/3-5-2 bekanntermaßen sein Lieblingssystem sein dürfte: Es wirkte wie ein Reaktion auf die Stärken der Bayern. Die Fünferkette und das Dreiermittelfeld sollten die gefürchteten Flügelangriffe der Münchener stoppen. Und das gelang auch einigermaßen. Was man Leipzig außerdem zugute halten muss: Die Strafraumverteidigung funktionierte. In der Box tummelten sich lauter Hünen, die die Flanken klären konnten. Der Rückraum wurde währenddessen von den Sechsern in Beschlag genommen. So war für die Bayern oft in Tornähe Schluss. Doch eben erst dort.

Leipzig fehlten die lukrativen Ballgewinne. Die Konter erstickten im Keim, weil man vorne zu wenig Spieler hatte. Und auch im geordneten Ballbesitz ging nicht viel. Nur zwei Stürmer und keine Spieler, die aus dem offensiven Mittelfeld schnell hätten nachrücken können? Es duftete am Samstagabend in der Red Bull Arena nach allem, aber nicht nach dem vielleicht besten Ballbesitztrainer Deutschlands. Nagelsmann hatte sich mit seiner Defensividee verspekuliert. Er musste sich etwas Neues einfallen lassen. Und das tat er auch.

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Nagelsmann reagiert, Kovac kontert (zweimal)

Denn so sehr die Partie bewies, dass Nagelsmann und Leizpig sich noch nicht richtig gefunden haben, so sehr demonstrierte sie auch: Der 32-Jährige kann ein Spiel lesen wie kaum ein anderer. Er erkannte, dass er den Bayern nur Spielkontrolle rauben kann, wenn er Kimmich und Thiago Ketten anlegt. Kurzerhand stellte Nagelsmann ihnen direkte Gegenspieler auf die Füße. Und: Im Spielaufbau konnte der ballsichere Demme Laimer entlasten. In der ersten Halbzeit hatte Leipzig viele Aufbauspieler abgestellt, die aber alle kaum ins Spiel kamen. Im neuen 4-2-3-1 spielten die Bullen besser hinten raus. Und das, obwohl die Außenverteidiger nun höher standen und es keinen dritten Innenverteidiger gab. Klingt, als hätte Nagelsmann alles richtig gemacht. Oder?

Tatsächlich machte die Nagelsmann-Umstellung Sinn. Doch man darf nicht außer Acht lassen: Kovac spielte ihm in die Karten. Wer behauptet, der Bayer hätte keinen Plan B in der Tasche gehabt, liegt falsch. Schon vor der Partie hatte Kovac betont, dass sein Team auf eine Leipziger Dreier- und auf eine Viererkette vorbereitet sei. Und es stimmte: Kovac reagierte prompt mit einem eigenen Systemwechsel auf die Viererkette der Leipziger. Die Bayern verteidigten fortan in einer Art 4-4-2. Das Problem war also nicht, dass Kovac keine Antwort auf Nagelsmann parat hatte. Vielmehr war es schlichtweg die falsche.

Coman und Gnabry zogen sich ins Mittelfeld zurück, um die hohen Mukiele und Halstenberg nicht aus den Augen zu verlieren. So hatten die Bayern vorne mit Müller und Lewandowski nur noch zwei statt drei Spieler zum Anlaufen. Das war, wenn man die Zahlenverhältnisse wieder gegeneinander stellt, erst einmal nicht schlimm: Schließlich hatte Leipzig auch nur noch zwei Innenverteidiger. Aber die Wege in Richtung Orban und vor allem Konate waren etwas länger als in der ersten Halbzeit. Dort waren Gnabry und Coman aus kurzer Distanz in Richtung der Leipziger Halbverteidiger gerauscht. Nun  hatten die Bullen-Verteidiger einen Tick mehr Zeit. Außerdem waren die Sechser keinen direkten Gegenspielern mehr ausgesetzt. Klar: Gegen die Sechser verteidigt im Normalfall der Zehner des Gegners. Den gab es im Bayern-4-4-2 aber nicht. Leipzig schien Kimmich und Thiago aus ihren Positionen locken zu wollen, um dann schnell hinter das Bayern-Mittelfeld zu kommen und mit Tempo nach vorn zu marschieren. Mit mehr Spielern als zuvor wohlgemerkt.

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Bayerns Umstellung war gefloppt, Leipzig fand ins Spiel zurück. Das war aber noch nicht alles: Kovac versuchte ein weiteres Mal zurückzuschlagen. Er ließ Kimmich und Thiago die Seiten tauschen und brachte Tolisso für Müller ins Spiel. Der Franzose bewegte sich klug hinter den Leipzig-Sechsern, machte sich dadurch schwer greifbar. Coman rückte zudem mehr in den Halbraum ein, Pavard wagte sich zwischenzeitlich in höhere Positionen. Nagelsmann gestand nach dem Spiel, dass es durch die Tolisso-Einwechslung eine weitere Wende gegeben hatte. "Durch seine Bewegungen wurde es schwieriger für uns, in der Endphase war es wieder offener", so der Ex-Hoffenheimer.

Wer hat das Trainerduell gewonnen?

Was können beide Parteien nun also wirklich aus dem Gipfeltreffen ziehen? Kovac landete mit seinem Matchplan einen Volltreffer, während Nagelsmanns 5-3-2 ein Griff ins Klo war. Fortuna und die Stabilität rund um den Strafraum retteten sein Team in die Halbzeit. Danach folgte ein spannendes Coaching-Duell. Erst hatte Nagelsmann das bessere Händchen, ehe Kovac und die Bayern nochmal zurückkamen.

Wenn man so will: Die Nagelsmann-Aussagen vor dem Spiel hatten auch nach den 90 Minuten weiter Bestand. Die Ergebnisse stimmen, die Leistungen sind noch weit entfernt von dem, was die Nagelsmann-Leipzig-Symbiose verspricht. Trotzdem konnte er eine klare Botschaft in Richtung München senden: Wer ihm das Wasser reichen will, der braucht nicht nur einen guten Plan A, sondern zwei oder drei funktionierende Ideen. Die hatte Kovac nicht. Es scheint bei der Entwicklung seines System voranzugehen. Doch die richtige Antwort auf Nagelsmanns Umstellung fehlte ihm. Einen echten Sieger gibt es im Trainerduell deshalb nicht. Man kann wohl schlussfolgern: Der Endstand der Partie passte zu den Leistungen ihrer Trainer.

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Tags: FC Bayern, Niko Kovac, Bundesliga, RB Leipzig, Julian Naglesmann

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