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Kohfeldt: Erst kam es knüppeldick, dann das Glück zurück

Als Glückspilz dürfte sich Florian Kohfeldt in den letzten Wochen nicht gefühlt haben. Gerade, als die Verletzenliste überquoll, hatte es auch der Spielplan nicht gut mit ihm gemeint. Mit RB Leipzig und Borussia Dortmund musste Werder innerhalb einer Woche gegen zwei ganz dicke Brocken ran. Was also tun, wenn einem Fortuna schon nicht hilft? Den Taktikfuchs raushängen lassen - dachte sich Kohfeldt und stellte sein Team mit allem was er hatte auf die Gegner ein. Mit gutem Ausgang gegen den BVB (2:2).

Wer nicht den ganzen Text lesen möchte:

- Kohfeldt will ein Ballbesitztrainer sein, das klappt mal besser, mal schlechter

- gegen Leipzig und Dortmund war der Defensivplan stärker als der Ballbesitzplan

- in beiden Spielen machte man sich selbst das Leben schwer

- Kohfeldts schraubte gegen Dortmund In-Game an Kleinigkeiten, das zahlte sich aus 

 

Kohfeldt setzt auf Defensive (und am Ende geht es doch wieder um Ballbesitz)

Wir wollen eine Ballbesitzmannschaft“, hatte Kohfeldt vor einigen Wochen noch frohen Mutes herausposaunt. Ein passender Nachsatz nach Leipzig und Dortmund könnte sein: „Wissen aber, dass das nicht immer geht.“

Kohfeldt verordnete seinem Team gegen die Bullen eine defensive Marschroute. Wie eigentlich immer gegen Nagelsmann-Teams: Er packte ein überraschendes 5-3-2 aus und brachte Leipzig in die Rolle des Nussknackers. Werder machte die Mitte dicht und Leipzig musste zusehen, wie es die aufbekommt. Die Antwort nach 45 Minuten lautete: gar nicht. Kohfeldts Plan hätte funktioniert. Wären da nicht die Standards gewesen.

Denn: Bremens Not-Elf ließ in der ersten Halbzeit aus dem Spiel heraus nur einen Leipziger Torschuss zu. Doch vor dem 1:0 durchkreuzte Nagelsmanns Elf Werders Manndeckungs-Idee bei Eckbällen. Bremen kassierte schon sechs Gegentreffer nach ruhenden Bällen. Eindeutig zu viel. Gerade in Zeiten, wo offensiv vielleicht nicht ganz so viel geht. 

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Das nämlich war am Ende vielleicht sogar das größte Problem. Nach vorne tat sich Bremen gegen Leipzig nach Rückstand und auch in Überzahl schwer. Es bleibt ein Phänomen: Kohfeldt selbst sieht sich als Ballbesitztrainer und wird dem auch durchaus gerecht. Seine Mannschaft belegt in der Ballbesitztabelle der Bundesliga Platz fünf und hat die viertbeste Passquote. In Spielen wie gegen Düsseldorf erspielte man sich unzählige Chancen, war haushoch überlegen. Aber gegen kompakte, defensivstarke Gegner stockt der Motor immer wieder. Das war schon letzte Saison so. Auch ohne Verletzungsmisere.

Kohfeldt hebelt Favres System (nicht ganz) aus

In Dortmund gab Werder ein ähnliches Bild ab. Wieder hatte sich Kohfeldt einen geschickten Defensiv-Plan gegen einen übermächtigen Gegner zurechtgelegt. Wieder lief es für seine Mannschaft ganz gut. Und wieder brachte sie Kleinigkeiten aus dem Tritt.

Kohfeldt hatte sich beim BVB für eine Art 4-3-2-1 entschieden. Damit wurde das Favre-System gespiegelt. Insbesondere die so wichtige Doppelsechs wollte Kohfeldt mit fester Zuordnung aus dem Spiel nehmen. Das Ziel: Die Mitte schließen, Dortmund am Flügel festnageln und Bälle erobern.

Warum es trotzdem zwei Gegentreffer gab? Die Borussia konnte (wie Leipzig in der Vorwoche) die Nussknacker-Aufgabe nicht erfüllen. Bremen stand kompakt und hielt den BVB aus den gefährlichen Räumen weg. Doch Dortmund konnte zu viel verlagern. Vor allem von links auf die rechte Seite. Kohfeldts Team packte am Flügel nicht immer so zu, wie es sich ihr Trainer vorgestellt hatte. Auch deshalb fehlte Bremen in Hälfte eins die Entlastung, wie Kohfeldt befand. Und wenn das der Fall ist, steigt eben die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann ein Ball im eigenen Netz zappelt. Obwohl man eigentlich gut dagegen hält.

Zu wenig Ballbesitzfußball gegen Dortmund?

„Ballzirkulation in Dortmund ist möglich. Man muss nur den Mut dazu haben“, lieferte Kohfeldt nach dem Spiel eine weitere Erklärung für den geringen Ballbesitz in der ersten Halbzeit. Tatsächlich wurden seine Bremer vor allem nach Umschaltmomenten gefährlich. Kohfeldt war das zu wenig: „Wir haben sehr stark auf Konter gesetzt, weil es vor dem 1:0 geklappt hat. Damit haben wir uns aber kontrollierte Phasen genommen.“

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Wenn es die mal gab, hatte Werder seine Probleme. In den klaren Ballbesitzmomenten formierte sich Bremen  in einer Art 3-Raute-3. Sahin fiel in die Abwehr zurück. Drei Spieler positionierten sich im Rücken der Dortmunder Doppelsechs. Doch ein wenig schien man sich mit seiner Idee übernommen zu haben. Werder bekam zu spüren, dass es gegen den BVB wahnsinnig schwer ist, in diese Räume hineinzuspielen. Das Offensivsystem von Ballbesitztrainer Kohfeldts hakte. Mal wieder.

Bremen und Kohfeldt machen es in Hälfte zwei besser

Das 2:2 wirkte dennoch leistungsgerecht. Kohfeldts Taktik-Streiche im Spiel gingen auf. Er konterte Julian Brandts Einwechslung mit einem 4-4-1-1. Und: Er schob zur Pause die Außenverteidiger weiter nach vorn. Über sie und Klaassen kam Werder besser in die Offensive. Das ist im Zweifel eine der großen Kohfeldt-Stärken: Was sein Ballbesitz-Matchplan versäumte, konnte er schon letzte Saison durch forsche In-Game-Korrekturen gerade rücken. Am liebsten schmeißt er dabei alles nach vorne.

Gegen Leipzig waren Kohfeldts Umstellungen noch krachend gescheitert. Er war auf 4-Raute-2 und 4-3-3 gegangen. Die Bullen konterten Werder aus. Umso höher ist es Kohfeldt anzurechnen, dass er seinen In-Game-Mut gegen die Dortmunder Umschaltbestie wiedergefunden hat. Er machte aus der Not eine Tugend, wollte mehr Entlastung schaffen - ohne den defensiven Plan völlig über Bord zu werfen.

Und auch wenn Kohfeldt in diesen Tagen kein Glückspilz sein mag. Ein Unentschieden in Dortmund mit glücklichem In-Game-Händchen und erfolgreicher Ecken-Taktik hätte er vor der Partie wohl unterschrieben. Gerade nach dem Standard-Dilemma der Vorwochen. 

Vielleicht hat Kohfeldt im Vorfeld ja ein vierblättriges Kleeblatt gefunden und es auf seine Taktik-Tafel geklebt. Vielleicht beherrscht er seinen Job aber einfach nur gut. So viel scheint sicher: Ein Pechvogel ist Kohfeldt gewiss nicht. Eigentlich kann es jetzt nur einfacher werden, oder?

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Tags: Bundesliga, Werder Bremen, Florian Kohfeldt

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