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Taktik-Kniff der Woche: Unions Fischer spielt die Favre-Deckung aus

So verrückt es nach einem 3:1 gegen Borussia Dortmund klingen mag: Eine taktische Meisterleistung war Union Berlins Auftritt am Samstagabend nicht. Der Aufsteiger hielt vielmehr mit Kampfgeist dagegen und profitierte gleichzeitig von schwachen Dortmundern. Dass Union das Mittelfeld nicht immer ganz dicht hielt, fiel kaum ins Gewicht. Der BVB fand die Räume nicht und wenn doch putzten die Eisernen die Angriffe meist am Strafraum weg. Ohne einen kleinen Taktik-Kniff wäre Union aber wohl dennoch nicht auf der Siegerstraße gelandet. Schließlich traf Bülter nach einer perfekt einstudierten Eckballvariante zum 1:0. Urs Fischer und sein Trainerteam verpassten Dortmunds Standardverteidigung damit endgültig das Schild "Großbaustelle". Denn nach Kölns Achim Beierlorzer ist der Schweizer nun schon der zweite Coach, der Dortmunds schläfriges Standardverhalten für sich zu nutzen wusste. Underdogs besinnen sich eben auf ihre Mittel. 

Drei Mann Richtung Fünfer, Bülter zum ersten Pfosten

Es war die 22. Minute in der Alten Försterei: Schütze Trimmel hatte sich den Ball an der rechten Eckfahne zurechtgelegt. Gleich vier Union-Spieler positionierten sich währenddessen in der linken Hälfte des Dortmunder Strafraums, fast an der Strafraumgrenze. Und das, um den BVB hinters Licht zu führen. Die Spieler in Schwarz-Gelb sollten nämlich glauben, das Quartett würde gleich mit Geschwindigkeit Richtung Fünfmeterraum sprinten und den Ball per Kopf in die Maschen wuchten wollen. Eine List. Denn nur drei der vier Eisernen nahmen wirklich den erwarteten Weg. Bülter hingegen täuschte ihn nur an, rannte im Rückraum quer vom zweiten auf den ersten Pfosten  - und wurde dort von Trimmel gesucht und gefunden. Ein Flachpass, ein Schuss - schon zappelte der Ball im Netz und die Alte Försterei tobte. Ganz so einfach war es in der Realität natürlich nicht. Schließlich tummelten sich alle elf Dortmunder im Strafraum, um den Eckball zu verteidigen. Warum also war das trotzdem nicht gelungen? Wie konnte Bülter so frei zum Schuss kommen?

Ein Taktik-Kniff gegen Favres Standardverteidigung 

An dieser Stelle kommt die Dortmunder Raumdeckung ins Spiel. Wer den BVB genauer verfolgt, der weiß: Favre lässt im Fünfmeterraum vier Positionen verteidigen. Langer Pfosten, kurzer Pfosten und zweimal das Zentrum. Möglichst mit kopfballstarken Spielern. Dazu stehen zwei Spieler kurz vor dem Fünferraum. Drei weitere Kollegen sollten außerdem vom langen Pfosten die Wege der Union-Spieler aufnehmen. Sancho deckte währenddessen den Rückraum ab. Am Strafraumrand wohlgemerkt.

Heißt im Klartext: Sechs Borussen standen recht nah vor dem eigenen Tor und verteidigten den Raum. Favre weiß, dass Gegentore nach Eckbällen häufig in Fünferraumnähe fallen. Dem möchte er entgegenwirken - allerdings auf Kosten des Zugriffs in anderen Strafraumregionen. Das gilt insbesondere dann, wenn die Manndecker außerhalb des Fünfers ihrem Job nicht ganz nachgehen. Der Spieler, der Bülter hätte verfolgen sollen, hieß Paco Alcacer. Der Spanier hatte ihn aus den Augen verloren, war zu spät. Aber der Reihe nach.

Dadurch, dass drei der vier Unioner tatsächlich in Richtung Fünferraum starteten, wurden die BVB-Raumdecker in ihren tiefen Positionen gebunden. Sie konzentrierten sich auf die einlaufenden Spieler, spekulierten nicht wirklich auf einen Trimmel-Pass in den Rückraum. So konnte keiner von ihnen rechtzeitig herausrücken, um Bülters Schuss noch zu blocken. Akanji versuchte zwar geistesgegenwärtig aus dem Fünferraum wegzukommen. Helfen sollte das aber nichts mehr. Schon war es passiert. Oder?

Nicht so ganz. Denn Unions Plan hatte es noch auf andere BVB-Schwachpunkte abgesehen. Die einen Dortmunder standen ganz nah am eigenen Tor, Sancho wiederum war zu weit weg. Der Engländer konzentrierte sich nur auf den Raum außerhalb des Strafraums. Die Folge: Zwischen ihm und seinen Kollegen klaffte eine Lücke. Sie ahnen es schon: Die Rede ist von der Lücke, in der Bülter schließlich sein Unwesen trieb.

Was hat das nun mit Alcacer zu tun? Die Raumdeckung von Favre wird häufig als die Wurzel allen Übels ausgemacht. Bülter aber deckte auch die Nachteile der Manndeckung auf. Alcacer musste reagieren, Bülter hinterherlaufen. Das ist grundsätzlich schwieriger, als wenn man selbst die erste Bewegung macht und sicher weiß, wo die Reise hingehen soll. Bülter nutzte den gedanklichen Vorsprung gegenüber Alcacer. Dazu war das Ganze eben noch fein mit den Kollegen abgestimmt.

Ehre, wem Ehre gebührt: Warum der Titel nun an Fischer geht

Am Ende bleibt zu sagen: Ja, Favres Idee bei Defensivstandards muss hinterfragt werden. Das liegt aber auch an gegnerischen Trainern, die gut durchdachte Pläne schmieden. Gewissermaßen hat Fischer den Grundstein für den Erfolg seiner Mannschaft schon an der Taktiktafel gelegt. Denn die Eckballvariante war keine spontane Idee der Spieler. Schließlich passte sie wie die Faust aufs Auge zur Dortmunder Standardverteidigung. Das deutet darauf hin, dass sie im Vorfeld klar abgesprochen wurde, wahrscheinlich sogar das Ergebnis einer Videoanalyse war. 

Und so liegt es nicht völlig fern, wenn man behauptet: Der BVB ist Fischer auf den Leim gegangen. Der Oskar für den Taktik-Kniff des Spieltags geht damit an den Aufstiegstrainer. Es war klar, dass Union Berlin den Dortmundern aus dem Spiel heraus nicht das Wasser reichen kann. Da bot sich eine ausgefuchste Standard-Taktik umso mehr an...

Tags: Bundesliga, Borussia Dortmund, Lucien Favre, Union Berlin, Urs Fischer, Taktikkniff der Woche

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