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Taktiktheorie: Pressingresistenz und Schulterblick

Häufig wird Pressingresistenz mit technischer Begabung begründet. Doch dies ist nur ein Teilaspekt dieser Spiel(er)eigenschaft. Individualtaktische Aspekte wie die ideale Raum- und Entscheidungsfindung sowie die richtigen Drehbewegungen spielen ebenso eine Rolle. Toorschuss.de hat sich mit der Frage auseinandergesetzt: Wie wird man eigentlich pressingresistent?

Ein Fallbeispiel, das den möglichen Konflikt zwischen technischen Fähigkeiten und Stabilität unter Druck treffend beschreibt, ist die Leistung von Bayerns Xabi Alonso in der Champions League gegen den FC Porto. Der Spanier gilt am Ball als durchaus begabt - kaum ein Spieler in den europäischen Topligen spielt derart temporeiche und weiträumige, zugleich perfekt getimte Diagonalbälle wie er. Fraglos ist dies ein Indiz für sein überaus hohes Fähigkeitenrepertoire in eigenem Ballbesitz. Doch der Grund für seine vorhandene Fehleranfälligkeit bei gegnerischem Pressing ist seine vergleichsweise geringe Reaktions- und Handlungsschnelligkeit, die zu einem mit seinen kognitiven Fähigkeiten auf dem Platz, zum anderen mit seinem taktischen Verhalten zusammenhängt.

Er vergisst häufig durch einen simplen Schulterblick das Feld und die Bewegungen in seinem Rücken zu beobachten, erkennt folglich gar nicht oder zu spät das Anlaufen des Gegners, wenn er sich in feldgeschlossener Position anbietet. Zudem ist seine Entscheidungsfindung dann häufig nicht gut, er dreht sich situativ aufgrund des schlechten Umblickverhaltens direkt in den Gegner. Ohne Frage: Alonso kann bei passender Einbindung ein Weltklasse-Akteur sein. Das (pass)technische Potenzial dafür hat er. Nur eben nicht die Pressingresistenz.

Dass Barcelonas kongeniales Mittelfelduo Xavi und Iniesta jahrelang als das Beste in Europa galt, ist kein Geheimnis. Ihr technisches Vermögen ist unbegrenzt, die Drehbewegungen genial und ihre Spielintelligenz hoch. Doch vor allem die schnelle Informationserfassung in strategisch-taktischer Hinsicht sorgt dafür, dass sie ihr fußballerisches Können überhaupt erst gewinnbringend integrieren können. Sie bewegen sich oft ideal in offene Räume vom attackierenden Gegenspieler weg und antizipieren infolgedessen genau, durch welchen Pass eine stabile Folgeaktion inszeniert werden kann. Zwar ist dies auch teilweise mit den vor allem unter Guardiola perfektionierten gruppen- und mannschaftstaktischen Elementen zu begründen, liegt jedoch gleichermaßen an ihrem vorausschauenden Handeln. Oft ist zu beobachten, dass sie sich vor der Ballannahme kurz umblicken, so bereits frühzeitig erahnen, ob sie unter Druck gesetzt werden, und welcher Raum bespielt oder mit dem Ball angelaufen werden kann. Ihre herausragende Technik hilft anschließend, die Idee tatsächlich fehlerfrei zu realisieren, ist aber keinesfalls der Hauptgrund für die saubere Umsetzung.

Das Erreichen von Pressingresistenz ist letztlich also eine Mischform aus Technik und Taktik. Eine funktionierende Gruppentaktik kann dabei helfen, ohne Umblickverhalten zu erahnen, wo Mitspieler freistehen könnten, der Schulterblick kann aber als wertvolle Absicherung dienen und bei der Wahrnehmung der unmittelbaren Umgebung helfen. Dabei spielt es keine Rolle, in welcher Spielfeldzone sich ein Akteur befindet. Selbst in einer feldoffenen Position im Mittel- oder Angriffsdrittel besteht die Gefahr, durch Rückwärtspressing überrascht zu werden. Auch hier könnte ein schneller Schulterblick Abhilfe schaffen. Um aktionale Sicherheit und die Möglichkeit zu erhalten, das im Idealfall vorhandene technische Rüstzeug in Bezug auf Raum und Zeit passend einzubinden. Zumal die gegnerischen Pressingmechanismen von Spiel zu Spiel und sogar innerhalb einer Partie wechseln können, die Beobachtung des nahen Raumes also permanent und fast ununterbrochen gefragt ist.

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