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Der Bosz-Dualismus: Wie gut ist sein Ballbesitzfußball wirklich?

Die einen feiern ihn als spektakulären Ballbesitztrainer, die anderen haben ihn als stur, unflexibel und närrisch in Erinnerung. Ja: Peter Bosz hat in der Fußballwelt nicht nur Freunde. Seine Art Fußball spielen zu lassen polarisiert. Vor allem auch, weil sie mit Risiken und Problemen behaftet ist, die man von vermeintlichen Ballbesitzteams nicht erwarten würde. Nach dem durchwachsenen Saisonauftakt haben die Kritiker neue Nahrung bekommen. Wir wollen wissen: Wie gut ist der Ballbesitzfußball von Peter Bosz wirklich?  

Die Analyse ist in Zusammenarbeit von David Grossklaus und Kevin Leyk entstanden. 

Wer nicht den ganzen Artikel lesen möchte:

- Leverkusen kann Gegnern wehtun, die die Mitte öffnen

- gegen kompakte (manndeckende) Gegner fehlen aber die Lösungen

- das Spiel ist zu statisch, es drohen Ballverluste und Konter

- Brandt konnte dem Spiel letzte Saison Dynamik verleihen

- Bosz muss noch zeigen, dass er ein kompletter Ballbesitztrainer ist 

Peter Boszs Kryptonit: Manndeckungen

Rostov-Ajax (8).jpgZunächst wagen wir einen Blick in die Vergangenheit. Im Europa League Finale 2017 traf Bosz mit einem jungen Ajax Team um den damals 17-jährigen Mathijs de Ligt auf das von Mourinho trainierte Manchester United. Der Plan des Portugiesen lässt sich schnell beschreiben: Manchester spielte in der Abwehr und im Mittelfeld eine klare Manndeckung, ließ aber immer einen Amsterdamer Innenverteidiger frei, um ganz hinten selbst Überzahl zu haben. Ajax sammelte in diesem Spiel 67 % Ballbesitz, hatte gegen die Deckung der Red Devils aber Schwierigkeiten und unterlag folglich mit 0:2. Als Bosz Ajax daraufhin den Rücken kehrte und Dortmund übernahm, offenbarte die Borussia nach einiger Zeit ganz ähnliche Defizite. Die Gegner stellten oft das ganze Dortmunder Team rigoros zu. Und damit war das Ballbesitzspiel weitestgehend lahmgelegt. Ergänzt man diese Problemanalyse noch durch die Schwächen im Gegenpressing, dann sollte klar sein, wieso Bosz nicht allzu lange in Dortmund verweilte.

Aber war es nur ein dummer Zufall, dass Dortmunds und Ajax' Schwächen sich so ähnlich sahen? Schließlich fand Leverkusen unter Bosz in der vergangenen Rückserie selbst gegen Angriffspressingteams gute Lösungen. Der Niederländer führte die Werkself zur drittbesten Rückrunde und von Platz neun bis in die Champions League. Auch die Punkteausbeute in dieser Saison scheint erst einmal in Ordnung zu sein. Aus vier Spielen holte Leverkusen sieben Zähler. Die einzige Niederlage gab es gegen den BVB, auch wenn diese ordentlich gesessen hatte (0:4).

Doch allein die Bosz-Wechsel von Dreier- auf Viererkette (und wieder zurück) sind ein kleines Indiz: Im Spielaufbau läuft es nicht rund. Vor allem gegen Hoffenheim verfolgte die Werkself Probleme, die - ja - nicht unbekannt scheinen. Das Bosz-Team tat sich schwer, Chancen gegen einen destruktiven, mannorientierten Gegner herauszuspielen. Ähnlich wie bei Ajax. Ähnlich wie in Dortmund. Hoffenheim legte das Leverkusener Mittelfeld in Fesseln, war auf Spielzerstörung aus. Havertz und Co. fanden nicht ins Spiel, Leverkusen kam nicht in die torgefährlichen Bereiche. 

Dem Bosz-System fehlt Dynamik

Gegen den BVB mussten die Werkself-Zuschauer ebenfalls mit einem einschläfernden Ballbesitzvortrag vorlieb nehmen. Dortmund stand in vielen Momenten kompakt hinter dem Ball, verteidigte im Raum, aber nahm im richtigen Moment immer wieder Mannorientierungen zur Hand. Leverkusen versuchte von links nach rechts zu spielen, sich den Gegner zurechtzulegen. Doch in die Tiefe kam die Mannschaft dann viel zu selten. Das lag an den defensivstarken Dortmundern. Aber genauso an der Statik des Leverkusener Spiels. 

Bosz-Teams achten darauf, die eigene Struktur zu halten. Dadurch sollen alle wichtigen Räume besetzt sein und das Team hat zumeist auch eine ordentliche Ausgangssituation für das Gegenpressing. Doch eine große Dynamik entsteht so nicht. Bosz will durch das Anlocken auf einer Seite und die Verlagerung auf die andere, Passwege ins offensive Mittelfeld freiräumen. Wenn das aber nicht gelingt, war es das häufig mit spektakulärem Ballbesitzfußball. Das, was seine Mannschaften eigentlich auszeichnet, kommt nicht zur Geltung: schnelle Zentrumskombinationen Richtung Tor. Wer Leverkusen die Passwege ins Zentrum öffnet, kann schnell unter die Räder geraten. Dann nämlich wird die Offensive um Havertz von der Leine gelassen. Doch wer die Mitte dicht hält, ob durch Mann- oder Raumdeckung, hat gute Karten, Leverkusen wehzutun.

Kann das der Anspruch eines Teams sein, das Woche für Woche ein riesiges Ballbesitzplus sammelt? In der Ballbesitztabelle liegt Bayer mit fast 65 % auf Platz eins, vor den Bayern. Doch sobald dieser seinen Zweck nicht erfüllt, wittern die Gegner Höhenluft. Was das heißt, ist allen klar: Es drohen schmerzhafte Ballverluste und Konter. Hinzu kommt: Bosz fehlen die Innenverteidiger, die Überraschungspässe ins Mittelfeld spielen. Das tun weder Wendell, noch Sven Bender oder Tah.

Was ebenfalls beweist, dass Leverkusen sich zu wenig klare Chancen herausspielt: 95 % der Abschlüsse wurden außerhalb des Strafraums abgefeuert. Zum Vergleich: Nur sechs Teams schließen seltener in der Box ab, darunter Sorgenkinder wie Hertha, Hoffenheim oder Düsseldorf.

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Wie weh tut der Brandt-Abgang wirklich?

Schon in der Sommervorbereitung hatte Bosz davon gesprochen, dass man das System ohne Schlüsselspieler Brandt vielleicht etwas anpassen müsse. Gelungen ist das noch nicht. Denn, auch wenn man hochtalentierte Spieler nach Leverkusen locken konnte: Brandts Abgang nach Dortmund schmerzt nach wie vor. Schließlich brachte der Nationalspieler fast im Allgemein durch seine intelligenten Bewegungen Dynamik ins Angriffsspiel seiner Mannschaft. Brandt konnte es sich erlauben, mal seinen eigentlichen Raum zu verlassen, um das Spiel von weiter außen aufzubauen oder zusammen mit Havertz einen Halbraum zu überladen. Die Läufe des 23-Jährigen sorgten für unvorhersehbare Momente.

Weder die Dreier- noch die Viererkette im Spielaufbau wird für Bosz das Allheilmittel sein. Es geht vielmehr darum, Ideen zu schaffen, wie die Mannschaft gegen kompakte und/oder manndeckende Gegner zurechtkommt. Dazu fehlt ihr momentan das Werkzeug, das ihr Brandt stellenweise gegeben hatte.

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Der Bosz-Dualismus

Kurzum: Leverkusen weiß einen Gegner in Räume zu locken, aber kommt dann nicht gut genug nach vorne. Die Bosz-Elf weiß sich aus engen Situationen wie beim Angriffspressing zu befreien, aber gelangt daraus zu selten bis vors Tor. Und so kommt zwangsläufig die Frage auf: Ist Bosz wirklich ein ausgewiefter Ballbesitztrainer? Oder täuschen die einzelnen Highlights, die sein Team gegen gewisse Gegner setzen kann? So viel lässt sich bisher festhalten: Er ist den Beweis noch schuldig geblieben, dass er Munition gegen jede Art von Gegner hat. Gegen die einen kann seine Mannschaft entfesselnden Offensivfußball spielen. Das unterstrich die letzte Rückrunde. Gegen die anderen aber gehen ihr die Rezepte aus. 

Ob Bosz ihr die geben kann? Genau das wird darüber entscheiden, wie erfolgreich seine Amtszeit in Leverkusen letztlich wird. Ob Bosz endgültig zu einem der besten Ballbesitztrainer der Liga aufsteigt - oder ob die Kritiker aus vergangenen Tagen Recht behalten. Im schlimmsten Fall kann es am Ende sogar heißen: Bosz hat zwei Gesichter. Wo Ballbesitzfußball drauf steht, ist nicht immer Ballbesitzfußball drin.

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Tags: Bundesliga, Bayer Leverkusen, Peter Bosz

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